Verwunderung über Opferschützerin Klasnic

    4. April 2019, 17:40
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    Leiterin der Anlaufstellen für Opfer von Missbrauch in Kirche und Skisport unter Kritik

    Wien – Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic hat im Interview mit dem Magazin Datum angegeben, ihre eigenen Kinder körperlich gemaßregelt zu haben. "Natürlich hat er eine gekriegt, beide haben hin und wieder eine gekriegt", sagte die 73-Jährige. Sie ist Leiterin der 2010 eingerichteten Anlaufstelle für Opfer von kirchlichem Missbrauch und Leiterin der Ombudsstelle für Betroffene sexueller Gewalt im Skisport.

    "Na ja, es war ja nicht Gewalt. Es war eine flotte Detschn", sagt Klasnic in dem Interview weiter. Ihre Söhne würden heute darüber lachen. "Und so viel haben sie auch nicht gekriegt."

    Rücktrittsforderungen

    Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. "Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass Klasnic für ihr Amt moralisch nicht infrage kommt, so ist er jetzt erbracht", sagt Sepp Rothwangl von der Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt.

    "Wie will jemand, der frohgemut gesteht, seine Kinder geohrfeigt zu haben, und sich auch heute davon nicht distanzieren mag, einen so sensiblen Bereich wie die Leitung einer Kommission gegen Gewalt an Kindern verantworten", fragt Rothwangl. Ebenso wenig solle Klasnic "die Fälle von Gewalt an Kindern und Jugendlichen im österreichischen Skiverband betreuen".

    Fehlende Distanzierung

    "Auch eine Ohrfeige ist Gewalt in der Erziehung und damit nicht zu bagatellisieren", sagt Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin des Kinderschutzzentrums Die Möwe. Klasnics Aussagen haben Wölfl sehr überrascht, man kennt einander aus dem Opferschutz. "Es ist nicht klar genug distanzierend von jeder Form von Gewalt." Man müsse Fehler machen dürfen, "man muss sich dann aber auch davon distanzieren".

    foto: apa/expa/michael gruber
    Waltraud Klasnic überraschte mit ihren Aussagen auch Bekannte aus dem Opferschutz.

    Wölfl hält fest, dass es eine große Bandbreite von Gewalt gibt, die auch unterschiedlich starke Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder habe. "Die Jugendhilfe wird keine Maßnahmen wegen ein paar Ohrfeigen setzen, wenn es in einer Familie sonst eine liebevolle Atmosphäre und Grundhaltung gibt." Dennoch sei natürlich festzuhalten: "Eine Ohrfeige als Erziehungsmittel ist nicht nur verboten, sondern sicher auch schädlich." Gerade Menschen in der Öffentlichkeit sollten den Anspruch haben, sich "dem Ideal eines gewaltfreien Umgangs" anzunähern.

    Das Bewusstsein hat sich von Generation zu Generation gesteigert, Gewalt würde heutzutage in der Erziehung mehr aus Überforderung denn als aus Überzeugung passieren. "Es geht genauso um Demütigungen, Anschreien, Anschweigen", sagt Wölfl.

    Der Weg des Kinderschutzes

    Ein Blick zurück. Ende der 1970er-Jahre wurden Günter Pernhaupt und Hans Czermak vom Gesundheitsministerium beauftragt, "Erziehungsnormen und Züchtigungsverhalten in Österreich zu untersuchen". Die Untersuchungen mündeten in das 1980 im Orac-Verlag erschienene Buch Die gesunde Ohrfeige macht krank. Über die alltägliche Gewalt im Umgang mit Kindern. In Linz, Wels und Salzburg entstanden Mitte der 80er erste Kinderschutzzentren, 1989 wurde das Gewaltverbot in der Erziehung in Österreich gesetzlich verankert.

    Das war auch ein Verdienst von Pernhaupt und Czermak, die einen "ewig menschlichen Kreislauf" konstatiert hatten: "Immer die jüngste Generation bekommt die Rache der Elterngeneration zu spüren, die diese gegen die Großelterngeneration aufgespeichert hat. Der Schuss geht nach vorne los, statt nach hinten. Die Kinder erhalten die Ohrfeigen, welche den Großeltern gelten würden, wenn diese die aggressiven Wünsche der Eltern nicht erfolgreich tabuisiert hätten: Geschlagen darf immer nur der Schwächere werden." (Fritz Neumann, Martin Schauhuber, 4.4.2019)

    • "Beide haben hin und wieder eine gekriegt", sagt Waltraud Klasnic.
      foto: apa/expa/michael gruber

      "Beide haben hin und wieder eine gekriegt", sagt Waltraud Klasnic.

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