Fertility-Gap: Weniger Kinder als gewünscht

    6. April 2019, 11:00
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    Frauen in Europa haben weniger Nachwuchs, als sie sich eigentlich wünschen: Bei österreichischen Akademikerinnen ist die Kluft am größten

    In Österreich dominiert das gesellschaftliche Ideal, dass eine Familie zwei Kinder bekommt. Doch der Kinderwunsch von Frauen ist größer als die Anzahl der Geburten: Der "Fertility-Gap" bezeichnet die Lücke zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderzahl.

    Die Vermutung, dass der Kinderwunsch von Frauen höher liege als ihre Kinderzahl, wird oft als Argument für familienpolitische Maßnahmen angeführt. Eine Studie des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat die Annahme nun genauer untersucht: Verglichen wurde der in früheren Umfragen angegebene Kinderwunsch und die tatsächlich erreichte Kinderzahl von tausenden Frauen in 19 Ländern Europas mit Daten in den USA.

    Als Grundlage für die Studie wurden die Daten von 12.574 Frauen herangezogen, die in den 1990er-Jahren im Alter von 20 bis 24 Jahren sowie von 25 bis 29 Jahren für die "Fertility and Family Surveys" der UN-Wirtschaftskommission für Europa nach ihrem Kinderwunsch befragt worden sind. In der aktuellen Studie haben Eva Beaujouan, die an der Wirtschaftsuniversität Wien forscht, und die ÖAW-Demografin Caroline Berghammer untersucht, wie sich die damals abgefragten Zahlen zu den tatsächlichen Geburtenraten in den 20 untersuchten Ländern verhalten. Ihre Ergebnisse haben die Forscherinnen nun im Fachjournal "Population Research and Policy Review" veröffentlicht.

    Diskrepanz bei gewünschter Kinderzahl

    Das Ergebnis: Es existiert tatsächlich eine Diskrepanz zwischen gewünschter und tatsächlicher Kinderzahl. So gaben die in den 1990ern befragten Frauen aus Österreich an, im Durchschnitt zwei Kinder zu wollen. Wie die Geburtenraten für diese Jahrgänge heute zeigen, bekamen sie aber durchschnittlich nur 1,7.

    Am größten ist der Unterschied bei österreichischen Akademikerinnen: Jene, die im Alter von 25 bis 29 Jahren befragt wurden, wünschten sich im Durchschnitt 1,8 Kinder. Bekommen haben Akademikerinnen dieser Jahrgänge durchschnittlich aber nur 1,5.

    Ungeplante Kinderlosigkeit

    Einen Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit gibt es auch bei der Kinderlosigkeit: So wollten in Österreich, Deutschland und der Schweiz rund fünf Prozent der befragten Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren kinderlos bleiben, tatsächlich ist die spätere Kinderlosigkeit mit rund 20 Prozent aber viermal so hoch. Auch in Mittel- und Osteuropa wollten ursprünglich rund fünf Prozent kinderlos bleiben (in Ungarn sogar nur ein Prozent), in der Realität bleiben aber zehn Prozent, also doppelt so viele, ohne eigenen Nachwuchs.

    Bei Akademikerinnen ist diese Lücke am größten: Von den höher gebildeten 25- bis 29-jährigen Frauen gaben ebenfalls fünf Prozent an, keine Kinder zu wollen, tatsächlich bleiben aber 26 bis 30 Prozent im Lauf ihres Lebens kinderlos. Das trifft besonders für Österreich, die Schweiz, Deutschland, Italien und Spanien zu. In anderen europäischen Ländern wie Norwegen, Belgien, Tschechien und Ungarn besteht hingegen kaum ein Bildungsgefälle: Niedriger gebildete Frauen bleiben ähnlich oft kinderlos wie Akademikerinnen.

    Familienpolitische Maßnahmen

    Am Gesamtbild ändere dies aber wenig, sagt die Studien-Erstautorin Eva Beaujouan: "Akademikerinnen bleiben weitaus häufiger hinter ihrem Kinderwunsch zurück als niedriger gebildete Frauen. Deswegen sollte Familienpolitik bei ihnen ansetzen." Besonders Maßnahmen, die eine Kombination von Karriere und Kindern ermöglichten, seien wichtig, ergänzt die ÖAW-Demografin Caroline Berghammer: "Dazu zählen ein gut ausgebautes Kinderbetreuungssystem, einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld, wie es in Österreich bereits existiert, sowie eine höhere Flexibilität von Arbeitszeiten und Arbeitsort." Maßnahmen der Vereinbarkeit sollten auch Männer berücksichtigen, zum Beispiel durch die arbeitsmarktpolitische Förderung der Väterbeteiligung in der Familie, sind sich die Forscherinnen einig. (red, 7.4.2019)

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