Martin Sellner, der rechtsextreme Influencer

    30. März 2019, 08:00
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    Die Identitäre Bewegung lebt vor allem von ihrer Behauptung, groß und wichtig zu sein – diesen Mythos verdankt sie ihren Online-Strategien

    Junge Menschen, die vor der Webcam Monologe halten, sind die Helden der Jugend. Die sogenannten Influencer inszenieren sich semiauthentisch, um ihr Produkt zu verkaufen: Bibi zeigt Millionen Mädchen, welches Make-up gerade angesagt ist, Julien Bam promotet seine Tanzkurse – und Martin aus Wien verbreitet rechtsextreme Ideologie. Statt mit harmlosen Streichen und Tests unterhält er sein Publikum lieber mit Rechts-außen-Ideologie: "Erwischt! NGOs bringen Flüchtlingen das Schau spielen bei". Ein Video erreicht im Schnitt mehrere 10.000 Views, über 91.000 User haben den Youtube-Kanal abonniert (2017 waren es erst 20.000). Martin Sellner, 30 Jahre alt, steht gerne im Mittelpunkt.

    Doch die Aufmerksamkeit, die der Gründer der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich aktuell erhält, könnte zu einem existenziellen Problem für ihn und seine Gruppierung werden. Denn der Attentäter von Christchurch, der am 15. März in der neuseeländischen Stadt 50 Muslime bei einem Terroranschlag ermordete, überwies Sellner Anfang 2018 vermutlich von einer Kreditkarte 1500 Euro. Kanzler Sebastian Kurz forderte eine "schonungslose Aufklärung", schon am Montag gab es eine Hausdurchsuchung bei Sellner. Nun soll der Verein der Identitären aufgelöst werden, was juristisch schwierig ist.

    "Der große Austausch"

    Problematischer wird es für die Identitären, die Unterschiede zwischen ihren völkischen Verschwörungstheorien vom "großen Austausch" der "autochthonen Bevölkerung" durch Zuwanderung und jenen des Attentäters zu erklären. Dieser hatte sich in seinem Manifest zum Anschlag auf die Ideologie der Gruppe bezogen. Unklar ist, wie vielen anderen Gruppen er gespendet hat und ob es bei seiner Reise durch Österreich Kontakte zu Identitären gab. Sellner bestreitet dies und ruft online zu "Solidaritätskampagnen" für sich auf.

    Doch wie kam es, dass ein Rechtsextremer aus Neuseeland auf Sellner und seine in Österreich politisch fast bedeutungslose Bewegung aufmerksam wurde und ihm 1500 Euro zukommen ließ? Die Antwort: Provokation und PR. Seit sieben Jahren stilisiert sich Martin Sellner, der einen Bachelor in Philosophie hat und aktuell Jus studiert, zum Posterboy der modernen Rechten. Dabei bedient er sich popkultureller Symbole und neuer Medien wie Youtube, wo er nicht den plumpen Neo nazi gibt, der Nazis glorifiziert, sondern geschliffen über den "Abbau des multikulturellen Meinungsdogmas" parliert.

    Der Arztsohn inszeniert sich mit akkuratem Scheitel, Rollkragenpulli und Intellektuellenbrille und wettert aus seiner Einbauküche oder der elterlichen Residenz in der Nähe von Wien gegen die "Eliten". In den gerade mal zwei Jahren, seit Sellner seinen aktuellen Youtube-Kanal bespielt, lud er 411 Videos hoch – macht im Schnitt jeden zweiten Tag frischen "Content". "Einige Stunden Arbeit am Tag", investiert er in seinen Channel, sagt Sellner dem STANDARD. Finanziert wird der Rechtsextremist zumindest teilweise von Sympathisanten, die ihm so wie der Christchurch-Attentäter über ein Onlinespendenportal Geld überweisen oder im E-Shop "Phalanx" rechtes Merchandise wie T-Shirts, Aufkleber oder Sellners Buch Geschichte eines Aufbruchs kaufen.

    Im Unterschied zu anderen Gruppierungen scheut Martin Sellner keine Diskussionen, im Gegenteil. Eine Analyse der Sprachwissenschafterin Sabine Lehner zeigte, dass der Identitäre versucht, Debatten auf eine Metaebene zu heben – dies durchaus mit Ironie und Chuzpe. So forderte er etwa den Verfassungsschutz auf, ihm Aufgaben zu übermitteln, damit die Identitären nicht offiziell beobachtet werden.

