Nach der Depression: "Ich bin jetzt wieder okay"

    Reportage11. Mai 2019, 09:00
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    Die Kinder- und Jugendreha in Wildbad in Kärnten holt Teenager, die es hart im Leben hatten, zurück in die Normalität

    Es ist halb zehn Uhr Vormittag, die Wintersonne scheint warm durch das Fenster in den Aufenthaltsraum, und Florian (Namen von der Redaktion geändert, Anm.) lässt die Jalousien herunter. "Weil ich sonst am Handy nichts sehe", sagt er zu den anderen im Raum.

    Sein aschblondes Haar ist verwuschelt, vielleicht ist er bei seiner Suche nach Lukas Graham auf Youtube auch ein bisschen hektisch. Die anderen wollen ebenfalls Love Someone, den aktuellen Lieblingssong der Teenager in der Kinder- und Jugendrehabilitation Wildbad, hören.

    foto: heribert corn www.corn.at
    Aus dem Tief wieder herauskommen: In der Kinder- und Jugendreha in Wildbad ist das Selbstwertgefühl ein starker therapeutischer Hebel.

    Die dunkelhaarige Lilli zum Beispiel, die mit ihren dünnen Fingern gerade an einem Freundschaftsband knüpft, oder Michael, der DKT spielen will, weil er "komischerweise dabei immer Glück hat", wie er sagt. Er zieht einen Zettel aus seiner Trainingshose. Es ist sein Therapieplan, um elf hat er Krafttraining.

    Psychotherapie, Physio, Stärkengruppe, Biofeedback, Musik, Ergo, Massage: Der Aufenthaltsraum ist für die Jugendlichen die Wartezone zwischen ihren Therapieeinheiten. Eine Sozialarbeiterin animiert die Kinder, sich zu beschäftigen. Dabei läuft so gut wie immer Musik. "There are days, I wake up and I pinch myself, you are with me, not someone else, and I am scared, yeah, I'm still scared, that's all a dream", singt Florian mittlerweile laut mit, und der ernste Gesichtsausdruck von Lilli verzieht sich kurz zu einem kleinen Lächeln.

    Zurück ins Leben

    Der Song passt so gut zu den Teenagern, die alle in Wildbad sind, weil sie zurück ins Leben wollen, raus aus ihren Depressionen, aus ihren Angststörungen und Panikattacken, ihrer Fress- oder ihrer Magersucht.

    "Alle, die zu uns kommen, haben Katastrophen hinter sich", sagt Psychiaterin Brigitta Lienbacher, die die neue Einrichtung an der steirisch-kärntnerischen Grenze leitet und damit Pionierarbeit leistet. Ständig telefoniert sie, ist in Besprechungen, weil hier alles individuell und damit superflexibel ist. Sie will diese innovative Einrichtung erfolgreich machen.

    Zur Erinnerung: Für Kinder- und Jugendliche in Österreich gab es bis 2018 kaum Rehabilitation. Zusammen mit der Betreibergesellschaft Optimamed hat man hier erstmals Plätze für 24 Jugendliche mit psychischen Problemen geschaffen.

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    Konzentration, strategisches Denken beim DKT oder Sport: Diese Fähigkeiten gehen bei Depressionen verloren. Hier werden sie reaktiviert.

    Was Reha bedeutet: Selbstwert stärken, Körperwahrnehmung schulen, Gedanken positiv steuern, mit Frustrationen umgehen lernen – und Zuversicht entwickeln, das ist so gut wie allen, die hier ankommen, verlorengegangen.

    Reden wollen

    Jenny mit den vielen feinen Sommersprossen im Gesicht zum Beispiel, die monatelang nicht mehr ihr Kinderzimmer verlassen hat, "weil ich Angst hatte, von den anderen beurteilt zu werden", wie sie sagt. Ihre Panikstörungen begannen mit 13, gegen die Angst habe sie viel Essen in sich hineingestopft. Nahm stark zu, hat die Schule geschmissen.

