"Our Planet": Netflix und das große Geschäft mit den Naturfilmen

Der Streaminganbieter liefert eine bildgewaltige Serie über die letzten Naturwunder – und landet gleichzeitig einen gigantischen Marketingcoup. Das Geschäft mit den Tierfilmen brummt

Doris Priesching
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5. April 2019, 09:00

Gut möglich, dass Netflix mit Our Planet zur richtigen Zeit am richtigen Platz ist. Acht Folgen prächtige Bilder aus aller Welt trägt die Dokureihe zusammen, mit dem nicht geringen Anspruch, eine Bewegung anzustoßen.

Ab Freitag lädt die Streamingplattform zur großen Naturwunderschau. Our Planet bietet einen Streifzug durch die Naturwunder der Erde mit allem, was dazu gehört. Sir David Attenborough tritt als Erzähler auf, für Werbezwecke warf sich sogar Prinz William ins Zeug.

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Zur Doku kommt ein Bildband heraus. Eine Homepage soll Bewusstsein für nachhaltige Lösungen wecken und etablieren. Netflix kooperiert mit Silverback Films und dem World Wide Fund for Nature.

Für die Umsetzung wurden mit Alastair Fothergill und Keith Scholey die wahrscheinlich erfahrensten Naturfilmer am Markt engagiert. Für die BBC haben sie jahrelang High-End-Naturdokus wie Planet Earth, Earth, Frozen Planet gemacht. Genau das, was Netflix wollte.

Fünf Jahre arbeitete das Team. Ziel war, die letzten Tiere und Pflanzen ihrer Art zu filmen – von den ganz kleinen bis zu den riesengroßen. Das Publikum darf sich über die erstaunlichen Fertigkeiten der Ameisen am Amazonas im Umgang mit Blattwerk zum Beispiel ebenso freuen wie über den Derwisch-Tanz eines liebestollen Strahlenparadiesvogels, über Flamingoherden beim Durchqueren großer Salzlacken in der Serengeti, Rentiere auf der Flucht vor hungrigen Wölfen, Eisbären auf Eisschollen, Raubkatzen auf Streifzügen, Quallen, Frösche, Meeressäuger. Blut fließt selten, die Our Planet-Natur ist grausam, jedoch niemals so grausam wie der Mensch, der verantwortlich dafür ist, dass die Naturwunder verschwinden.

foto: jeff wilson / silverback/netflix

Naturfilm spricht eine internationale Sprache, die jeder versteht, und dennoch gibt es kulturelle Unterschiede, die ein Opus wie Our Planet in der Originalfassung für Bewohner des Kontinents schwer verdaulich machen könnten. In jeder Folge erinnert Attenborough mehrere Male an die Bedrohtheit dieser fantastischen Natur.

Triefende Mahnkommentare mögen im angloamerikanischen Kulturkreis Pflicht sein, so viel Pathos ist anderswo längst unüblich. Aber die Botschaft muss eben ankommen. Überdies darf man nicht empfindlich sein, was den Musikbombast betrifft, mit dem Our Planet symphonisch dauerbeschallt wird. Wen das nicht stört, der erlebt ein jugendfreies Fest auf freier Wildbahn mit Gelegenheiten zum Staunen.

foto: jeff wilson / silverback/netflix

"Wir wirkten eher wie eine Militäreinheit"

600 Leute und haufenweise Drohnen schaffte Keith Scholey an die richtigen Plätze für die Aufnahmen zu "Our Planet". Der Showrunner über die Arbeit mit Sibirischem Tiger und Netflix.

STANDARD: Diese Dokumentation hat nicht nur großartige Bilder, sondern auch eine Message: Mutter Natur ist ernsthaft in Gefahr. Können Sie mit Our Planet helfen, die Erde zu retten?

