Caroline Messensee: "In Wien kleiden sich die Leute konservativ"

    Ansichtssache7. April 2019, 18:03
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    Wir haben vier Zeitgenossen nach ihren liebsten Kleidungs- und Schmuckstücken und ihrem Verhältnis zu Mode gefragt

    foto: katharina gossow

    Caroline Messensee "In Wien kleiden sich die Leute konservativ"

    "Ich finde, man sollte schon versuchen, mithilfe der Mode etwas aus sich zu machen. Bei mir fing das schon in der Kindheit an. Zu Hause waren die aktuellsten Modetrends zwar nie ein wirkliches Thema, aber einige Sachen habe ich schon gelernt: Man besitzt lieber weniger Stücke, die aber von besserer Qualität und zeitlos sind. Beim Einkauf kommt es mir unter anderem auf die Umgebung an. Ich würde nie in ein Einkaufscenter gehen, um mir Kleidung zu kaufen, weil ich diese großen Konsumtempel nicht unterstützen möchte.

    Hier in Wien kleiden sich die Leute konservativ. Sie trauen sich vieles nicht, weil die anderen komisch schauen könnten. Ich habe 20 Jahre in Paris gelebt, die Einstellung zur Mode ist dort eine völlig andere. In der französischen Hauptstadt trägt man auch Sachen, die lustig oder clownesk wirken. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass man ohne Strümpfe aus dem Haus geht, sobald es keine Minusgrade mehr hat.

    Jeder holt dort im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste aus sich heraus. Man sieht jeden Tag junge Frauen in der Metro sitzen, die auch nicht unbedingt das große Geld verdienen und trotzdem fesch aussehen. Das ist bei den Französinnen wie eine angeborene Fähigkeit. Die können tragen, was sie wollen, die haben die richtige Haltung, um sich herzuzeigen. Da liegt für mich auch ein Stück weit der Unterschied zwischen Stil und Mode. Deswegen sind bis heute auch die Straßen von Paris meine größte Inspiration, was Mode angeht. Man kann sich von den Menschen immer etwas abschauen.

    Ich finde aber auch, dass Wien auf einem guten Weg ist. Er ist weit, aber wenn die Stadt wie jetzt bessere Lokale, eine lebendige Kunstszene etc. bekommt, dann verändert sich auch die Gesellschaft. Mode hängt viel mit unserem Umfeld zusammen. Weil ich diese Entwicklung beobachte, gehe ich mittlerweile gerne durch die Stadt und stöbere in Secondhandgeschäften nach schönen Sachen, genau so wie ich es auch in Antiquariaten mache." (Thorben Pollerhof)

    Caroline Messensee ist die Direktorin des Artcurial Österreich in Wien, eines Nebensitzes des französischen Auktionshauses. Seit 2014 ist sie zurück in ihrer Heimatstadt.

    Caroline Messensee in einem Kleid von Marni und Stiefeletten von Isabel Marant.

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    foto: katharina gossow

    Stephanie Widmer "Würde nie im Jogginganzug auf die Bühne gehen"

    "Wir sind musikalisch sehr angetan von den 1960er- und 1970er-Jahren, dem versuche ich auch modisch Rechnung zu tragen. Ich bin aber ganz unabhängig von unserer Band Cari Cari ein kleiner Hippie, habe die Haare wie in dieser Zeit und liebe die runde Lennon-Brille. Man fragt mich immer wieder, ob ich auch abseits der Bühne bunte Kleidung trage. Tatsächlich mag ich das privat genauso gerne, ich fühle mich wohl darin. Offensichtlich sehen das meine Freunde ähnlich, wenn sie sagen: "Du kannst anziehen, was du willst, es sieht immer nach dir aus."

    Das Wohlfühlen in diesen Klamotten bedingt gleichzeitig, dass die Performance auf der Bühne stimmt. Es braucht dort wohl immer eine Art Kostüm – aber nicht irgendein beliebiges. Ich würde nie im Jogginganzug auf die Bühne gehen, das passt nicht zu mir, und es passt nicht zur Musik. Karl Lagerfeld hat einmal gesagt: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Das ist wirklich lustig, und ich sehe es in meinem Fall auch so.

    Mich ausschließlich in Secondhand zu kleiden wäre nicht mein Ding. Ich suche mein Outfit lieber in unterschiedlichen Boutiquen zusammen. Und ich nehme mir gerne Teile von überall mit, wenn ich unterwegs bin. Den rosaroten Jumper habe ich etwa in Hamburg bei Urban Outfitters gekauft, die Buchstaben zum Aufnähen in einer Schachtel unter dem Kassenschrank eines skurrilen Geschäfts im Hamburger Karoviertel gefunden.

    Es gibt da noch diesen Akubra-Hut aus Australien, der mich immer an unsere erste Tournee erinnert. Der ist secondhand, richtig gut abgegriffen und hat eine wunderschöne Patina – auch preislich ein Topkauf." (Sascha Aumüller)

    Stephanie Widmer bildet zusammen mit Alexander Köck die Indierockband Cari Cari, die beim österreichischen Musikpreis Amadeus aktuell in drei Kategorien nominiert ist.

