Datenjournalismus: Wie stieg die Miete in meiner Nachbarschaft?

Interview3. April 2019, 06:00
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Marie-Louise Timcke, Chefin von Funke Interaktiv und Gründerin der Plattform Journocode, über Digitalisierung, Datenjournalismus und Schweizer Taschenmesser

Marie-Louise Timcke (26) ist Gründerin der Plattform Journocode und leitet die Abteilung Funke Interaktiv der deutschen Funke-Mediengruppe. Sie hat sich auf Datenjournalismus spezialisiert und verfolgt das Ziel, Journalistinnen und Journalisten den Einstieg in dieses Thema zu erleichtern. Timcke spricht beim Journalismusfestival in Perugia (3. bis 7. April) über lokalen Datenjournalismus.

Frage: Digitalisierung ist das große Thema des 21. Jahrhunderts. Aber wo liegt das Problem?

Timcke: Die Digitalisierung ist für die Gesellschaft schon absoluter Alltag geworden. Wie selbstverständlich buchen wir Zugverbindungen übers Handy, tauschen uns mit Freunden in sozialen Netzwerken aus und bezahlen über Dienste wie Paypal. Die Welt ist bereits digital, und sie wird immer digitaler. Für Behörden und Unternehmen, die es schon vor der Digitalisierung gab, ist das eine große Herausforderung, denn sie müssen altbewährte Workflows von der analogen in die sich immens schnell weiterentwickelnde digitale Welt überführen. Das betrifft natürlich auch Medienhäuser. Allerdings geht es weniger darum, mehr Datenjournalisten ins Team zu holen, sondern flächendeckend digitale Kompetenzen aufzubauen.

foto: timcke
Marie-Louise Timcke (26) ist Gründerin der Plattform Journocode und leitet die Abteilung Funke Interaktiv der deutschen Funke-Mediengruppe.

Frage: Für Leute, denen dieses Thema komplett neu ist: Was versteht man unter Datenjournalismus überhaupt?

Timcke: Mit Datenjournalismus ist der Einsatz von statistischen Methoden im und für den Journalismus gemeint. Das heißt, dass Journalisten neben den gewöhnlichen Recherchequellen wie beispielsweise Interviews oder Pressemitteilungen auch Daten und Statistiken von Behörden und Institutionen heranziehen. Datenjournalisten finden Geschichten in Daten und erzählen sie häufig mithilfe von interaktiven Visualisierungen oder Anwendungen. Dafür müssen die Journalisten neben ihrem Spürsinn für spannende Geschichten und Recherchen auch Kenntnisse in Statistik, Design und Programmierung haben oder mit Fachleuten dieser Gebiete zusammenarbeiten.

Frage: Du hast gemeinsam mit Kollegen aus dem Journalismus und Computerspezialisten die Plattform Journocode ins Leben gerufen. Was steckt dahinter?

Timcke: Journocode ist als eine Art Lerngruppe in meiner Zeit an der Uni entstanden. Gemeinsam mit Studienkollegen aus Journalistik, Statistik und Informatik habe ich mich einmal in der Woche getroffen, um mich über neue Methoden und Technologien auszutauschen und zu lernen, wie ich diese für die Arbeit als Journalist nutzen kann. Heute arbeitet das Team verstreut in Interaktiv- und Datenressorts von deutschen Medienhäusern. Die Erfahrungen, die wir bei unserer Arbeit dort sammeln, geben wir als Trainer bei Workshops und Seminaren an Journalisten und Interessierte weiter. Unsere Welt wird immer digitaler und datenlastiger. Wir sind davon überzeugt, dass jeder, aber vor allem auch Journalisten, statistisches Basiswissen braucht, um Studien, Datenleaks und den Einfluss von Algorithmen richtig einordnen zu können.

foto: screenshot funke interaktiv

Frage: Vor deinem aktuellen Studium hast du vier Semester Molekulare Medizin studiert. Wie bist du überhaupt zum Programmieren gekommen?

Timcke: Bei meinem ersten Studium habe ich irgendwann gemerkt, dass ich biologische und chemische Zusammenhänge zwar unglaublich spannend finde, es mir aber weniger Spaß macht, sie den ganzen Tag im Labor zu wiederholen. Also habe ich mich gefragt, wo ich zwar über Wissenschaft reden kann, sie aber nicht selbst machen muss. In Dortmund habe ich dann angefangen, Wissenschaftsjournalismus zu studieren. Dort wurde zum ersten Mal auch der Schwerpunkt Datenjournalismus angeboten. Mit Programmieren oder Statistik hatte ich nie etwas am Hut gehabt, meinen Computer hatte ich bis dahin höchstens zum Chatten und Recherchieren benutzt. Die Neugierde hat mich zu einem Programmier-Einführungskurs getrieben, und ich war sofort begeistert. Programmieren zu können ist, als hätte man ein Schweizer Taschenmesser mit unendlich vielen Werkzeugen in der Tasche. Und es ist viel einfacher zu lernen, als man denkt.

Frage: Seit knapp einem Jahr bist du neben deiner Tätigkeit bei Journocode an der Spitze des Interaktiv-Teams der Funke-Mediengruppe. Du hast binnen weniger Jahre große Schritte gemacht. Wie groß schätzt du das Potenzial für Jungjournalistinnen und Jungjournalisten ein, die in Richtung Datenjournalismus tendieren?