    One-Man-Social-Media-Show

    Die Identitären wissen um die Mechanismen von Social Media. Sellner bedient in seinen Videos auf Facebook, Tweets und Blogeinträgen eine Rhetorik der Angst – wissend, so Lehner, dass Beiträge, die negative Emotionen auslösen, eher geteilt werden. Derlei lässt Sellner und seinen Reckentrupp größer und einflussreicher erscheinen, als sie es tatsächlich sind. Hinzu kommen Aktionen wie die Dachbesteigung des Wiener Burgtheaters, im identitären PR-Sprech als "Besetzung" gefeiert; oder die Stürmung des Jelinek-Theaterstücks Die Schutzbefohlenen, aufgeführt von jungen Flüchtlingen.

    Doch weil vor allem die virtuelle Präsenz die meiste Aufmerksamkeit verspricht, war es ein herber Rückschlag für Sellner, als Facebook und Instagram ihn wegen wiederholter Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen sperrten. Auf Facebook wird er nach Ablauf der Sperre sofort wieder blockiert, auf Instagram ist er endgültig gesperrt. Deshalb hilft dort nun seine Verlobte Brittany Pettibone, die rechte Marke Sellner auch im englischsprachigen Raum populär zu machen. Die US-amerikanische Bloggerin mit 27.400 Followern auf Instagram und 118.200 Youtube-Fans gilt als Postergirl der weit rechts stehenden Alt-Right-Bewegung in den USA. Bei der Hausdurchsuchung in Sellners Wohnung wurden auch ihre Geräte beschlagnahmt, sagt Sellner dem STANDARD.

    Die größte Sorge Sellners dürfte jedoch sein, dass sich der mediale Effekt seiner Identitären abnutzt. Ohne die erregte Aufmerksamkeit, gefolgt von fast Pawlow’schen Reflexen der Medien, bliebe von der Bewegung nicht viel übrig: Ihr Kern besteht hierzulande nur aus ein paar Dutzend Personen, die sich vorwiegend aus dem Burschenschaftermilieu rekrutieren. Dazu kommen ein paar Skinheads und Hooligans, die – obschon man sich von ihnen angeblich abgrenzen will – auf Demonstrationen als Ordner zum Einsatz kommen.

    "Reconquista"

    Sellner kennt diese Szene aus Jugendjahren. Bis 2011 war er ein Neonazi, der mit dem Holocaustleugner Gottfried Küssel und in der rechtsextremen Burschenschaft Olympia marschierte. Nach der Verurteilung Küssels wegen Wiederbetätigung erkannte Sellner, dass harter Neonazismus juristisch heikel ist – und auch bei der Jugend nicht mehr so gut ankommt. Der Zulauf in die Szene war gering, ihre Symbole und gewaltverherrlichenden Sprüche abschreckend.

    Deshalb versuchte Sellner mit den Identitären eine oberflächliche inhaltliche Wende und rief nach dem Vorbild französischer Rechter 2012 die Identitäre Bewegung Österreich ins Leben. Statt Vernichtungsfantasien zu brabbeln, sprechen die Identitären vom "Ethnopluralismus", eine verbrämte Variante der Parole "Ausländer raus!". Muslime haben für sie in Europa keinen Platz, deshalb soll es eine "Reconquista" gegen sie geben – "gewaltfrei", wie die Identitären versichern. Der "Große Austausch" der Bevölkerung müsse gestoppt werden. So benannte auch der Terrorist von Neuseeland sein Pamphlet.

    Ähnliche Ideen wie die Identitären hatte die FPÖ schon vor Jahrzehnten. Sellners Popularität in der kleinen Rechts-außen-Szene liegt auch daran, dass die FPÖ nur wenige Nachwuchshoffnungen aufweist, weshalb er mit seinen angehipsterten Clips und aktionistischen Tweets die Nische für moderne junge Rechte besetzt.

    Allerdings passieren selbst dem Marketingtalent Sellner Fauxpas. So schoss er mit einer Pfefferspraypistole in der U-Bahn-Station Schottentor, nachdem ihn angeblich zwei Unbekannte bedroht hätten. Letztes Jahr behauptete er in einem Clip, an einem geheimen Ort im Ausland zu sein – im Hintergrund war die Autobahnabfahrt Bruck an der Leitha sichtbar. Peinlichkeiten dürften Martin Sellner aber egal sein. Seine Währung heißt Aufmerksamkeit – auch wenn die aus der terroristischen Ecke kommt. (Fabian Schmid, 30.3.2019)

    • Martin Sellner (ganz rechts), zu sehen bei einer Demo in Berlin, hat immer wieder Probleme mit der Polizei
      foto: imago/mang

      Martin Sellner (ganz rechts), zu sehen bei einer Demo in Berlin, hat immer wieder Probleme mit der Polizei

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