Žižeks Käse und die feministischen Echokammern

    Kommentar der anderen2. April 2019, 18:08
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    Warum es kultivierte Streitgespräche braucht – ein Plädoyer für schwierige Debatten

    Warum dürfen drei Männer nicht auf dem Podium sitzen, fragt Maria Stern im Gastkommentar. Die Liste-Jetzt-Parteichefin plädiert für den kultivierten Streit mit dem anderen Geschlecht, das an den "Katastrophen des Patriarchats nicht ganz unbeteiligt" ist.

    Brexit, Trump und Türkis-Blau sind Symptome einer gespaltenen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der Menschen einander nicht mehr zuhören. Doch wir brauchen mehr denn je offene Diskurse, keine affirmative Selbstbeweihräucherung oder vom Mainstream zelebrierte Gladiatorenkämpfe unter der Gürtellinie.

    Die Ankündigung der Liste-Jetzt-Veranstaltung "Disorder Under Heaven" rief heftige Reaktionen hervor, sogar eine Gegenveranstaltung. Warum? Auf dem Podium werden drei Männer sitzen. Das reicht, um in manchen Blasen Schnappatmung hervorzurufen. Wenn dann auch noch der streitbare Populärphilosoph Slavoj Žižek mit Peter Pilz in den Ring steigt und die Diskussion von Robert Pfaller moderiert wird, der in seinem Buch "Erwachsenensprache" schonungslose Kritik am eigenen Milieu übt, dann sind sich manche linke Feministinnen plötzlich mit dem rechtsreaktionären Medium "Unzensuriert" einig: Die Veranstaltung darf so nicht stattfinden. Boykott statt Debatte. Wozu diskutieren, wenn die Meinung schon feststeht?

    Entsexualisierte Vagina

    Um eines klar zu sagen: Der Aufsatz von Žižek in der "Neuen Züricher Zeitung" ist, in der verkürzten Debatte, Käse. Die Rückeroberung des eigenen Körpers durch Frauen hat nichts mit dem Verlust von Erotik zu tun, wie Žižek behauptet. Im Gegenteil. Den eigenen Körper zu begreifen steigert die Lustfähigkeit.

    Žižek befürchtet, dass die detaillierte Auseinandersetzung mit der Vagina entsexualisiert. Diese Angst kann ich ihm nehmen. Die Wissenschaft beweist: Bei intensiver Betrachtung eines Phänomens wächst das Staunen. Zudem frage ich mich, wie er Pornos in diesem Zusammenhang wertet, zumal dort auch Penisse unpoetisch explizit dargestellt werden.

    Dem Sex geht's gut

    Dass er Femen unterstellt, die weiblichen Brüste der Sphäre des Sexuellen zu entziehen, ist lustig. Die Aktionistinnen von Femen wissen: Sex sells. Sie nutzen dieses gänzlich unbestrittene Konzept lediglich für sich und ihre politische Arbeit. Dass dieser Ansatz auch unter Feministinnen umstritten ist, eint sie mit Žižek. Wahrscheinlich unfreiwillig. Ich kann Žižeks Auffassung, dass der sexuelle und der komische Akt einander ausschließen, nicht nachvollziehen. Ernst entrückte Minne ist auf Dauer fad.

    Die Menschheit hat in ihrer Entwicklung wahrlich viele Phasen durchgemacht. Die einzig verlässliche und kulturübergreifende Konstante ist die Lust. Wir müssen uns also keine Sorgen machen. Dem Sex geht's gut. Auch wenn Frauen das Ding beim Namen nennen und gegen Beschneidung, für das Recht auf Abtreibung, gegen zu hohe Kaiserschnittraten und Gewalt im Kreißsaal, Rape-Culture, Gift in Tampons und Binden kämpfen. Frauen, die einen klaren Blick auf die Machtverhältnisse haben, genießen im Übrigen auch den besseren Sex. Fragen Sie mal eine unterdrückte Frau, die beides erduldet.

    Sind wir schon so verblödet?

    Aber ist dieser Dissens Grund genug, einen der anerkanntesten lebenden Philosophen darauf zu reduzieren und in der Folge nicht einzuladen? Zumal er ein Buch mit Judith Butler veröffentlichte und Mitglied von Diem25 ist. Sind wir schon so verblödet? Die Rechte wird's freuen.

    Warum dürfen drei Männer nicht auf dem Podium sitzen? Ich war in den vergangenen Jahren auf unzähligen Veranstaltungen, bei denen ausschließlich Frauen diskutierten. Mir ist bewusst, dass wir in der öffentlichen Repräsentanz der Geschlechter eine enorme Schieflage haben. Ich finde es aber unklug, dass zum Beispiel bei Veranstaltungen über Frauenfragen meist nur Frauen anwesend sind – im Panel und im Publikum. Ich vermisse den kultivierten Streit mit dem anderen Geschlecht, zumal Männer an den Katastrophen des Patriarchats nicht ganz unbeteiligt sind.

    Es wäre fantastisch, wenn linke Feministinnen an der Debatte aktiv teilnehmen würden. Schade, dass sich manche lieber in die vorgewärmte Echoblase zurückziehen. Denn jetzt geht es um die Frage, in welchem Land und in welchem Europa wir in Zukunft leben wollen. Kultivierte Streitgespräche ohne Scheuklappen sind überfällig. (Maria Stern, 2.4.2019)

    • Slavoj Žižek mag in Sachen Erotik und Feminismus irren, die Debatte darüber sollte aber nicht nur in vorgewärmten Echoblasen stattfinden.
      foto: apa/herbert neubauer

      Slavoj Žižek mag in Sachen Erotik und Feminismus irren, die Debatte darüber sollte aber nicht nur in vorgewärmten Echoblasen stattfinden.

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