Timcke: Oh, immens. Aber nicht nur Richtung Datenjournalismus, sondern Richtung Digitaljournalismus allgemein. Die Digitalisierung kam schneller, als sich die Medienhäuser darauf einstellen konnten. Mit ihr kommen unendliche Möglichkeiten, neue Technologien zur Recherche und zur Darstellung zu benutzen. Ein journalistischer Artikel ist nicht nur auf Textformen beschränkt, wir können Geschichten im virtuellen Raum oder als Spiel erzählen, wir können eine Nachricht erlebbar machen. Die Auswertung von Finanzströmen und Datenbanken ist nicht mehr nur Ermittlern oder Forschern vorbehalten, auch Journalisten decken mittlerweile Steuerhinterziehung auf oder verstehen Überwachungssoftware gut genug, um sie ihren Lesern erklären zu können. Und wer kennt die Möglichkeiten und Technologien besser als die Generationen, die mit ihnen aufwachsen?

foto: screenshot funke interaktiv

Frage: Den Begriff Storytelling hört man immer öfter auch im Zusammenhang mit (Daten-)Journalismus. Dabei geht es darum, wie eine Geschichte erzählt wird, damit sie möglichst ansprechend und unterhaltend für die AnwenderInnen ist. Inwieweit stellt das auch ein Risiko für das ohnehin schwindende Vertrauen in den Journalismus dar?

Timcke: Tatsächlich glaube ich, dass wir mit Datenjournalismus eher das Gegenteil bewirken können. Natürlich kann man Daten und Statistiken auch manipulieren oder mit der Art, mit der man die Geschichte erzählt, dem Leser nur einen ganz bestimmten Ausschnitt des Bildes zeigen. Da ist die Gefahr im Datenjournalismus nicht größer als im Journalismus allgemein. Was Datenjournalismus aber ausgezeichnet kann und was die hiesigen Teams in Deutschland auch fleißig machen, ist, transparent zu sein. Wir können die Datenquellen nicht nur nennen, wir können die Daten auch verlinken oder hochladen, unsere Methodik erklären, den Programmiercode samt Erklärungen zur Verfügung stellen. Leser können unsere Berechnungen überprüfen, sie können kritisch unsere Quellenwahl, unser Vorgehen und unsere Interpretation hinterfragen. Natürlich hat nicht jeder das nötige Fachwissen, um die Methodik gänzlich bewerten zu können. Doch wir geben allen die Möglichkeit, uns auf die Finger zu schauen.

Frage: Du sprichst Anfang April beim International Journalism Festival in Perugia über Datenjournalismus auf einer lokalen Ebene. Kannst du einen kurzen Überblick geben, was genau damit gemeint ist, und vielleicht ein paar Beispiele nennen?

Timcke: Auf lokaler Ebene liegen die spannendsten Datensätze mit dem tiefsten Detailgrad. Da geht es nicht nur darum, wie ein Land oder eine Stadt gewählt hat, sondern wie das Ergebnis der eigenen Nachbarschaft ausgefallen ist. Wie laut ist es vor meiner Haustür, wie stark ist die Miete in deiner Nachbarschaft gestiegen, wie gut sind die Fahrradwege zu meinem Büro ausgebaut? Was in der eigenen Umgebung passiert oder welche Auswirkungen ein überregionales Thema auf die eigene Region hat, das interessiert mich. Was bedeutet das Ganze für mich? Datenjournalismus im Lokalen hat viel Potenzial, denn wir können etwas Großes, Komplexes auf die eigene Haustür, auf das eigene Gehalt, auf die eigenen Lebensumstände herunterbrechen.

foto: screenshot funke interaktiv

Frage: Viele Menschen hegen eine gewisse Scheu dem Programmieren gegenüber. Welche Tipps hast du, damit man diese Barriere ein wenig durchbricht und Interesse entwickelt?

Timcke: Ich glaube, niemand muss sich dazu zwingen, Programmieren zu lernen. Es ist ein unfassbar nützlicher Skill, aber kein Must-have. Wer es aber mal testen will, dem empfehle ich, sich mit anderen Interessierten zu treffen und einfach mal draufloszuexperimentieren. In vielen Städten gibt es Open Knowledge Labs und "Hackdays", regelmäßige Treffen und Veranstaltungen, bei denen sich bunt gemischt Programmierer und Hobby-Nerds treffen, gemeinsam austauschen, voneinander lernen und Projekte umsetzen.

Frage: Und wenn man sich dafür interessiert, woher bekommt man dann die Daten?

Timcke: Gute Datenquellen sind die Statistikseiten von Behörden und Kommunen, beispielsweise die Datenbank des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung oder des Statistikamts. Häufig muss man sich einfach überlegen: Wer könnte diese Daten erheben? Wer hat Interesse daran, diese Informationen zu sammeln?

Frage: Du studierst nebenbei noch am Institut für Journalistik in Dortmund. Bleibt neben den ganzen anderen Tätigkeiten überhaupt Zeit für das Schreiben deiner Bachelorarbeit?

Timcke: Was meine Kurse angeht, habe ich meinen Datenjournalismus-Bachelor bereits in der Tasche. Nur die Bachelorarbeit wartet noch darauf, geschrieben zu werden. Immerhin habe ich bereits ein Thema, einen Titel und die gesamte Auswertung. Geplant ist, sie dieses Jahr abzugeben. (Emil Biller, 2.4.2019)

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Portfolio Funke Interaktiv

Journocode

Emil Biller (20) hat wie so viele KärntnerInnen den Weg nach Wien ins Exil eingeschlagen, um dort zu studieren. Neben dem FH-Studiengang Content-Produktion und digitales Medienmanagement studiert er Politikwissenschaften an der Universität Wien.

Zum Projekt: Vom Internationalen Journalismusfestival in Perugia berichten Studierende des Studienbereichs für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW. >>> Mehr hier im Schwerpunkt über Perugia.

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