Die Motive hinter den NS-Gewaltexzessen

    7. April 2019, 08:00
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    Wie sind Menschen fähig, derart grausame Massaker zu verüben, wie es während des Nationalsozialismus geschah? Historiker untersuchen die Gründe für das Eskalieren von Gewalt

    Die Bekämpfung der polnischen Partisanen durch die Nationalsozialisten ist eine Geschichte der verbrannten Dörfer. Der ländliche Raum samt seinen Wald- und Sumpfgebieten war im besetzten Polen "natürliches Habitat" der Partisanen, wie es Daniel Brewing ausdrückt.

    "Die großteils bäuerliche Bevölkerung stand unter Generalverdacht", schildert der Historiker. "Jedes Dorf, in deren Nähe Partisanen gesichtet wurden, war Zielscheibe. Egal, ob sich tatsächlich Hinweise auf Partisanen fanden oder nicht. Auch wenn es keinerlei Anhaltspunkte gab, galt das zuweilen erst recht als verdächtig." So wurden ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht, oft die gesamte Bevölkerung der betreffenden Dörfer an Ort und Stelle erschossen oder zur Zwangsarbeit deportiert.

    Massaker im Schatten von Auschwitz

    Wie konnte es zu derart willkürlichen Gewaltexzessen kommen? Und welche Motive spielten dabei eine Rolle? Fragen wie diese hat Daniel Brewing von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen in einer umfassenden Studie untersucht. Diese rückt ein bisher vernachlässigtes Kapitel der NS-Geschichte in den Mittelpunkt: die Massaker an der nichtjüdischen polnischen Zivilbevölkerung. Bis heute steht diese spezielle Form von Gewalt Brewing zufolge "im Schatten von Auschwitz" – so lautet auch der Titel des Buches, mit dem der Historiker die Randzonen der NS-Gewaltgeschichte ausleuchtet.

    Seine Erkenntnisse aus der Analyse der Massaker an polnischen Zivilisten, die er kürzlich am Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) vorstellte, sind aber noch mehr: Sie eröffnen neue Perspektiven darauf, wie Gewalt entsteht und legitimiert wird – und wie die NS-Herrschaft darauf aufbauen konnte.

    Brewing verwendet den Begriff des Massakers in Abgrenzung zu Kategorien wie Terror und Genozid. "Letztere suggerieren ein intentionales, von oben geplantes Vorgehen. Der Massaker-Begriff schließt hingegen die Aspekte exzessiver kollektiver Gewalt ein, die zufällig und improvisiert entstehen kann, eine Eigendynamik entwickelt und offen für eine Vielzahl von Motiven ist", sagt Brewing.

    Als Hintergrund für Gewaltexzesse macht Brewing drei Ebenen fest: Da wären zunächst tiefsitzende Feindbilder. Im Fall von Polen führt Brewing etwa die oberschlesischen Grenzkämpfe in der Folge des Ersten Weltkriegs an, welche im kollektiven Gedächtnis die Vorstellung verankerten, dass die Polen "kulturell rückständige Barbaren mit einer speziellen Affinität zu Gewalt" seien.

    Deutsche als Opfer stilisiert

    Diese Vorurteile aktivierte die NS-Propaganda im Zuge des Überfalls auf Polen 1939, der sich heuer zum 80. Mal jährt. Zusammen mit tatsächlich gewaltsamen Übergriffen der Polen auf die deutsche Minderheit infolge des Einmarschs der Wehrmacht bereiteten diese Feindbilder den Boden dafür, die Deutschen als Opfer zu stilisieren, die "quasi in einer humanitären Intervention" geschützt werden mussten, so Brewing. "Die Denkfigur vermittelte, dass es anständig war, als Reaktion Gewalt anzuwenden."

    Dazu kam als zweites Erklärungsmuster, dass die Partisanenbekämpfung auch im größeren Kontext der allgemeinen Besatzungspolitik äußerst nützlich war. "Die Politik nutzte die Partisanenbekämpfung systematisch zur wirtschaftlichen Ausbeutung der Landwirtschaft und zur Zwangsarbeiterrekrutierung. Mit den Massakern wurde Politik gemacht."