Scholey: Die Voraussetzungen sind zumindest günstig. Die Grundlage zu diesem Projekt war, ein Event zu erschaffen, das die Massen bewegt. Wir können über Netflix viele Menschen mit unseren Geschichten erreichen. Wir haben neben der Serie eine sehr aufwendige Website, wo noch mehr Details über Umweltverschmutzung zu finden sind und darüber, was jeder Einzelne dagegen tun kann. Unsere Hoffnung ist, dass wir eine Diskussion darüber anstoßen. Wir wollen zeigen, dass wir zu den Problemen die Lösungen suchen müssen. Wir wollen Regierungen und Unternehmen in den Lösungsmodus bringen. Es muss schnell gehen.

foto: netflix

STANDARD: Sie möchten eine Bewegung starten?

Scholey: Die Zeit ist reif. Schulkinder gehen auf die Straße und rufen zum Umweltschutz auf. Sie sehen sehr klar, dass die Zukunft nicht gut aussieht, wenn wir nichts tun. Die Menschen meiner Generation, wir fühlen uns schuldig, weil wir das alles zugelassen und verursacht haben.

STANDARD: Auf wen geht die Initiative zu Our Planet zurück?

Scholey: Alastair Fothergill und ich wollten etwas in der Größenordnung von Planet Earth machen, und es ging definitiv darum, viele Menschen zu erreichen, um einen Bewusstseinswandel herbeizuführen. Wir waren sehr früh in Kontakt mit dem World Wide Fund for Nature.

STANDARD: 3.500 Drehtage, 600 Personen waren beteiligt. Wie haben Sie das logistisch gestemmt?

Scholey: Man muss viele Reisen organisieren. Das Kernteam war relativ klein, es bestand aus 40 Leuten, gut ein Dutzend Kameraleute, aber beim Dreh kommen viele dazu. Ein Trip in die Antarktis ist zum Beispiel jedes Mal eine Expedition, wir brauchten ein Boot und ein Rettungsteam, falls etwas schiefgeht, weil dich dort niemand findet. Wir wirken sehr viel öfter eher wie eine Militäreinheit als ein Medienteam.

foto: jeff wilson / silverback/netflix

STANDARD: Die Kunst ist, Naturphänomene so aussehen zu lassen, als würden sie gerade passiert. Wie lange haben Sie vor dem Eisberg gewartet, bis er bricht?

Scholey: Wir waren drei Wochen dort. So lange hatten wir auch gebucht. Der Bruch passierte am Nachmittag des letzten Tages, kurz vor Sonnenuntergang. Wir waren sehr erleichtert.

STANDARD: Drohnen haben den Naturfilm von Grund auf verändert?

Scholey: Ja, es ist fantastisch, obwohl mit Helikopterdrohnen zu filmen sehr teuer ist. Die Szenen vom Blauwal sind allesamt mit Drohnen aufgenommen. Sie erlauben einen sehr nahen Blick auf die Tiere.

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STANDARD: Der Anspruch war, möglichst seltene Tiere aufzuspüren, unter anderem den Sibirischen Tiger. Wie haben Sie ihn entdeckt?

Scholey: Das war tatsächlich am allerschwierigsten. Ein Kamerateam quartierte sich zwei Winter lang in einen winzigen Container ein und fror unter sibirischen Temperaturen. Es gelang ihnen nicht eine einzige Aufnahme. Dann platzierten wir Kameras an Wegen, von denen wir wussten, dass sie sie benutzen. Wir haben 18 sehr wundervolle Aufnahmen des Sibirischen Tigers. Es hätte genauso gut sein können, dass es schiefgeht und wir mit nichts heimkommen.

STANDARD: Wie viele der Geschichten standen im Skript und wurden dann am Schneidetisch montiert?

Scholey: Die sehr rohen Ideen werden fast alle vorher geschrieben. Wir wissen ziemlich genau, welche Szenen wir filmen möchten und was uns erwartet. Die Details entstehen aus dem Filmmaterial. Ich denke, es ist eine gute Sache. Die Idee ist, mit Wildhunden jagen zu gehen, aber man weiß nicht, welche Art es ist. Der große Rahmen ist ziemlich genau geschrieben, aber die Details hängen davon ab, was die Natur uns gibt.

foto: netflix

STANDARD: Macht es einen Unterschied, mit Netflix zu arbeiten? Geld scheint schon einmal keine Rolle zu spielen.

