"Aus dem Konflikt ziehen Serben und Albaner Kapital"

    Interview3. April 2019, 20:54
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    Historiker Oliver Jens Schmitt erklärt, wie die Nationalisierung der Zugehörigkeitsverhältnisse erst im 19. Jahrhundert erfolgte

    STANDARD: Der serbische Präsident Vučić und der albanische Premier Rama sprechen seit ein paar Jahren vermehrt von einem angeblich jahrhundertelangen Konflikt zwischen Serben und Albanern und stellen ihn als die wichtigste zu lösende Aufgabe auf dem Balkan dar. Welche Motivation steckt dahinter?

    Schmitt: Beide spielen diese Sache hoch, weil sie politisches Kapital daraus ziehen wollen. Das ist eine altbekannte Taktik, um international Aufmerksamkeit zu generieren und außenpolitisch sowie innenpolitisch Unterstützung zu sichern. Beide werden im Inneren zu Recht als autoritäre Herrscher angefochten, die demokratische Strukturen und freie Medien außer Kraft setzen. Ein Teil der Bevölkerung durchschaut mittlerweile, was in diesem Zusammenhang nationalistische Parolen verschleiern wollen.

    STANDARD: Seit wann gibt es überhaupt so etwas wie "Albaner" und "Serben"?

    Schmitt: Nationalisten auf beiden Seiten gehen davon aus, dass es beide Nationen schon immer so gegeben habe, wie sie heute sind. Postmoderne westliche Forscher hingegen wollten diesen sogenannten Primordialismus dekonstruieren. Ihrer Meinung nach sind Nationen ein Produkt der jüngsten Vergangenheit. Die Dinge liegen wohl komplizierter: Albaner haben sich offenbar seit langem als besondere Gruppe empfunden, weil ihre Sprache sich so stark von jenen ihrer Nachbarn unterschied. Auf dem Balkan kam der Religionszugehörigkeit immer große Bedeutung zu. Gemeinschaft bildete sich und wurde sichtbar im Gang zur Kirche oder zur Moschee. Südslawische Orthodoxe im Kosovo haben stets Kirchen des serbischen Ritus besucht und wurden dort kulturell sozialisiert. Die Gleichung, dass Albaner mehrheitlich Muslime, Serben aber immer orthodox seien, ist historisch betrachtet aber falsch. Denn im Mittelalter besuchte die Mehrheit der Albaner im Kosovo den orthodoxen Gottesdienst, und auch Serben sind zum Islam übergetreten. Eine Nationalisierung dieser komplizierten Zugehörigkeiten erfolgte erst seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Es gibt also sehr wohl Albaner und Serben. Nur bedeuten diese Begriffe je nach Epoche unterschiedliche Dinge.

    STANDARD: Und wann wurde dann das Narrativ verbreitet, dass es einen "alten Konflikt" gebe?

    Schmitt: Das Narrativ vom "alten Konflikt" taucht in nationalpolitischem Sinne verstärkt mit der Großen Orientkrise (1876–1878) auf. Das serbische Interesse hatte sich zuvor auf Bosnien konzentriert. Erst als dieses von Österreich-Ungarn 1878 besetzt wurde, musste Serbien seine Expansionspläne notgedrungen ändern und nach Süden richten, obwohl schon damals Serbisch-Orthodoxe im Kosovo nur eine Minderheit der Bevölkerung bildeten.

    STANDARD: Wie waren die Vorstellungen vom jeweils anderen?

    Schmitt: Serbische Nationalaktivisten sahen in Albanern zum einen "Untermenschen", zum anderen aber eine Bevölkerung, die in die serbische Nation integrierbar war. Dies mutet paradox an. Doch die Arnautaši-These, wonach die Albaner islamisierte und albanisierte Serben seien, war für den Balkan nicht untypisch. Die Behauptung, der andere gehöre eigentlich zur eigenen Gruppe und müsse durch Umerziehung nur auf seine "wirkliche" Identität zurückgeführt werden, bestimmt den Nationalismus in der Region, nicht nur den serbischen, bis in die Gegenwart. Da dieses Projekt aber scheiterte, setzte sich im serbischen Fall die rassistische Variante gegenüber den Albanern durch.

