Frauen in der Medizin: Wo die gläserne Decke am dicksten ist

    12. April 2019, 12:00
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    Rund die Hälfte der Studierenden an Österreichs Med-Unis sind Frauen, in den ärztlichen Chefetagen regieren aber nach wie vor Männer

    Die Medizin wird zwar weiblicher, doch nur wenige Frauen arbeiten in Kliniken und Forschung in Führungspositionen. Das heißt nicht, dass sich Ärztinnen lieber in die zweite oder dritte Reihe stellen, sondern die institutionellen Rahmenbedingungen orientieren sich noch immer primär an Männern. So sind unter Primaren lediglich rund zwölf Prozent Frauen, nur etwa jede vierte Professur an den Med-Unis Wien, Graz und Innsbruck ist weiblich besetzt.

    Margarethe Hochleitner, Professorin für Gender-Medizin an der Med-Uni Innsbruck, fand dazu anlässlich des vergangenen Weltfrauentags deutliche Worte: "Den Verantwortlichen sollte klar sein, dass wir längst nicht mehr für die Rechte der Frauen im Gesundheitssystem kämpfen, sondern wir kämpfen um das Gesundheitssystem selbst, das ohne Frauen zusammenbrechen würde."

    DER STANDARD hat die Daten zum Gesundheitssystem analysiert und kommt ebenfalls zu dem Schluss: Ohne Frauen würde nichts gehen – angefangen bei der Pflege über die Versorgung und Beratung in Apotheken bis zu den Turnusärztinnen in den Spitälern.

    Im Pflege- und Gesundheitsbereich hauptsächlich Frauen

    Seit Juli des vergangenen Jahres erfasst ein neues Register die Beschäftigten von zehn Gesundheitsberufen. Das Gesundheitsberuferegister ist noch in Aufbau, hat Anfang April aber bereits über 127.000 Menschen erfasst, die in den betroffenen Pflege- und Gesundheitsberufen arbeiten – von der Pflege über die Logopädie bis zur biomedizinischen Analytik.

    Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass in diesem Bereich hauptsächlich Frauen arbeiten – an unserem Stichtag, dem 8. April, waren es 85,5 Prozent. Der höchste Männeranteil findet sich aktuell in der Physiotherapie (22,9 Prozent), der niedrigste in der Orthoptik (2,4 Prozent).

    Die Situation in Apotheken

    Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Apotheken: Von den mehr als 6.300 in Österreich tätigen Apothekerinnen und Apothekern sind knapp 80 Prozent weiblich. Der Männeranteil variiert je nach Bundesland etwas – er ist in Tirol am höchsten und in der Steiermark am niedrigsten.

    Laut Österreichischer Apothekerkammer macht insbesondere die Möglichkeit zur Teilzeit die Arbeit in Apotheken attraktiv. Immerhin vier von fünf der Beschäftigten würden freiwillig in Teilzeitdiensten arbeiten. An der Spitze nimmt der Frauenanteil jedoch deutlich ab: Nur jede zweite Apotheke wird den Angaben zufolge von einer Frau geführt.

    Glasdecke an Medizinischen Universitäten

    Ein ähnliches Bild zeigt sich an den Medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck. Während Frauen im vergangenen Studienjahr bei den Studierenden noch knapp die Mehrheit gestellt haben, sinkt ihr Anteil im Verlauf der universitären Karrierestufen drastisch.

    Als Indikator für Aufstiegschancen an den Universitäten gilt der Glasdecken-Index, der den Frauenanteil am wissenschaftlichen Personal in Relation zum Frauenanteil unter den Professoren und Professorinnen setzt. Ein Wert von 1 deutet auf gleiche Aufstiegschancen von Männern und Frauen hin, je stärker die Abweichung, desto "dicker" die gläserne Decke für Frauen. Im Wintersemester 2017 weisen die drei Medizinischen Universitäten einen Glasdecken-Index-Wert zwischen 1,85 und 2,19 aus.

    Zum Vergleich: Den besten Glasdecken-Index-Wert und damit nahezu gleiche Aufstiegschancen schafft im Wintersemester 2017 die Universität für angewandte Kunst Wien mit 1,1. Absolutes Schlusslicht ist die Montanuniversität Leoben mit einem Indexwert von 4,4.

    Karrierehindernis Familienplanung

    Auch auf der ärztlichen Leitungsebene in Spitälern sieht es, wie berichtet, für Frauen nicht rosig raus: Unter den Primarärzten und -ärztinnen sind nur zwölf Prozent Frauen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gaben Österreichs Ärztinnen als größtes Karrierehindernis an. Insbesondere Jüngere (Ärztinnen in Ausbildung) sehen für Frauen im ärztlichen Beruf größere Karriereeinbußen durch Kinder als für Männer ("ja, auf jeden Fall": 75 Prozent, "eher ja": 22 Prozent).

    Teilzeit ist weiblich

    Während Männer in Österreich im vergangenen Jahr großteils Vollzeit gearbeitet haben (zu 87,7 Prozent), zeigt sich bei Frauen ein anderes Bild: Diese waren nur zu 50,3 Prozent Vollzeit beschäftigt. Im Gesundheitswesen verringert sich die Vollzeitbeschäftigung bei beiden Geschlechtern etwas.

    Teilzeitarbeit kann als Indiz für Kinderbetreuung oder andere Betreuungsaufgaben gewertet werden. Der Mikrozensus der Statistik Austria weist als Hauptgrund für Teilzeit bei Frauen die Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Erwachsenen aus (35,3 Prozent). An zweiter Stelle folgt in der Gesamtbevölkerung, dass gar keine Vollzeittätigkeit gewünscht ist (20,5 Prozent). Im Gesundheitswesen gibt fast die Hälfte der Frauen, die Teilzeit in einem akademischen oder verwandten Beruf arbeiten, Betreuungspflichten als Grund an.

    Experten fordern schon länger, dass das Gesundheitswesen mehr auf die Bedürfnisse von Frauen Rücksicht nehmen sollte. Doch der Prototyp eines Mediziners ist weiterhin der Mann. Das könnte dem österreichischen Gesundheitssystem bald auf die Decke fallen. (Günther Brandstetter, Daniela Yeoh, 12.4.2019)

    • Artikelbild
      foto: apa/afp/karen bleier
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