    Dann war da ein Suizidversuch, ein Aufenthalt auf der Psychiatrie. "Dort redet ja keiner mit dir", sagt sie, "und wenn du wieder draußen bist, sagen die Leute, dass du dir das alles nur einbildest, weil Kinder keine Depressionen haben und du dich einfach nur ein bissl zusammenreißen sollst." Hier in Wildbad fühlt sie sich zum ersten Mal wirklich verstanden und unterstützt, sagt sie.

    Oder Lilli mit ihren dunklen Pippi-Langstrumpf-Zöpfen, ihrem Nasenpiercing und dem abgesplitterten Nagellack: Ihre Eltern haben sie noch nie gefragt, wie es ihr heute geht und ob sie okay ist. Auch Lilli hatte ihren Kontakt zur Außenwelt eingestellt und "nur mehr Netflix geschaut".

    Und dann hat sie sich eines Tages eben auch selbst verletzt, "um mich zu spüren", nennt sie es. Auf der Psychiatrie hat sie viele andere getroffen, "die sich ritzen", sagt sie. "Ich habe ein Aggressionsproblem, mit dem muss ich anders zurechtkommen", hat sie hier in Wildbad gelernt und im Rahmen ihrer Reha entdeckt, dass sich Sport dafür gut eignen könnte.

    Individualisierte Therapie

    Wenn Brigitta Lienbacher Lilli zuhört, dann lächelt die Kinder- und Jugendpsychiaterin. Mit sanfter Stimme erklärt sie die Eckpfeiler des Therapiekonzeptes. Depressive Jugendlichen haben den Kontakt zu sich und ihren Gefühlen verloren. In Österreich erkranken laut einer Studie aus dem Jahr 2015 sechs Prozent der Jugendlichen daran.

    Depressionen können sich als Niedergeschlagenheit, mangelnder Antrieb, Schlafstörungen, Konzentrationsproblem oder Lethargie ausdrücken. "Auch problematisches Essverhalten ist ein Zeichen dafür, dass die Seele leidet", sagt Lienbacher. Sehr viele Eltern sind mit dem Verhalten ihrer Kinder überfordert. "Ziel der Reha ist es, den Teenagern Skills zu vermitteln, mit denen sie die Hürden des Alltags besser bewältigen können."

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    "Ziel ist ist es, Skills zur Bewältigung der Hürden im Alltag zu vermitteln."Brigitta Lienbacher

    Daran arbeitet ein multiprofessionelles Team aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie, Sportwissenschaft, Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Pflege. Zweimal am Tag trifft sich das Team, um jeden einzelnen Patienten im Detail zu besprechen. "Wir passen den Therapieplan Tag für Tag neu an", sagt Lienbacher. Das sei ein gewaltiger logistischer Aufwand, den man sich aber leistet, weil nur so eine individualisierte Therapie gewährleistet sein kann, ist sie überzeugt.

    Sich selbst entdecken

    Florian hat heute auch Biofeedback bei der Psychologin Daniela Schmidhofer. Sie steckt den Kindern eine Art Fingerhut an, schnallt einen Gurt um die Brust und zeigt ihnen damit auf einem Bildschirm, "wie ihr Körper funktioniert". Die Kurven zeigen die Temperatur, den Hautleitwert, die Atem- und die Pulsfrequenz an.

    Wenn Schmidhofer Florian bittet, von 200 in Siebenerschritten herunterzuzählen, ergibt sich plötzlich ein wilder Zickzack. "Jetzt ruhig atmen", sagt sie, und Florian kann zuschauen, wie sich die Kurven wieder glätten. "So Sachen mit Luft sind cool", findet er und nennt es Skills, die ihm in seinem Leben zwischen Eltern, Pflegeeltern und Psychiatrie helfen sollen, besser als bisher die Ruhe zu bewahren.

    Auch schöne Gedanken denken lernt er bei Schmidhofer. "Viele Jugendliche verfallen durch die Krankheit ins Grübeln", sagt die Psychologin, mit bewusstem Entspannungstraining kann aber gegengesteuert werden. In Wildbad gibt es sogar einen eigenen Raum mit Sitzsäcken und Sofas, in dem Wolken an die Decke projiziert werden.