    STANDARD: Woher kommt eigentlich dieser Rassismus?

    Schmitt: Im 20. Jahrhundert hat man auf dem Balkan begonnen, mit Furor das imperiale Erbe zu überwinden. Dieser Prozess dauert noch immer an. Das serbische Nationalprojekt will das imperiale Erbe – also die habsburgische und die osmanische Zeit – vergessen machen. Und die Albaner repräsentieren in der Vorstellung in Serbien das Imperium der Osmanen. Das hat auch damit zu tun, dass Serben in der osmanischen Zeit echte Türken gar nicht zu Gesicht bekommen haben. Die Vertreter des Osmanischen Reichs im serbischen Siedlungsgebiet waren in der Regel islamisierte Bosnier und Albaner. Die Albaner selbst haben ein gebrochenes Verhältnis zum osmanischen Erbe. Die neoosmanische Außenpolitik der Türkei umwirbt die muslimischen Albaner mit der Erinnerung an deren wichtige Stellung im Reich. Andererseits hat sich die albanische Nationalbewegung in Abgrenzung zum Osmanischen Reich gebildet, und das albanische Nationalprojekt beruhte auf der Europäisierung und Säkularisierung einer mehrheitlich muslimischen Nation.

    STANDARD: Was unterschied sie dann?

    Schmitt: Im Osmanischen Reich gehörten muslimische Albaner zur herrschenden Schicht. Das zeigte sich am Recht, Waffen zu tragen, das Christen besonders in den Ebenen verwehrt blieb. Das äußerte sich aber auch an der rechtlichen Privilegierung der Muslime, während Christen bei Streitfällen mit Muslimen vor einer islamisch geprägten Justiz weitgehend schutzlos waren. Nach zwei Aufständen (1804, 1814/15) erkämpften die Serben ein autonomes Fürstentum, das 1878 volle Souveränität erlangte. Ein souveräner albanischer Staat entstand hingegen, ebenfalls aus der Erbmasse des Osmanischen Reichs, erst 1912. Die serbische Eigenstaatlichkeit ist also rund ein Jahrhundert älter als die albanische. Freilich bedeutet dies nicht, dass der junge serbische Nationalstaat dem Osmanischen Imperium in allen Bereichen überlegen war.

    STANDARD: Wie entwickelten sich diese Vorstellungen davon, wer zu welcher Gruppe gehört?

    Schmitt: Es ist von komplexen Akkulturierungsprozessen auszugehen. Entscheidend waren Heiratspools. Diese folgten religiösen, nicht sprachlichen Kriterien. Slawische Muslime im Kosovo wählten nicht serbische/orthodoxe Partner, sondern muslimische, auch wenn diese mehrheitlich Albanisch sprachen. Umgekehrt heirateten albanische Orthodoxe nicht albanische Muslime, sondern serbische Orthodoxe. Die jeweils kleinere Sprachgruppe passte sich innerhalb der religiös definierten Gemeinschaft der sprachlichen Leitgruppe an. Diese Prozesse lassen sich nicht quantifizieren. Wir können daher nicht sagen, wie viele Kosovo-Serben von serbisierten orthodoxen Albanern abstammen und wie viele Kosovo-Albaner von albanisierten muslimischen Serben. Verabsolutieren darf man diese Vorgänge auf keinen Fall. Es hat sie aber gegeben. Die Zuweisung zu einer der beiden Gruppen erfolgte daher zuerst über die Religionszugehörigkeit, was im Osmanischen Reich auch andernorts üblich war. Eine Ethnisierung dieser Zugehörigkeiten setzte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein, gewann an Intensität aber erst nach der serbischen Eroberung des Kosovo (1912) und in den beiden Jugoslawien (1918–1941, 1945–1999).

    foto: apa/afp/armend nimani
    Die Identitätsfrage ist ein permanentes Politikum in Südosteuropa.

    STANDARD: Weiß man eigentlich, wie viele orthodoxe Albaner es im Kosovo im 19. Jahrhundert gab? In Albanien gibt es ja auch heute noch viele.

