Zum Marathon: Gründe, den VCM zu lieben

Blog3. April 2019, 07:00
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Vom "Homerun" zugunsten der Vinzi-Rast über ein neues Bechersystem, die beste Luft des Jahres bis zum Tourismus-Benefit

foto: vcm/ rené vidalli

Dieses Wochenende ist also VCM: Der 36. Vienna City Marathon wird mit seinem Haupt- und den Nebenläufen die Stadt in Beschlag nehmen. Gut so. Denn auch wenn Österreichs größter Sportevent jede Menge Diskussions- und Kritikpunkte liefert, gilt: "Focus on the good." Denn der Marathon (ja, ich verwende die verknappt-vergrößernde Pars-pro-Toto-Formulierung) ist gut, wichtig und richtig. Ohne ihn würde Wien etwas fehlen. Mir auch.

Das heißt nicht, dass man die Veranstalter aus der Pflicht lassen soll, auch über Kritikpunkte zu sprechen. Das war in der Vorwoche an dieser Stelle auch ausführlichst Thema. Dennoch und gerade deshalb gilt: "Focus on the good."

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foto: vcm/ leo hagen

Da wäre zum Ersten das Lauferlebnis selbst: Die Route ist ein Traum. Macht eine der schönsten und lebenswertesten Städte in einer Art und Weise erlebbar, die es eben nur an einem Tag des Jahres gibt. Als "Museumsbesuch in kurzen Hosen". Zu Fuß und ohne Autos. Auch Nichtläuferinnen und -Läufern empfehle ich, die Ringstraße oder einen der anderen Streckenteile vor dem Lauf, während der Aufbauarbeiten oder unmittelbar nach der Masse (bevor der MA-48-Tross kommt und es dann wieder laut wird) zu erleben. Der Ring ist als auto- und demozugfreie Flanier-, Promenier- oder einfach nur Stadterlebniszone, das, wofür er errichtet wurde. Die Wienzeile auch: eine Visitenkarte, eine grandiose Repräsentationsfläche.

Ein Ort, der durch die Veränderung seiner Nutzung plötzlich eine ganz andere Identität bekommt.

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foto: vcm/ rené vidalli

Das hat auch praktischen Nutzen. Ebenfalls für alle. Vergangenen Mittwoch luden die VCM-Macher zur Verkehrspressekonferenz in die ÖAMTC-Zentrale. Es ging um die Verkehrs-, Um- und Zufahrtskonzepte zum Lauf. Um die durch den Event eben nicht "von der Außenwelt abgeschnittene" Stadt. Jeder Punkt ist den ganzen Tag über erreichbar, aber eben anders. Und idealerweise halt nicht mit dem Auto. Für Menschen, die immer noch an das Töfftöff in der City glauben, vielleicht ein Einstieg in einen Lernprozess.

Wobei der Überraschungswert dieser Erkenntnis enden wollend ist. Aber halt nicht für alle und jeden.

Noch eine Nichtneuigkeit, auf die hinzuweisen lohnt: Der Marathon verbessert die Luft der Stadt. Und das durchaus signifikant. Das wird seit Jahren von den Marathonmachern kommuniziert. Es wurde letzten Mittwoch dann auch ex cathedra von einer Expertin der ZAMG bestätigt. Zahlen? Schwierig. Denn nicht alles, was man in Wien (oder sonstwo) einatmet, wird auch ausschließlich hier in die Luft geblasen. Wetter und Wind spielen auch eine Rolle. Doch dass es einen Unterschied macht, wenn weniger Benzin verbrannt wird, ist unumstritten. Beinahe: Als sich aus dem Publikum ein ÖAMTC-Funktionärsurgestein der Kategorie "alter weißer Mann" meldete und erklärte, dass man das "so" nicht sagen dürfe, weil nicht der Verkehr, sondern auch das Heizen und so weiter und so fort …, lächelten sogar die Polizeivertreter auf und um die Bühne mit verdrehten Augen nur gnädig: Danke für die Retroeinlage.

Früher hängte der VCÖ, der Verkehrsclub Österreich, den letzten Marathonfinishern einen symbolischen Luftreinhalteorden um – den gibt es heute nicht mehr. Schade eigentlich.