    Das dritte Erklärungsmuster, das der Forscher ausfindig gemacht hat, ist das Zusammenspiel von oberen und unteren Hierarchieebenen: Zwar wurde der Rahmen von Gewalt von oben aus gesteuert, die konkrete Umsetzung oblag aber der Interpretation der Verantwortlichen vor Ort. Dieser deutungsoffene Rahmen habe das Exzesshafte der Gewalt ermöglicht, sagt Brewing. Mehr noch: Die deutschen Besatzer teilten "Lizenzen zum Töten" aus. Insbesondere die "Volksdeutschen" wurden ermuntert, eigenmächtige Tötungen vorzunehmen.

    "Damit wurde das Gewaltmonopol des Staates aufgegeben und der Weg frei für eine Vielzahl von Motiven für Massaker: Rache, Kränkung, Hass, Gewaltlust", sagt Brewing. Später wurden auch polnische Bauern aufgefordert, sich aktiv an der Partisanenbekämpfung zu beteiligen. Taten sie das nicht, galten sie automatisch als "Helfer" der Partisanen.

    Lynchjustiz gegen Alliierte

    Eine ganz spezifische – und ebenfalls nach wie vor verdrängte – Ausformung von Gewaltexzessen erforscht Georg Hoffmann vom Haus der Geschichte Österreich: die öffentliche Ermordung alliierter Flieger in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Die NS-Propaganda nutzte die Angst vor den immer intensiveren Fliegerangriffen, um die Bevölkerung gegen die "Terrorflieger" aufzustacheln, die als Frauen und Kinder tötende Ungeheuer dargestellt wurden. Konnten sich abgeschossene Piloten auf den Boden retten, kam es nicht selten zu Hetzjagden. Die Gefangenen wurden öffentlich zur Schau gestellt, durch die Straßen getrieben, misshandelt und vielfach ermordet (mehr dazu hier).

    Auch hier gab es ein klares Feindbild, die offizielle Lizenz für die Zivilbevölkerung, Gewalt anzuwenden, sowie ein subtiles Zusammenspiel zwischen den Hierarchien. "Es wurden von den NS-Funktionären gezielt Situationen erzeugt, in denen die Flieger von einer Menschenmenge umstellt wurden und sich die Aggression immer weiter hochschaukelte, bis sich die Gewalt entlud", sagt Hoffmann, der gemeinsam mit Nicole-Melanie Goll vom HdGÖ die Fälle der Fliegerlynchjustiz im heutigen Österreich aufarbeitet.

    Spielraum für die Täter

    Notwendig für diese Art öffentlicher Massaker ist die Bühne, die durch die Schaulustigen entsteht: "Bei dieser Inszenierung von Gewalt geht es um die Herstellung einer Volksgemeinschaft, um die Verdeutlichung von Herrschaft", sagt Hoffmann. Dennoch habe es immer einen Spielraum für die Täter gegeben – was auch die lange gepflegte Vorstellung aushebelt, dass NS-Täter bloß willenlose Befehlsempfänger waren.

    Dem steht das Konzept der Selbstermächtigung der neueren Täterforschung entgegen, das die handelnden Personen in den Mittelpunkt stellt ((siehe Wissen). Die Logik hinter legitimierter Gewaltanwendung lässt sich auch auf Schauplätze außerhalb des NS-Regimes übertragen, wie die Forscher betonen. Derzeit untersucht Daniel Brewing Bilder vom "guten Soldaten" in den USA vom Sezessions- bis zum Vietnamkrieg, wo ähnliche Muster exzessiver Gewalt zu finden sind.