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    foto: katharina gossow

    Jürgen Pettinger "Die Tattoos sind Abbild meines Lebens"

    "Meinen Unterarm zieren alte Kupferstiche mit botanischen und zoologischen Motiven wie Fische, Käfer und Blumen. Die Tätowierungen haben keine tiefere Bedeutung, ich habe sie mir vielmehr aus dem Bedürfnis nach etwas Beständigem in meinem Leben heraus machen lassen. Wir leben in einer extrem schnelllebigen Zeit, in meinem Job geht es täglich rund. Ich wollte deshalb Entscheidungen treffen, die ich nicht mehr rückgängig machen kann. Tattoos betrachte ich als Kunst, Tätowierer sind für mich Künstler.

    Ich habe Spaß daran, wenn auf meinem Körper etwas Neues und Einzigartiges entsteht. Dabei überlasse ich gerne dem Künstler, was dabei herauskommt. Ich gehe nicht mit fixen Motivvorstellungen zum Tätowierer, manchmal fällt die Entscheidung für eine Tätowierung auch ganz spontan: Ich habe mich in Linz, Wien, aber auch schon in Barcelona und Prag tätowieren lassen. Im Maturajahr habe ich mir das erste Tattoo stechen lassen, seither hatte ich an die zehn Sessions. Meinen Körper zieren ganz verschiedene Motive. Sie sind in den unterschiedlichsten Lebenssituationen entstanden. Man kann sagen: Die Tattoos sind ein Abbild meines Lebens auf meinem Körper. Bei dem Motiv für den Unterarm habe ich dem Tätowierer nur gesagt, dass mir alte Kupferstiche aus Biologiebüchern gefallen – und ihn darum gebeten, daraus etwas zu machen.

    In meinem Job als Nachrichtenmoderator trage ich wie ein Bankangestellter Anzüge, da sieht man die Tätowierungen natürlich nicht, und das ist auch in Ordnung so. Die Modelle sind alle im Besitz des ORF, meinen persönlichen Stil vor der Kamera würde ich als geradlinig und schlicht bezeichnen: Ich möchte mit meiner Kleidung nicht vom Inhalt ablenken.

    Nur wenn ich vom Eurovision Song Contest berichte, ziehe ich auch mal ein goldenes Glitzerjackett an. Dass Glitzer nicht alltagstauglich ist, finde ich wirklich schade! Zum Fotoshooting habe ich natürlich meine eigenen Sachen angezogen. Privat habe ich übrigens keine Lust auf Anzüge, ich besitze keinen einzigen." (Anne Feldkamp)

    Jürgen Pettinger ist Journalist und Live-Reporter beim Österreichischen Rundfunk. Seit Oktober moderiert er die Nachrichtensendungen "ZiB 20" und "ZiB 24" auf ORF eins.

    Der Moderator Jürgen Pettinger hat sich sein erstes Tattoo im Maturajahr stechen lassen.

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    foto: katharina gossow

    Dagmar Koller "Minikleider über 50 – das geht gar nicht"

    "Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mich der Mode nicht zu unterwerfen. Als junges Mädchen konnte ich mir nichts Modisches leisten. Später, als sich die ersten Erfolge einstellten, entwickelte ich meinen eigenen Stil. Dem bin ich treu geblieben. Ich trage, was mir passt.

    Ich habe ein besonderes Faible für Schwarz. Auch, weil es meine Figur als ehemalige Tänzerin betont. Im Moment rennt allerdings jede Frau und jeder Bub in Schwarz herum, das heißt, ich komme wieder mehr auf Farben und lässige Sachen zurück. Ich bin immer gegen das, was gerade in ist. Ich mag es nicht, mit der Masse zu schwimmen, auch wenn mich sehr interessiert, was andere Menschen tragen. Die Mode macht mir Freude, und die Jungen sollen sich ruhig etwas trauen.

    Ich habe mir heute beim Friseur die Haare waschen lassen und die Vogue durchgeblättert und mir angesichts der Fotos gedacht, dass es offensichtlich vorbei ist, dass wir schön sein müssen. Das macht mich glücklich, weil ich immer darunter litt, nicht das perfekte Gesicht zu haben. Sie müssen sich vorstellen, zu meiner Zeit gab es Frauen wie Lana Turner, Marylin Monroe oder Ava Gardner. Die waren vollendet schön. Ich war nie zufrieden.

    Ich dachte mir also, Gott sei Dank, wir sind nicht mehr nur auf die Schönheit angewiesen. Man kann seinen Charakter und sein Inneres präsentieren. Nicht gefallen hat mir allerdings, dass die Frauen allesamt unfrisiert waren.

    Was mir überhaupt abgeht, ist Eleganz. Es gibt im Moment wenige elegante Frauen in Österreich. Viele sind kitschig-elegant. Was gar nicht geht, sind Minikleider über 50. Da fällt mir mein Mann Helmut ein, der immer sagte: "Warum muss ich mir die Knie von der anschauen?"

    Shoppen gehe ich übrigens nicht gerne. Mir ist das An- und Ausziehen in den Kabinen viel zu umständlich, das heißt, ich nehm die Sachen mit nach Hause, ohne sie zu probieren, und komme dann drauf, dass sie mir nicht passen. Und dann muss ich erst wieder ins Geschäft gehen." (Michael Hausenblas)

    Dagmar Koller ist Sängerin, Schauspielerin und die Witwe des Politikers Helmut Zilk. Kaum zu glauben, aber kommenden August wird sie ihren 80. Geburtstag feiern.

    Dagmar Koller u. a. in einer Jacke von Dieci Sei Zero Otto und Schuhen von Christian Dior.

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