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foto: vcm/ leo hagen

Weil heute hier "Focus on the good" das Leitmotiv ist, merke ich nur ganz kurz an, dass es vermutlich lediglich eine Frage des Abtausches "Werbefläche gegen ohnehin gelebte Praxis" wäre, wenn die Startnummern am VCM-Tag auch offiziell als Öffi-Ticket gälten. Anderswo geht das ja auch. Und es wäre eine rein kosmetische Maßnahme. Bei den Massen, die mit der Startnummer in der U-Bahn unterwegs sind, haben die Wiener Linien nämlich ohnehin weder Interesse noch Chance, durch Fahrscheinkontrollen den Verkehr weiter zu verlangsamen. Aber die Geste würde Wien speziell bei den eigens angereisten Gästen jenes freundliche Gesicht verleihen, das die Stadt international ja ohnehin hat. Nicht nur am Marathontag.

Nebenbei ein Tipp für alle, die an den Haupteinstiegspunkten der U1 in die schon volle U-Bahn wollen: Fahren Sie ein oder zwei Stationen in die Gegenrichtung. Am Keplerplatz oder am Alten Landgut ist kaum was los – und mit etwas Glück kriegen Sie sogar einen Sitzplatz.

Und: Machen Sie nicht den Touri- oder Rookiefehler, bei der Anreise zum Start beim Vienna International Center auszusteigen, sondern fahren Sie eine Station weiter: Über die Alte Donau rollen sie das Startfeld (samt Klos und Gepäck-Lkws) entspannt von hinten auf. Den Lauf versäumen Sie schon nicht.

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foto: vcm/ jenia hamminger

Noch etwas: Der Marathon ist ein Image- und Tourismusfaktor sondergleichen. Zahlen, die früher und seit Jahren immer wieder kommuniziert wurden, sagte Marathonmacher Wolfgang Konrad vorletzte Woche bei einem Pressegespräch, "haben wir selbst sehr skeptisch betrachtet. Aber wenn andere Gutes über einen sagen, wollten wir nicht öffentlich widersprechen."

Wissen wollte Konrad es aber schon. Also ließ der VCM im Vorjahr eine Tourismusstudie machen. "Wir waren, gelinde gesagt, verblüfft." Der Marathon bringt Wien 94.000 Besucher – also Gäste, die nur und ausschließlich wegen der Veranstaltung kommen und sonst nicht in der Stadt wären. Von den anreisenden Läuferinnen und Läufern verbrachten 55 Prozent 2018 mindestens eine Nacht in Wien. 84 Prozent nächtigten in kommerziellen Betrieben.

Durchschnittlich bleiben diese Lauftouristen 2,9 Nächte – und insgesamt ergab das im Vorjahr dann 127.000 Läufernächtigungen. Ach ja: Allein Lauftouris gaben in Wien (also ohne Anreise- und Anmeldekosten) 24,7 Millionen Euro aus, sagt die VCM-Tourismusstudie 2018 von RB Research Consulting. Und das Image, das Wien bei Besucherinnen und Besuchern hat, ist – no na – super.

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foto: vcm/ victah sailer

Bleiben wir bei schönen Zahlen: Seit dem ersten Lauf (damals "Wiener Frühlingsmarathon") am 25. März 1984 wurden beim VCM kumuliert 13 Millionen Kilometer abgespult. An einem Renntag kommen um die 750.000 Kilometer hinzu. Das ist 18-mal die Strecke rund um den Äquator.

Die 35 bisherigen Marathons summieren sich auf 1.476,83 Wettkampfkilometer. Die 1.500-Kilometer-Marke fällt heuer bei Kilometer 23,2 auf der Liechtensteinstraße. Die bisherigen 35 Läufe haben lediglich acht Läufer (aber keine Läuferin) absolviert, sieben von ihnen treten auch heuer wieder an. 269 Läuferinnen und Läufer haben den VCM zehnmal oder öfter "gefinisht", 15 weitere könnten heuer im "Club of Honour" dazustoßen.

Die Streckenrekorde liegen bei 2:23:47 und 2:05:47. Die Frauenbestzeit stellte die diesen Februar mit 51 Jahren verstorbene Italienerin Maura Viceconte im Jahr 2000 auf, die Männerbestzeit lief der Äthiopier Getu Feleke 2014.

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foto: vcm/ jenia hamminger

Noch mehr Zahlen? Insgesamt sind seit 2013 immer über 40.000 Läuferinnen und Läufer bei den Bewerben des Wochenendes (Marathon, Halbmarathon, Staffel, 10-K-Lauf, diverse Kinderbewerbe, heuer auch der 5-K-"Homerun") am Start. Der Teilnehmerrekord von 42.766 Anmeldungen (und 36.354 Finishern) stammt aus dem Jahr 2017. 2018 gab es 41.919 Anmeldungen aus 127 Nationen.

