Der Fall Lüdke: Inszenierung eines Serienmörders

    4. April 2019, 09:00
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    NS-Menschenversuche und Fake-News: Der Fall des angeblichen Berliner Massenmörders wirft noch heute viele Fragen auf

    foto: polizeihistorische sammlung berlin / jonas zilius, 2015.
    Kiste aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin, in deren Ausstellung Bruno Lüdke bis 1993 als Serienmörder dargestellt wurde.

    Im Februar 1958 ging die deutsche Bild-Zeitung schon wieder recht unbefangen mit dem Wort Krieg um. "Filmkrieg um das Schicksal des ,Massenmörders' Lüdke" lautete die Schlagzeile, darunter war der Schauspieler Mario Adorf zu sehen und daneben der "richtige" Bruno Lüdke in einer Porträtaufnahme, auf der man das erkennen soll, was man im Volksmund als eine Verbrechervisage bezeichnet.

    Der Film, von dem die Rede war, heißt Nachts, wenn der Teufel kam und stammt von Robert Siodmak, einem deutsch-jüdischen Regisseur, der während des Nationalsozialismus in Amerika im Exil lebte und inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt war.

    Für ihn war Bruno Lüdke eine Figur, die ihm half, die Nazis zu verstehen: ein vorgeblicher Massenmörder, der 1944 im Kriminalmedizinischen Institut starb, das das Reichssicherheitshauptamt in Wien eingerichtet hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach fiel der Berliner einem der Experimente zum Opfer, mit denen die NS-Wissenschafter versuchten, biologische Markierungen für Delinquenz zu finden und zu isolieren, um auf Grundlagen dieses "Wissens" danach den "Volkskörper" zu perfektionieren. Heute geht man davon aus, dass Lüdke keine einzige der Taten begangen hat, die man ihm zugeschrieben hat.

    Früher Fall von Fake-News

    Selbst der Bild waren die problematischen Umstände schon 1958 so weit klar, dass sie "Massenmörder" unter Anführungszeichen schrieb. Für die Bioethikerin Christiane Druml, die auch Direktorin des Josephinums in Wien ist, stellt Lüdke einen frühen Fall von Fake-News dar – und ist nicht nur deswegen hochaktuell.

    foto: imago stock & people / united archives
    Mario Adorf verkörperte Bruno Lüdke im Kriminalfilm "Nachts, wenn der Teufel kam" von 1958.

    Seine Geschichte hat für Druml "nicht nur medizinhistorische Relevanz, sondern beinhaltet auch ethische Aspekte: Wie gehen wir heute mit den Opfern des Nationalsozialismus um? Wir sind doch moralisch verpflichtet, das wahre Schicksal eines Menschen zu untersuchen und ihn zu rehabilitieren!"

    Die beiden Historiker Axel Doßmann und Susanne Regener haben die ganze Causa nun ausführlich noch einmal in den Blick genommen und dazu ein umfangreiches Buch mit zahlreichen Abbildungen veröffentlicht, das kürzlich am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) vorgestellt wurde. Fabrikation eines Verbrechers. Der Fall Bruno Lüdke als Mediengeschichte umspannt mehr als ein Jahrhundert und führt tief in die kriminologischen Voraussetzungen des NS-Menschenbilds.

    Konstrukt eines Mörders

    Regener stieß in einer polizeihistorischen Sammlung auf den Fall. "Es gibt eine lange Geschichte dieser Faszination für Verbrechertypologie. Der italienische Gerichtsmediziner Cesare Lambroso hat im 19. Jahrhundert physiognomische Muster für ein Menschenbild entwickelt, das vorgeblich auf Gesichtsformen beruhte, und das wird unter anderem im Nationalsozialismus weiter ausgebaut."

    Dazu kommen im Lauf der "Fabrikation" von Lüdke zu einem Mörder auch ein Fotoalbum, das gleichsam einen privaten Blick in die Psyche eines Verbrechers geben sollte; Aufnahmen von Lokalaugenscheinen an Tatorten; Befragungsprotokolle mit suggestiven Fragen; ein Abdruck von Lüdkes Hand; und schließlich ein zentrales Artefakt für Regener und Doßmann: eine Büste.

    "Lüdke war der erste und wahrscheinlich einzige Untersuchungsfall am kriminalmedizinischen Institut in Wien", berichtet Susanne Regener. Hier sollte alles zur Anwendung kommen, was in Sachen Vermessung und Abdruck und Befragung seit dem 19. Jahrhundert entwickelt worden war.

    In diesem Zusammenhang wurde 1944 auch ein Kopfabdruck von Lüdke genommen. "Diese Büste ist ein einzigartiges Exemplar, wie eine Totenmaske, aber von einem Lebenden genommen. Ursprünglich sollte sie wahrscheinlich in einem Kriminalmuseum ausgestellt werden, sie ist aber nach 1945 in einem Kuriositätenkabinett verschwunden und kam irgendwann neben Schrumpfköpfen zu liegen", schildert Regener.

    foto: department für gerichtliche medizin der medizinsichen universität wien / jonas zilius, 2015
    1944 fertigten Wiener Kriminalmediziner einen Kopfabdruck des vermeintlichen Serienmörders Bruno Lüdke an.

    Ob und in welcher Form die Büste, die sich in der Gerichtsmedizinischen Sammlung des Josephinum befindet, wieder gezeigt werden könnte, ist unklar. Derzeit ist das Josephinum bis 2021 zur Generalrenovierung geschlossen, und in diesem Zusammenhang sollen auch die Sammlungen neu geordnet werden. "Details sind noch offen", sagt Christiane Druml.

    Neben der Büste ist der Film von Siodmak ein zentrales Dokument in der Materialrecherche. Axel Doßmann sieht ihn als eminent geschichtspolitisch. "Der Film entstand in zeitlicher Nähe zu einer stark rezipierten Serie in der Münchner Illustrierten 1957. Man könnte sich fragen, wie es Siodmak gelang, aus diesem Stoff etwas zu machen, was als Film dann als ,politisch besonders wertvoll' prädikatisiert werden konnte."

    Doch was ist an Nachts, wenn der Teufel kam von 1958 so wertvoll? "Der Film passte perfekt in das geschichtspolitische Verhältnis dieser Zeit, bot Entlastung für alle, die nicht in der SS oder in der Gestapo waren und sich am Ende des Krieges doch eher verweigerten. Siodmak findet einen charmanten Weg, Deutschland mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu konfrontieren", sagt Doßmann.

    Viraler Mythos

    Mit den vielen neuen Kanälen, die in der Mediengesellschaft der jüngeren Vergangenheit entstanden sind, veränderte sich auch der Blick auf die Verbrecher noch einmal. True Crime wurde zu einem populären Genre, von dem auch der Fall Bruno Lüdke nicht ausgenommen wurde. In einer Berliner TV-Dokumentation aus dem Jahr 2013 sehen Doßmann und Regener vor allem eine Verlängerung von "Fantasiebildern" aus den 50er-Jahren in die Gegenwart.

    Damit setzt sich die Fabrikation unter anderen medialen Bedingungen fort: "Ein Mythos wird viral." Man kann in diesen Befunden durchaus auch Indizien für das Aufklärungspotenzial einer Gesellschaft sehen, die in den seriöseren Formaten noch auf die Logiken von negativen Hypes hereinfällt. Der "Filmkrieg" um Bruno Lüdke könnte mit der gründlichen Untersuchung von Doßmann und Regener aber doch endlich beendet werden. (Bert Rebhandl, 4.4.2019)

    Axel Doßmann, Susanne Regener: Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte
    38 Euro / 332 Seiten. Spector Books 2018
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