Elektromobilität einmal anders

    31. März 2019, 15:20
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    Der Staat darf dem einseitigen Druck der Autoindustrie nicht nachgeben

    E-Mobilität soll massiv durch die öffentliche Hand gefördert werden. So erreicht die Autoindustrie ihre Flottenziele und vermeidet Milliarden Euro Strafzahlungen, so die Verkehrsexpertin Lydia Ninz. Die Bundesregierung schweigt sich über Nachrüstungen und effiziente Sammelklagen aus, kritisiert sie im Gastkommentar.

    Also doch. VW drückt jetzt auf die Tube und rast rasant in Richtung Elektromobilität. Der Weltkonzern buttert Milliarden in eine Technologie, die er seit Jahren sträflich vernachlässigt hat. Kein Geringerer als VW-Aufsichtsratspräsident, der Österreicher Hans Dieter Pötsch, hat in einem Vortrag Wien eingeräumt, in der Vergangenheit zu wenig innovativ gewesen zu sein. Stattdessen hielten die Wolfsburger eisern an ihrer alten Dieseltechnologie fest, mit der sie – mangels Zukunftsinvestitionen – umso sattere Gewinne einfuhren: in Summe häuften sie 93,2 Mrd. Euro an operativem Gewinn seit 2008 an.

    Obendrein hat der Konzern – wie wir aus den Geständnissen in den USA und wegen der Milliarden-Strafzahlung in Deutschland wissen – jahrzehntelang Behörden, Kunden und Öffentlichkeit in die Irre geführt, mit falschen Angaben über Abgase. Wie die gesamte Branche fand der Konzern auch nichts daran, auf dem Papier die CO2-Werte ständig schrumpfen zu lassen, während sie auf der Straße unverändert hoch blieben. Der CO2-Ausstoß zwischen Schein (im Zulassungspapier) und Sein (auf der Straße) klaffen mittlerweile laut International Council on Clean Transportation (ICCT) um 39 Prozent auseinander. Schöne 119 Gramm in Theorie bedeuten schnöde 165 Gramm in Realität!

    Dass VW vehement in die Elektrozukunft starten will, hat einen Grund: Ohne massiven Anteil an Elektroautos ab 2020 drohen dem Konzern Strafen in Milliardenhöhe, weil er das gesteckte CO2-Flottenziel nicht erreichen kann. Flottenziel heißt: Im Schnitt dürfen alle in Europa verkauften Modelle nur 95 Gramm CO2 ausstoßen. Warum ist das Flottenziel in Gefahr? Immer mehr Kunden – selbst in der "Dieselhochburg" Österreich – haben die Nase buchstäblich voll vom Diesel und kaufen mehrheitlich Benziner. Kein Wunder nach dem Dieselbetrug und seiner ausgesprochen kundenfeindlichen Aufarbeitung mit fehlerhaften Software-Updates, durch die das eigentliche Problem – Abgase – bei weitem nicht behoben wurde und Dieselverbote und Wertverlust drohen!

    Da Benziner 15 bis 20 Prozent mehr CO2 ausstoßen als Diesel-Autos, kracht das Kalkül des Konzerns zusammen: Mehr Benziner erhöhen den Flottendurchschnitt – und rücken die 95-Gramm-Marke in unerreichbare Ferne.

    Also her mit den E-Autos. Sie zählen bei der Berechnung des CO2-Flottenziels als null – weil ja beim Fahren kein CO2 anfällt – und drücken den CO2-Durchschnitt nach unten. Je mehr E-Autos verkauft werden, desto eher gelingt es VW und den anderen Autoherstellern, ihre Flottenziele zu erreichen und Milliarden Euro an Strafzahlungen zu vermeiden.

    Kunden und Steuerzahler

    Damit diese Rechnung aufgeht, müssen zwei Seiten mitspielen: die Kunden und die Steuerzahler. Die Kunden müssen in großer Zahl E-Autos kaufen. Da diese viel teurer sind als Autos mit fossilem Antrieb, sind VW und die gesamte Autobranche darauf angewiesen, dass die Staaten – sprich Steuerzahler – die E-Mobilität mit Geld und anderen Prämien fördern. Vehementer als andere Konzerne verlangt VW massive öffentliche Subventionen zugunsten der E-Mobilität.

    Umweltfreundlich ist die E-Mobilität aber erst dann, wenn der zusätzliche Strom aus erneuerbarer Energie kommt. Auch hier sollen die Kunden und die Staaten in ihre Börserln greifen: Nichtfossile Energie kostet mehr und muss in genügender Menge bereitgestellt werden. Noch höhere Aufschläge für "Ökostrom" und womöglich staatlich geförderte Investitionen in Stromleitungen sind die Folge.

    Um ein E-Auto fahren zu können, braucht es genug öffentlich zugängliche Stromtankstellen in ganz Österreich. Auch hier sind Kunden und Staaten gefordert. Es müssen neue Tankstellen und zusätzliche Stromleitungen gebaut werden: Bis in die letzten Häuser in den hintersten Tälern. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne das Kabel seines "Stromers" einfach in den Hausstromstecker in der Garage hängen. In Städten muss in Ladestationen in Privatgaragen investiert werden.

    Richtig attraktiv werden E-Autos erst, wenn sie in einer Kaffeepause von 15 bis 20 Minuten aufgeladen werden können. Dafür sind extrastarke Stromleitungen nötig, die es noch nicht gibt, vor allem nicht an Autobahnen.

    Die Autokonzerne machen also Druck auf Staaten und Steuerzahler, drohen mit enormen Arbeitsplatzverlusten. Dass Konzerne versuchen, ihre glänzenden Gewinne auch in die Zukunft zu retten, ist zwar verständlich. Nicht verständlich ist es – aus Sicht der betrogenen Käufer -, dass die Staaten diesem Druck bedingungslos nachgeben, ohne ihnen im Gegenzug ein sinnvolles Entgegenkommen abzuringen.

    Das Minimum ist, die Abgasbetrüger und CO2-Schwindler dazu zu zwingen, den angerichteten Schaden für Umwelt und Verbraucher wieder gutzumachen. Nachrüstungen für manipulierte Dieselfahrzeuge gehören, dort wo es Sinn macht, ebenso dazu wie wirksame Kontrollen, dass so ein Betrug künftig nicht mehr vorkommen kann. Überfällig ist die Einführung einer effizienten Sammelklage für Massenschäden in Österreich. Über beides – Nachrüstungen und Sammelklagen – schweigt sich Österreichs Regierung aus. Stattdessen versucht Verkehrsminister Hofer, die Wähler mit Tempo 140 auf ein paar Autobahnkilometern zu ködern. (Lydia Ninz, 30.3.2019)

    Lydia Ninz ist Vorstandsmitglied des Verbraucherschutzvereins (VSV).

    • "Richtig attraktiv werden E-Autos erst, wenn sie in einer Kaffeepause von 15 bis 20 Minuten aufgeladen werden können. Dafür sind extrastarke Stromleitungen nötig, die es noch nicht gibt, vor allem nicht an Autobahnen."
      foto: apa/zb/hendrik schmidt

      "Richtig attraktiv werden E-Autos erst, wenn sie in einer Kaffeepause von 15 bis 20 Minuten aufgeladen werden können. Dafür sind extrastarke Stromleitungen nötig, die es noch nicht gibt, vor allem nicht an Autobahnen."

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