Am Grazer Schauspiel geht's wahlweise ins Bierzelt oder ins Weltall

    1. April 2019, 19:18
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    Spannende Österreich-Premieren von Ferdinand Schmalz und Sibylle Berg am Schauspielhaus

    "Olle Tag an Fetz'n / olle Tag an Fetz'n / Wann soll i mei Oide wetz'n?" – Bierzelthymnen wie diese hört man nicht oft im Theater. Am ehesten noch bei den Rabtaldirndln, dem steirischen Performancekollektiv, das sich in seinen sarkastisch-satirischen Arbeiten den heimtückischen Seiten des Landlebens widmet. Jetzt aber erklingt das eingängige Lied als Illustration von Ferdinand Schmalz' Stück schlammland gewalt, das am Donnerstag am Schauspielhaus Graz seine Österreichpremiere hatte.

    Das Lied unterfüttert die Nacherzählung eines bei einem Dorffest engagierten Hendlbraters. Dieser wird im Verlauf eines Bierzeltevents Zeuge menschen- und frauenverachtender Handlungen, wechselt dann ungeplant mit der frustrierten Gattin eines Zeltgasts im Kühlraum der Hendlstation ins Liebesspiel, und wird dort mit ihr, der Doris, alleinig die über all das niedergehende gigantische Mure überleben.

    foto: lupi spuma
    Eva Mayer und Clemens Maria Riegler lassen sich in der an vier Seiten vom Publikum gesäumten Arenabühne des Schauspielhauses Ferdinand Schmalz' Sätze auf der Zunge zergehen.

    schlammland gewalt gleicht einem Langgedicht, dessen unorthodoxe Satzstellungen ("und nimmt jetzt wieder fahrt auf die kapelle") jene Sogbewegung erzeugt, die in die Katastrophe der Muräne führt. Diesen immer heißer werdenden Monolog hat Regisseurin Christina Tscharyiski ohne Firlefanz als zweistimmigen, prononciert agierten Einstünder inszeniert. Eva Mayer und Clemens Maria Riegler lassen sich in der an vier Seiten vom Publikum gesäumten Arenabühne (Haus 3) die Sätze auf der Zunge zergehen. Dabei können ihre vom Bratenfett glänzenden Gesichter das Geschehene oft nicht fassen.

    Tscharyiski (sie hat im Rabenhof den akklamierten Sargnagel-Abend Beisl, Bier und Bachmannpreis inszeniert) gibt dem Text Raum, sie spannt – als Wink aus dem Ödön-von-Horváth-Universum – einen Glühbirnenhimmel über die Szene (Bühne: Sarah Sassen) und engagiert eine Blaskapelle, die den Untergang klanglich absegnet. Einzig: Weniger Mimikspiel wäre mehr gewesen.

    Viel Beklemmung steckt in dieser Vivisektion einer Bierzeltepisode. Sie gehört ihrer meisterlichen Komposition, ihres metaphorischen Spaßes und ihres an Werner Schwab gemahnenden literarischen Duktus wegen (diese kühle Sächlichkeit!) gewiss zu den schönsten Texten von Schmalz.

    In der Sackgasse

    Sibylle Berg weiß vermutlich auch, was "Olle Tag an Fetz'n ..." bedeutet, drückt es aber ganz anders aus. In ihrer Dramentrilogie Menschen mit Problemen I bis III, mit der das Schauspielhaus Graz tags darauf im Haus 2 nachlegt, haben die Frauen noch mit ganz anderen Dingen zu kämpfen. Berg, die "letzte freie Radikale" unter den deutschsprachigen Autorinnen, kippt in den Stücken Und jetzt: die Welt!, Und dann kam Mirna und Nach uns das All ihre herzhafte Wutprosa in drei Stufen ab. Es sind Mutter- und Tochterfiguren, die an der Sackgassenhaftigkeit ihres Lebens laborieren: Selbstoptimierungszwang, Alleinerziehertum, Entsolidarisierung, Horizontverlust.

    foto: lupi spuma
    Selbstoptimierungszwang, Alleinerziehertum, Entsolidarisierung, Horizontverlust: Sibylle Bergs Dramentrilogie "Menschen mit Problemen" am Grazer Schauspielhaus.

    Regisseur Franz-Xaver Mayr, bekannt für formstarke Arbeiten (zuletzt Autos am Schauspielhaus Wien) ordnet die Textflut in einer strengen Sprechperformance an, die vergnüglich abschnurrt. Dafür sorgt schon Bergs Mutterwitz. In einem spiegelglatten weißen Kunststoffraum von Korbinian Schmidt, fern sozialrealistischer Assoziationen, schießen die makellosen Performerinnen in eleganten Theaterkleidern (Lara Sienczak, Ninja Reichert, Evamaria Salcher, Tamara Semzov) ihre Satzgeschwader hinaus. Es sind Viagra-Fabrikantinnen, Modebloggerinnen oder Kommunikationsdesignstudentinnen – alles, was der Markt gerade hergibt.

    Als Kontrapunkt fungieren die abwesenden Väter oder abwesenden Freunde (Raphael Muss, Pascal Goffin), bewaffnet mit nichts als einer Mandoline. Auch hier legt es die Regie an, die Texte meisterlich zum Glänzen zu bringen: famose Chorpassagen, präziser Staffellauf der Stimmen. Über manch Plakativität, wie man sie aus der Kolumnenprosa unserer Tage kennt, lässt sich sicher streiten. Gut so. Berg aber operiert hier – in einer Schlacht mit Begriffen wie "rassenübergreifendes Sperma", "veganger Sex", "Endgerätesucht" etc.) auf der Diskurshöhe unserer Zeit. Ein auch seiner szenischen Geschliffenheit wegen reich beklatschter Abend. (Margarete Affenzeller, 2.4.2019)

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