Entlang der Strecke werden beim Marathon dann 13,5 Tonnen Bananen, 10,5 Tonnen Äpfel und Orangen und 145.000 Liter Wasser und Iso-Getränke gereicht, insgesamt sind über 2.500 Personen (von Aufbau über Versorgungsstellen bis zu Eventtechnik) im Einsatz. 350 davon sollen sich langweilen: die Sanitäter (plus acht Notärzte). Die Zahl der Dixieklos habe ich zwar angefragt, die Antwort blieben mir die Logistiker des Laufes aber schuldig.

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foto: thomas rottenberg

Dass so ein Event eine Menge Dreck macht, ist kein Geheimnis. Die Plastikbecherberge auf und entlang von Laufeventstrecken sind legendär. Heuer startet der VCM gemeinsam mit "Wiener Wasser" und Adidas einen Pilotversuch, um hier einen Plan B zumindest einmal auszuprobieren: 700 Läuferinnen und Läufer werden mit kleinen, weichen Latexbechern ausgerüstet. Die Dinger haben einen kleinen Ring, mit dem man den Becher auch einfach an einem Finger befestigen könnte, wenn man ihn nicht irgendwo an den Startnummer- oder Gelgürtel hängt.

Die schon bisher vorhandenen offenen Wasserhähne entlang der Strecke sollen angeblich besser und prominenter ausgewiesen sein. "Wenn das funktioniert, haben wir vielleicht eine Antwort auf das Bechermüllproblem", erklärte Konrad und verwies schon am Rande des Interviews der Vorwoche auf die Vorreiterrolle, die Wien da spielt.

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foto: thomas rottenberg

Wobei Wien da kein Stand-Alone ist: Bis vor 14 Tagen war unsicher, ob und wie viele Becher es geben würde. Adidas-Österreich-Sprecher Georg Kovacic (rechts im Bild mit Wolfgang Konrad) hatte mir schon vor zwei Monaten von den Plänen erzählt – und auch das Problem benannt: Dieses Wochenende läuft Berlin Halbmarathon. Adidas ist dort einer der Hauptsponsoren, und in der internationalen PR- und Strahlkraft-Wertigkeit liegt der Halbe von Berlin halt weit vor dem Mix in Wien. Die 700 Wiener Becher waren allem Anschein nach nicht ganz leicht abzuzwacken. Denn billig sind sie nicht. In der Produktion kosten sie pro Stück fast zwei Euro. Und das Vertrackte an großen Events ist eben: "Everything counts in large amounts."

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foto: thomas rottenberg

Mein VCM 2019? Ich bin den Ganzen hier zweimal gelaufen. Den Halben, glaube ich, dreimal. Teil einer Staffel war ich ein- oder zweimal. Heuer? Ich bin nicht marathonfit. Klar, wenn nix Blödes dazwischenkommt, würde ich über die Volldistanz wohl schon durchkommen – aber: Cui bono? Ich will mich nicht abschießen und muss weder mir noch sonst wem etwas beweisen. Sonst hätte ich anders, nämlich auf den Event hin, trainiert.

Laufen werde ich aber. Just for fun. Vermutlich über die Halbmarathonstrecke. Und zwar als Begleiter der Vinzi-Rast-Staffeln im Zeichen des "Homeruns" der Obdachlosenbetreuungseinrichtung. Und ich bin stolz darauf, eingeladen worden zu sein, die Teams als "Buddy" unterwegs zu supporten. (Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass die mich nach zwei Kilometern abhängen werden.)

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foto: thomas rottenberg

Wer und was die Vinzi-Rast ist, möchte ich hier nur ganz kursorisch anreißen: 1993 wurde in Graz das erste Vinzidorf gegründet. 2003 kam dann unter der Leitung und Schirmherrschaft von Cecily Corti die erste Wiener Einrichtung. Hinter den mittlerweile sieben Projekten an zwei Standorten allein steht die Vinzenzgemeinschaft St. Stephan. Geschichte und Details gibt es hier.

Eines der Projekte der Wiener Vinzis ist der "Homerun". Den gibt es seit 2017 – und schon im ersten Jahr kamen über die Spendenseite und etliche Charityläufer fast 40.000 Euro zusammen. Grund genug, das Projekt fortzuführen.

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foto: thomas rottenberg

Heuer starten neben hoffentlich zahlreichen Charity-Läufern auch zwei eigene Vinzi-Rast-Staffeln, die sich zum Großteil aus einst und/oder aktuell von der Vinzi-Rast betreuten Menschen zusammensetzen. Oder Menschen, die für oder in Vinzi-Rast-Einrichtungen arbeiten. Oder einfach für die Vinzi-Rast laufen wollen: Wer da aktuell oder einst obdachlos, Betreuter, anerkannter oder noch in einem Verfahren steckender Flüchtling, Koch, Zivildiener, Mitarbeiter, ehrenamtliche Helferin oder schlichtweg Sympathisantin oder Sympathisant ist, spielt keine Rolle. Es gehört zu den Grundsätzen der Vinzenzgemeinschaften, Menschen auf Augenhöhe gegenüberzutreten – und nicht zu werten oder abzustufen.