    Schmitt: Das kann man zahlenmäßig nicht beantworten. Sicher ist, dass zu den Orthodoxen neben Slawen auch Aromunen (Balkanromanen) gehörten und dass es in Prizren in der spätosmanischen Zeit zwischen beiden Gruppen zu Konflikten kam. Im 15. Jahrhundert hingegen weisen osmanische Steuerregister darauf hin, dass die große Mehrheit der Albaner im Kosovo orthodox war. Durch Übertritte zum Islam einerseits, die erwähnte sprachliche Akkulturierung im orthodoxen Milieu andererseits nahm ihre Zahl ab. Diese Prozesse verliefen aber unterhalb oder jenseits der Wahrnehmungsschwellen der Produzenten der wenigen Quellen, die uns zur Verfügung stehen. Die osmanische Verwaltung interessierte sich schlicht nicht für ethnische Prozesse. Muslime und Christen waren auch Steuerkategorien, und deswegen wurden sie entsprechend von der Verwaltung erfasst.

    STANDARD: Während des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs kam es dann zu Gewalt im Kosovo.

    Schmitt: 1912 kam es zur serbischen Eroberung des Kosovo im Ersten Balkankrieg. Zwischen 1918 und 1927 gab es einen albanischen Guerillakrieg gegen die zweite serbische Eroberung. 1945 kam es wieder zum Krieg bei der dritten gewaltsamen Eingliederung der Region in Serbien, diesmal im Rahmen des kommunistischen Jugoslawiens. Zwischen 1945 und 1966 folgte eine repressive Politik Serbiens gegenüber der albanischen Mehrheitsbevölkerung. Sowohl Ende der 30er-Jahre sowie unter Tito bis 1953 versuchte Jugoslawien die Albaner zur Auswanderung in die Türkei zu zwingen. Die genauen Zahlen sind schwer ermittelbar, doch dürften rund 200.000 Albaner zwischen 1918 und 1953 unter Druck nach Osten migriert sein. Auch die Serben haben ihre Geschichte der erzwungenen Abwanderung. Freilich wurden 1941 nicht Kosovo-Serben, sondern serbische Kolonisten, die der jugoslawische Staat in den Kosovo geschickt hatte, von Albanern vertrieben. Und die serbische Abwanderung nach 1945 hatte primär wirtschaftliche Gründe: Der Kosovo war das Armenhaus Jugoslawiens, und der Lebensstandard in Kernserbien lag deutlich höher. Diese Abwanderung deuteten serbische Nationalisten in der enorm emotionalisierten Stimmung der 1980er-Jahre als Teil eines angeblichen albanischen Genozidplans.

    STANDARD: Gegenwärtig versucht der albanische Premier Rama, das für sich zu nutzen, und spricht immer öfter von Großalbanien.

    Schmitt: Es ist bemerkenswert, wie Rama als Führer aller Albaner auftritt und die Regierung Kosovos dabei übergeht. Damit möchte er außen- wie innenpolitisch an Prestige gewinnen. Doch regiert er ein Land, dessen Bevölkerung Umfragen zufolge mehrheitlich am liebsten sofort auswandern würde. Ein Land, das zum wichtigsten Cannabisproduzenten Europas aufgestiegen ist und in dem die organisierte Kriminalität mutmaßlich gleich zwei Innenminister erfasst hat – der Bruder des plötzlich im Oktober zurückgetretenen Ministers Fatmir Xhafaj ist bereits verurteilt, während gegen den früheren Innenminister Saimir Tahiri vor kurzem ein Verfahren eröffnet wurde. Gegen Ramas autoritären Führungsstil demonstrieren seit Wochen Studenten, doch kaum jemand berichtet darüber. Rama kann wegen der geringen Albanien-Kompetenz im Westen sein Land wie eine Blackbox führen. Im Westen wird er als Künstler und Intellektueller porträtiert. (Adelheid Wölfl, 3.4.2019)

    Oliver Jens Schmitt ist Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Faschismus in Osteuropa, Gesellschaft und Politik im spätosmanischen Reich, die soziokulturelle Entwicklungen im albanischen Balkan (19.–21. Jahrhundert) und die spätmittelalterliche Geschichte des Balkans.

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