    "Die Jugendlichen sollen die Macht ihrer Gedanken entdecken", sagt die Schmidhofer, die auch Stärkengruppen leitet, in denen die Jugendlichen herausfinden sollen, was ihnen guttut und was nicht.

    Morgensport

    Die Macht ihres Körpers entdecken lassen: Das ist Sache der Physiotherapeuten in Wildbad. Den Neuankömmlingen in Wildbach sieht man ihre Niedergeschlagenheit ja auch körperlich an: hängende Schultern, Buckel, der Blick gesenkt. "Viele sind so schwach, dass sie nicht einmal einen Hampelmann schaffen", sagt Sportwissenschafterin Verena Weiß, die sich immer wieder freut zu sehen, wie sich das in fünf Wochen verändern kann.

    Sportmäßig gibt es hier alle Optionen. Es gibt einen Turnsaal, ein Trampolin, sämtliche Gewichte und Hometrainer. Der Tag wird zudem mit der allseits unbeliebten Morgenaktivierung begonnen, ein Spaziergang im Freien, den viele der Jugendlichen eher missgelaunt mitmachen, "weil sie müssen", so Weiß.

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    Viele Therapeuten arbeiten daran, dass Depressionen, Panikstörungen oder Angst zu vorübergehenden Episoden werden.

    "In der Früh raus, das freut niemand, aber nachher fühlst du dich gut", sagt Lilli. Beim kurzen Morgenlauf hat sie auch gespürt, dass es Tage gibt, an denen es ihr besser bzw. schlechter geht. "Es klingt jetzt zwar hart, aber wir sehen, dass ein geführter Tagesablauf und strenge Worte den Jugendlichen oft guttun", sagt Krankenpflegerin Renate Weilharter, die ihre Arbeit mag, weil es hier in Wildbad keine Routinen gibt.

    Der Stützpunkt ist 24 Stunden besetzt, "99,9 Prozent kommen zu uns, weil sie reden wollen", sagt sie und vermittelt Jugendlichen ein Gefühl von Geborgenheit. "Strenge bei Regeln und Routinen können ein Teil davon sein", sagt Psychiaterin Lienbacher.

    Selbstfürsorge lernen

    Auch zum Essen gehen die Teenager niemals allein. Sie werden von einer Sozialpädagogin begleitet. Da sitzen sie dann alle an einem großen Tisch beisammen, diejenigen, die gerade neu angekommen sind, oft stumm und mit hängenden Schultern vor sich hinstarrend. "Meine Mutter ist verstorben, ich lebe bei meiner Oma", sagt die perfekt geschminkte Julia, die offensichtlich keinen Hunger hat und ihr Essen lieber stehenlassen würde.

    Sie weiß noch nicht, dass hier am Tisch alles registriert wird. "Julia, Abnehmen geht hier nicht, das tut dir nicht gut", wird sie später im Gespräch mit Psychiaterin Lienbacher hören, weil sie die Sozialpädagogin über Julias Essensverweigerung informiert hat. "Ich bemüh' mich", verspricht Julia, weil sie nicht will, dass der Aufenthalt aus medizinischen Gründen abgebrochen werden muss.

    Denn als Akutversorgung ist die Kinder- und Jugendreha nicht gedacht. Was Lienbacher für Julia und alle anderen hofft, ist, "dass sie Selbstfürsorge lernen, sie zu Hause weiterhin anwenden und nie mehr vergessen".

    Love Someone dröhnt erneut aus der Box im Aufenthaltsraum. Lilli und Florian sind nach den Therapiestunden zurück und singen das Lied wie einen Soundtrack für ein schöneres Leben. "Eine Depression kann eine vorübergehende Episode sein", sagt Lienbacher, das ist das Ziel in Wildbad. (Karin Pollack, CURE, 11.5.2019)

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