Wer da ist, ist da – und willkommen. Egal ob man aus fremdem oder eigenem "Verschulden" gelandet ist, wo man ist. Und obwohl sich die PR-Frau der Vinzi-Rast fast einen Haxen ausriss, um mir zu jedem der Läufer und Läuferinnen de facto einen CV zur Verfügung zu stellen, halte ich mich an die Devise "come as you are": Wichtig ist nicht, wer wir sind, sondern dass wir da sind. Beim Lauf, aber auch und vor allem im wirklichen Leben.

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foto: thomas rottenberg

Ich bin mit einigen der Vinz-Rast-Läufern vergangene Woche ein bisserl gelaufen: Eine Staffel war zur Gänze, die sogenannte "Syrien-Staffel" zu Hälfte angetreten: Die anderen beiden mussten arbeiten. So wie auch Javid, der 20-jährige Halbmarathoni der Vinzi-Rast: Der gebürtige Afghane wuchs im Iran auf, kam 2013 nach Österreich und lebte von 2016 bis Februar im Vinzi-Rast-Cortihaus.

Er macht einen Tapeziererlehre, arbeitet als Billeteur in der Volksoper und anderen Theatern, spricht nahezu perfekt Deutsch und ist ein Hammer-Athlet: Javid hält zwei österreichische Kickbox-Meistertitel – und dürfte ein Hammer-Läufer sein. Darum schreibe ich seine Geschichte schon hier und heute: Ich nehme schwer an, dass er mir am Sonntag so rasch davonziehen wird (wenn ich ihn im Gewusel überhaupt finde), dass ich eh nicht wirklich mit ihm quatschen können werde.

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foto: thomas rottenberg

Bevor ich Samstagabend die Bilder vom Treffen mit den Vinzi-Staffeln auf Facebook stellte, fragte mich die PR-Frau der Vinzi-Rast, ob ich nicht bei befreundeten Laufschuhshops oder Labels wegen (gebrauchten) Schuhen oder Ausrüstung lästig sein könne. Denn für ihre Klientel sei der Preis eines Laufschuhs eben "echtes" Geld – eine Ausgabe, die oft gegen andere, im wirklichen Leben relevante Investitionen abgewogen werden müsse. Die Frage ist absolut verständlich und zulässig – mir ist Schnorrengehen dann aber immer ein bisserl unangenehm. (Meine eigenen überzähligen Testschuhe sind erst unlängst weitergegeben worden.)

Umso feiner war, dass ich gar nicht fragen musste: Ed und Elisa Kramer, die Betreiber des Traildogrunning-Ladens in Wien-Liesing, meldeten sich von selbst. Ja, die beiden sind gute und private Freunde. Aber: Na und? Das hindert ja niemanden anderen, ebenfalls Karmapunkte zu sammeln.

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foto: thomas rottenberg

So schwer ist das nämlich nicht. Das wissen – "Focus on the good" – auch die VCM-Macher. Deshalb findet der 5-K-Funrun des VCM nicht nur unter dem Homerun-Motto, sondern zur Gänze zugunsten der Vinzi-Rast statt: Das Startgeld hier geht – abzüglich der Organisationskosten – an die Einrichtung. Pro Starter und Starterin sind das 15 Euro. Damit kann eine Organisation die Schlafplätze und Betreuung anbietet, schon etwas ausrichten.

Der Haken an der Sache? Große Events werfen einen großen Schatten. Ein kleiner 5-K-Lauf geht da in der Kommunikation rasch ein bisserl unter. Noch dazu, wenn er sich quasi an die Kinder- und Jugendläufe am Samstagnachmittag "dranpickt" und die offizielle Anmeldefrist aus organisatorischen Gründen eine Woche vor dem Hauptevent endet.

Egal: Für den "Homerun" kann man sich nämlich auch noch am Freitag oder Samstag anmelden – und zwar auf der VCM-Marathonmesse.

Und wer auch das versäumt (oder einfach nicht laufen will), muss auch nicht nix tun: Den Homerun-Claim "Ich laufe – du spendest – wir helfen" muss man wohl nicht extra erklären. Und: Die Spendenseite des Homeruns zu finden ist keine Hexerei. (Thomas Rottenberg, 3.4.2019)


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