Rammsteins kalkulierte NS-Provokation ist keine Empörung wert

    30. März 2019, 17:57
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    Die Band beackert in ihrem neuen Lied "Deutschland" 2000 Jahre deutsche Gewaltgeschichte

    Seit ihrem letzten Album Liebe ist für alle da sind zehn Jahre vergangen. Die Zeit vertrieb sich Rammstein, die weltweit bekannteste Band Deutschlands, mit zunehmend karnevaleskeren Liveauftritten im Festival-Zirkus; oder mit diversen Soloprojekten wie Sänger Til Lindemanns Trash-Elektro-Metal-Album Skills in Pills, auf dem der 56-Jährige Abtreibung pries und im zugehörigen Leckerli-Video als Schwein im Dreck herumwühlte.

    Wirklich Notiz schien von derlei niemand mehr zu nehmen. Das 1994 gegründete Sextett mit DDR-Wurzeln, das mit hart-einfachen Gitarrenriffs, rollendem R und Provokationsästhetik nach dem Vorbild der slowenischen Totalitarismus-Persiflagen-Gruppe Laibach die Gothic-Subkultur der 1980er-Jahre für ein Millionenpublikum mainstreamfähig machte, galt gemeinhin als abgehalftert.

    Jetzt aber reichten Rammstein ganze 35 Sekunden, um einen Sturm der Entrüstung auszulösen: Die Band veröffentlichte einen Teaser zu einem neuen Lied mit dem Titel Deutschland, in dem die Bandmitglieder in KZ-Gewändern ihrer Exekution entgegensehen.

    molex

    Der Tenor offizieller Vertreter der deutschen Gedenkkultur war einhellig: Das Leid der Shoa-Opfer verbiete sich für Werbezwecke oder Effekthascherei. Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten lud die Band zur Besichtigung der KZ-Gedenkstätte Dachau ein, ein Sprecher des israelischen Außenministeriums forderte die Löschung des Teasers.

    Erinnerungen an 1998 wurden wach, als Rammstein im Video zum Depeche-Mode-Cover Stripped mit Szenen aus Leni Riefenstahls NS-Olympiafilm spielten und hernach mehrfach klarstellen mussten, dass man sich als politisch linksgerichtet verstehe.

    Empörungs-Reflex

    Die kalkulierte Holocaust-Provokation samt reflexhafter Empörung platzte außerdem mitten in eine Feuilleton-Debatte darüber, inwiefern es sich verbietet, mit dem Thema NS-Massenmord Kasse zu machen. Entzündet hatte diese sich an Takis Würgers harsch verrissenem Kitsch-Roman Stella.

    Rammstein, die sich bislang nicht weiter äußerten, veröffentlichten einen Tag nach dem Teaser nun das neunminütige Video zum Lied Deutschland. Und es zeigt sich, dass es sich wohl gelohnt hätte, das durchaus reflektierte Endergebnis abzuwarten, bevor man die Band zur geschichtlichen Nachschulung ruft.

    Die fraglichen Szenen nehmen in dem Video nur einen kleinen Teil ein und sind eingebettet in ein Konzept, das Filmen wie Inglourious Basterds ähnelt, in dem NS-Opfern auch Revanchegefühle an ihren Henkern zugestanden werden.

    rammstein official

    Tatsächlich arbeitet sich die Band aber nicht nur an der NS-Geschichte, sondern in epischer Hollywood-Bandbreite an 2000 Jahren deutscher Gewaltgeschichte ab: von der Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) über das ungemütliche Mittelalter zu den Dreißigerjahren und weiter bis zu RAF-Terror und DDR-Repression.

    Blockbuster-Zitate aus Filmen und Serien treffen auf morbide Ironie, durch das Programm führt eine dunkelhäutige Germania, verkörpert von der Schauspielerin Ruby Commey. "Deutschland/ meine Liebe kann ich dir nicht geben", resümiert Sänger Til Lindemann schließlich sein Unbehagen am eigenen Land. (Stefan Weiss, 31.3.2019)

    • Umstrittene Szenen aus dem Rammstein-Teaser für "Deutschland".
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      Umstrittene Szenen aus dem Rammstein-Teaser für "Deutschland".

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