Scholey: Wir haben von Anfang an gesagt, was wir brauchen, und für Naturdokumentationen war es keine verrückte Summe. Was großartig an Netflix war: Sie sagten uns von Anfang an, dass sie Filmemacher engagieren wollten, die die Qualität bringen, die sie sich vorstellen. Sie sind respektvoll und stehen dazu.

STANDARD: Planen Sie mehr?

Scholey: Ich hoffe es. Wir haben noch nichts entschieden, weil wir die Reaktionen des Publikums abwarten.

STANDARD: Kritiker warnen, dass die Schönheiten der Natur zu zeigen genau den gegenteiligen Effekt auslösen könnte: Die Natur ist so großartig, es kann doch nicht so schlecht sein.

Scholey: Das ist immer die Schwierigkeit. Es braucht die große Show, um es einem großen Publikum klarzumachen. Wenn man vielen Menschen die Wunder der Natur zeigt, erzeugt das eine Wertigkeit. Die Herausforderung für uns ist zu sagen: Okay, du siehst diese wundervollen Bilder, aber das alles ist in Gefahr. Wir haben sehr hart daran gearbeitet, die Balance zu halten.

Keith Scholey (61) ist ein erfahrener Spezialist für Naturfilme, vor allem für die BBC. Mit Alastair Fothergill entwickelte er Our Planet.

foto: jeff wilson / silverback/netflix

"House of Cards" in der Tierwelt

Mit "Our Planet" liefert Netflix ab Freitag eine bildgewaltige Serie über bedrohte Naturwunder – und landet gleichzeitig einen gigantischen Marketingcoup. Das Geschäft mit dem Naturfilm brummt.

Den wolkenkratzergroßen Eisberg ins Meer krachen sehen. Mit tausenden Kormoranen nach Sardellen tauchen. Mit Wölfen heulen und mit Schakalen jagen. Den Gelbhosenpipras beim virtuosen Balztanz zuschauen. Den Stummelfüßer beobachten, wie er Leimkanonen auf Fressziele abfeuert. Beim ersten Ausflug des Philippinenadlerkükens dabei sein, von dessen Art es nur mehr 400 gibt. Die Orang-Utan-Mutter mit ihren Kindern durch die Bäume schwingen sehen: Die achtteilige Netflix-Doku Our Planet schreibt ab Freitag ein neues Kapitel in der Geschichte der Naturfilme – und wie zu erwarten war, musste es groß sein. Sehr groß.

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Zu Wasser und zu Land spürt die Doku die Letzten ihrer Art auf, Dschungel, Meere, Wüsten, Grasland, Süßwasser und Wälder stehen auf der Serienbühne, begleitet von symphonischen Klängen, Sir David Attenborough als Sprecher. Dazu erscheinen ein opulenter Bildband und eine Homepage.

Mehr geht fast nicht.

Debüt so groß wie "Game of Thrones"

Weniger offenbar auch nicht. Schließlich gibt Netflix sein Naturseriendebüt, und wenn ein Streamingportal sieben Milliarden Euro jährlich in Serien hineinpulvert, so darf es beim kapitalintensiven Outdoorfilm nicht kleiner sein. Kurz: Our Planet ist unter Naturdokus wie Game of Thrones in der Serienfiction – großes Drama, großes Business.

Das Geschäft mit den Naturfilmen brummt seit Jahren. Streamingplattformen und Sender brauchen Content. Naturdokus machen sich gut, weshalb produziert und gekauft wird ohne Ende. Discovery und BBC heben gerade eine gemeinsame Video-on-Demand-Plattform mit Naturdokus aus der Taufe. Bei der Händlermesse Mipcom in Cannes gehen ab Montag Tierfilme paketweise über die Verkaufstische.

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Mit allen im Gespräch ist Walter Köhler: "Naturfilm ist das internationalste Genre der Welt", sagt der Chef der Terra Mater Factual Studios. Dass Netflix sich genau auf dieses Thema setzt, wundert ihn überhaupt nicht: "Die Sprache der Natur wird überall verstanden."

