Die Kuh des Nachbarn und die Sozialpolitik der Regierung

Kolumne2. April 2019, 06:32
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Die Parolen von FPÖ und ÖVP sprechen niedrige Instinkte an: Den anderen soll es endlich schlechter gehen, den anderen will man es zeigen, die anderen sollen spuren

Heute mache ich Sie mit einem geflügelten Wort aus dem exjugoslawischen Raum vertraut: "Nek komšiji crkne krava." Wörtlich übersetzt heißt das "Möge die Kuh des Nachbarn krepieren". Die Wendung beschreibt eine Mentalität, eine nicht gerade schmeichelhafte Eigenschaft, die auf dem Balkan angeblich weit verbreitet ist. Gemeint sind, unschwer zu erkennen, Neid, Missgunst und der Wunsch, den anderen möge es noch schlechter ergehen als einem selbst.

Mehr denn je bin ich derzeit davon überzeugt, dass der Balkan in Wien beginnt. In letzter Zeit musste ich sehr oft an den Ausspruch mit der Kuh des Nachbarn denken, und zwar im Zusammenhang mit der aktuellen Sozialpolitik und insbesondere im Zusammenhang mit der Kommunikation der politischen Botschaften dazu. Die meisten Parolen, Maßnahmen und Appelle von FPÖ und ÖVP sprechen niedrige Instinkte an: Den anderen soll es endlich schlechter gehen, den anderen will man es zeigen, die anderen sollen spuren.

Seien es Flüchtlinge, die man zwingen will, jeden Job für jede auch noch so niedrige Entlohnung anzunehmen; seien es die Mindestsicherungsbezieher, die mit noch weniger auskommen sollen; oder seien es im Ausland lebende Kinder, für die es nun weniger Beihilfe gibt: Menschen verspüren offenbar große Genugtuung bei dem Gedanken, dass die Kuh des Nachbarn am Verenden ist.

Dabei ist es unwichtig, ob die Forderungen, die Parolen oder die Maßnahmen auf Fakten oder gefühlten Fakten beruhen, ob sie umsetzbar sind und zu welchem Preis. So verhallen etwa die Meldungen, dass das Foto auf der E-Card wesentlich mehr Kosten verursacht als der angeblich grassierende Missbrauch. Das will niemand hören, denn Hauptsache, wir haben es "Ali und seinem Cousin" gezeigt. Die Reform der Mindestsicherung wird nicht nur Flüchtlingsfamilien treffen, sie bedeutet auch weniger Geld für Kinder jener, die sehr lange in Österreich leben – und insbesondere für Alleinerziehende. Auch das scheint nicht richtig anzukommen.

Der Ausspruch über die Kuh des Nachbarn hat auch eine Fortsetzung: "Möge auch meine Kuh krepieren, dann kann er die Milch nicht von mir ausborgen." Irgendwann kann uns die Politik des Neides, der Missgunst und des Hasses so weit bringen, dass wir auch den eigenen Schaden in Kauf nehmen: Hauptsache, die anderen werden mitgerissen. (Olivera Stajić, 2.4.2019)

  • Sozialministerin Beate Hartinger-Klein forderte einen verpflichtenden Arbeitseinsatz für Asylberechtigte, "etwa als Erntehelfer oder im Kampf gegen den Borkenkäfer im Wald".
    foto: apa/georg hochmuth

    Sozialministerin Beate Hartinger-Klein forderte einen verpflichtenden Arbeitseinsatz für Asylberechtigte, "etwa als Erntehelfer oder im Kampf gegen den Borkenkäfer im Wald".

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