    Brewing plädiert jedenfalls für "mehr Grauzonen, Ambivalenzen und Komplexität" im öffentlichen Umgang mit der Geschichte, um ein realitätsgerechteres Bild des Geflechts verschiedener Gewaltformen zeigen zu können. Das im Fall von Polen weder die massiven zivilen polnischen Opfer noch die vereinzelte aktive Unterstützung für die Deutschen ausspart. (Karin Krichmayr, 7.4.2019)


    WISSEN
    Täterforschung: Von Monstern und normalen Männern

    Wie ist es möglich, dass Menschen zu so unfassbar schrecklichen Taten fähig sind, wie sie während des Nationalsozialismus geschehen sind? Seit Jahrzehnten machen sich Historiker darüber Gedanken, was den Holocaust und die Gewalt innerhalb des nationalsozialistischen Herrschaftssystems ermöglichte. Dabei gab es unterschiedliche Phasen, wie Täter und Täterinnen betrachtet wurden. Lange hielt sich die Vorstellung, dass letztlich nur eine kleine Zahl von entmenschlichten, monsterhaften Tätern für das Gewaltregime verantwortlich war, allen voran Hitler, auf dessen umfassende Mordbefehle sich auch die Angeklagten in den Nürnberger Prozessen nach 1945 beriefen. Mit dem Eichmann-Prozess 1961 kam außerdem das Bild des kühlen Schreibtischtäters hinzu, der eine fabriksmäßig-bürokratische Mordwerkstatt betrieb, unterhalten durch eine mehr oder weniger willenlose Masse an Befehlsempfängern.

    In den 90ern begann man den Täterbegriff auszudehnen und tiefer hinter die Motive der Einzelnen zu blicken. Daniel Goldhagen erklärte in seiner 1996 publizierten Studie "Hitlers willige Vollstrecker" die Fähigkeit zum Morden mit dem in der deutschen Kultur tief verankerten Judenhass, während Christopher Browning in "Ganz normale Männer" (1993) zeigte, dass die Täter nicht einfach durch Antisemitismus getrieben wurden, sondern eine Vielzahl von Motiven (Schwäche, Alkohol, Gruppendruck) eine Rolle spielte.

    Etwa zeitgleich hat Raul Hilberg, Pionier der Holocaust-Forschung, mit "Täter, Opfer, Zuschauer" (1992) die Kategorien erweitert. Heute spricht man u. a. von Mittätern, Helfern, Profiteuren und hat auch deren Handlungsspielraum im Blick. In den letzten Jahren versuchte die Täterforschung die Ebene des Einzelnen wieder mit der Systemebene zusammenzuführen. So hob Timothy Snyder, der sich 2010 in "Bloodlands" mit den Massakern in Osteuropa auseinandersetzte, u. a. hervor, dass in den staatsfreien Räumen im besetzten Osten eigene Gesetze herrschten. Der Soziologe Stefan Kühl wiederum sucht mit "Ganz normale Organisationen" (2014) in den weitverzweigten Strukturen nach Motiven für die Täter.

    Unbestritten ist, das die Zentralen der Macht auf vielen Ebenen mit ihren peripheren Ausläufern in Wechselwirkung standen – und es ein differenziertes Gemenge an Motiven für die Täter und Täterinnen gibt, die wohl nur in ihrer Gesamtheit den Horror erklären können. Obwohl lange ausgeblendet, hat die Thematisierung der Täter und ihrer Verantwortung mittlerweile auch in Museen und Gedenkstätten Platz gefunden – wie das Beispiel des Hauses der Geschichte Österreich zeigt. (kri)

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    US-Flieger: Vergessene Opfer der NS-Lynchjustiz

    • Eine Einheit "Volksdeutscher" marschiert im Oktober 1939 in Polen auf. Der Überfall  auf Polen und damit der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs jähren sich heuer zum 80. Mal.
      foto: berliner verlag / dpa picture alliance / picturedesk.com

      Eine Einheit "Volksdeutscher" marschiert im Oktober 1939 in Polen auf. Der Überfall auf Polen und damit der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs jähren sich heuer zum 80. Mal.

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