Für die Plattform ist das Thema eine Win-win-Situation: Mit Our Planet erinnert Netflix an die bedrohte Umwelt – und landet gleichzeitig einen gigantischen Marketingcoup: Schaut her, wir machen nicht nur coole Serien, sondern zeigen auch die tollsten Naturbilder.

Köhler macht sich gerade auf den Weg nach Cannes. Im Gepäck hat er Sea of Shadows, einen Dokumentarfilm über die mafiösen Fischfangpraktiken im Golf von Kalifornien. Er kostete drei Millionen Dollar und stellt eine Erweiterung des Genres dar: Zu sehen sind nicht die Bilder einer heilen Welt, sondern solche von mafiösen Geschäften auf Kosten der Meeresfauna. Es ist ein Premiumprodukt, das im Herbst in die Kinos kommt und für das National Geographic die Rechte um rund drei Millionen Dollar erworben hat.

foto: kim ten wolde / silverback/netflix

"Wir sind die Guerillakrieger, und Netflix kommt mit der großen Panzerarmee", vergleicht Köhler die Größe von Terra Mater und Netflix. Der Produzent untertreibt: Die Red-Bull-Tochter Terra Mater Factual Studios gehört zu den wichtigsten Playern im globalen Business.

Genaue Zahlen zu den Herstellungskosten von Our Planet gibt Netflix nicht bekannt. Sie dürften aber weit über jenen der großen BBC-Dokus liegen, wo eine Folge zwei bis drei Millionen Pfund kostete. Der technische Aufwand treibt die Kosten in die Höhe: Drohnen, Kamerafallen, Teleobjektive und Hochgeschwindigkeitskameras gehören zur teuren Grundausstattung.

Fünf Jahre dauerte die Arbeit an Our Planet, 3.500 Tage wurde in 50 verschiedenen Ländern gedreht, Alastair Fothergill und Keith Scholey beschäftigten 600 Filmleute.

foto: jeff wilson / silverback/netflix

Zum Vergleich: Eine Ausgabe von ORF-Universum kommt im Schnitt auf 70 bis 80 Drehtage mit bis zu hundert Crewleuten und kostet rund 300.000 Euro. 30 Prozent steuert der ORF bei, der Rest kommt über Förderungen und Kooperationen herein.

"Der Wettbewerbsdruck ist gestiegen", sagt der interimistische ORF-Wissenschaftschef Tom Matzek. Den Markteintritt von Netflix begrüßt er trotzdem: "Ich freue mich über jede Konkurrenz, weil sie belebt. Wenn Plattformen wie Netflix große Prestigeprojekte machen, empfinde ich das als guten Input."

Jede Woche etwas Neues

Einer Kooperation mit dem Streaminganbieter steht Matzek skeptisch gegenüber: "Die Differenzen sind nicht so leicht überbrückbar", sagt er und verweist auf Konsumgewohnheiten: "Beim linearen Fernsehen sehen wir einen starken Trend zu Einteilern und nicht zu Serien. Jede Woche etwas Neues – damit punkten wir noch immer." Und er beobachtet bei Privaten, aber auch bei der BBC "die Tendenz zum höheren Dramafaktor mit brutaleren Szenen". Matzek nennt das "House of Cards in der Tierwelt". Universum soll Familienprogramm bleiben.

foto: jeff wilson / silverback/netflix

Zudem behält Netflix bei Originals die Lizenz zum Weltvertrieb. Das heißt: Der Produzent liefert und tritt sämtliche Rechte an Netflix ab.

Köhler hat das so bei The Ivory Game über Elfenbeinhandel mit Netflix praktiziert – und gewonnen: "Wir wollten auf einer Plattform mit 190 Millionen Abonnenten sein, weil wir uns von Anfang an vorgenommen haben, den nationalen Markt für Elfenbeinhandel in China zu illegalisieren." Drei Monate nach der Premiere erteilte China ein Verbot für Elfenbeinhandel. (Doris Priesching, 5.4.2019)