Wiener Gotteskrieger: Der verlorene Sohn Azad

    31. März 2019, 08:00
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    Ein junger Mann hat sich dem IS angeschlossen. Die Radikalisierung erfolgte in Brigittenau, wo er dafür nur die Straßenseite wechseln musste

    Die Zahl der gefangengenommenen IS-Kämpfer ist in den vergangenen drei Wochen massiv gestiegen. Mit dem Fall von Baghouz, der letzten IS-Hochburg in Syrien, sind es mehrere Tausend Gefangene, die von den kurdischen Milizen in Norden des Landes angehalten werden. Unter ihnen ist ein junger Mann aus Wien.

    Die Lager sind komplett überfüllt, erzählt ein kurdischer Funktionär dem STANDARD. Die Gefangenen werden in drei Kategorien eingeteilt und voneinander getrennt untergebracht. Da sind die Araber, zumeist aus der Region, da sind die Europäer, und da sind die Kämpfer mit kurdischen Wurzeln. Der Österreicher ist derzeit nicht bei den Europäern untergebracht, sondern bei den Gefangenen mit kurdischen Wurzeln. Er gilt nicht nur als Gegner und als hochgefährlich, sondern auch als Verräter. Der 27-Jährige ist selbst Kurde. Er hat sich gegen seine Brüder gestellt und in den Reihen der Terrormilizen des "Islamischen Staates" an Verbrechen beteiligt. An besonders grausamen, wie ihm nachgesagt wird.

    foto: der standard
    Der Weg endet in einem Gefangenenlager in Syrien: Der Gotteskrieger aus Wien gilt den Kurden als Verräter, er hat sich gegen seine Brüder gestellt.

    Der Österreicher hat nicht nur kurdische Wurzeln, seine Familie stammt ursprünglich aus Dersim in der Türkei, er ist – oder war – auch Mitglied der alevitischen Glaubensgemeinschaft. Das ist insofern bemerkenswert, als Aleviten wie auch Jesiden in den Augen der Jihadisten besonders minderwertig sind und nichts anderes als den Tod verdienen.

    Auf dem Feldzug des IS, der 2011 begann, wurden die Dörfer der Jesiden und Aleviten systematisch zerstört, die Männer getötet, die Frauen versklavt. Der IS kannte keine Gnade. Mit dabei: jene, die ihre Gesinnung und Religion gewechselt hatten, ihre Herkunft verleugneten, sich besonders fanatisch der neuen Ideologie verschrieben und besonders hart gegen ihre Opfer vorgingen. Leute wie der junge Mann aus Wien. Azad ist sein Name.

    Der Übertritt von der scheinbar heilen Welt ins Reich des Bösen erfolgte im 20. Bezirk in Wien, in der Brigittenau – in einer Gasse von der einen auf die andere Straßenseite. In der Leystraße war das Lokal des alevitischen Vereins, in dem der Vater von Azad verkehrte. Keine hundert Meter davon entfernt war ein Lokal mit einem Gebetsraum der Salafisten. Hier verkehrte zuletzt der Sohn, bis er 2015 in den Krieg zog.

    Kein Wort des Vaters zum Sohn

    Azad wohnte in den Monaten davor wieder zu Hause, auf Drängen der Mutter. Der Vater, ein respektiertes und engagiertes Mitglied der alevitischen Gemeinde in Wien, sprach kein Wort mehr mit dem Sohn. Azad hatte neue Freunde. Zwei Tschetschenen holten ihn regelmäßig von zu Hause ab und führten ihn im Rollstuhl zur Behandlung ins AKH. Eine Schussverletzung musste behandelt werden.

    Den Behörden war Azad spätestens seit Juli 2013 bekannt, da wurden sie über dessen erste Ausreise nach Syrien informiert. Im Oktober 2013 wurde er in Wien ausgeforscht und einvernommen. Azad ließ sich davon offenbar nicht einschüchtern – und reiste erneut nach Syrien. Gemeinsam mit anderen jungen Männern aus Österreich geriet er unmittelbar nach dem Grenzübertritt von der Türkei auf syrisches Territorium in ein Feuergefecht mit kurdischen Milizen und erlitt eine Schussverletzung am Bein. Azad wurde erst in die Türkei gebracht, nach seiner Erstversorgung kehrte er nach Wien zurück. Im AKH erstatteten die Ärzte aufgrund der Schussverletzung Anzeige.

    Im März 2014 wurde er erneut vom Wiener Landesamt für Verfassungsschutz einvernommen. Im Mai wurde das Verfahren eingestellt. Azad konnte glaubhaft machen, nicht Teil einer Terrorvereinigung zu sein, heißt es. So genau wollte es wohl keiner wissen. Azad bereitete sich weiter auf seinen Einsatz als Gotteskrieger vor.

    Wiener ohne Wurzeln

    Mit den Salafisten war er in Wien in Kontakt gekommen. Das muss 2010, 2011 gewesen sein, Azad war noch keine 20 Jahre alt. Bei der Millenium City gab es eine Spielhalle, dort wurde er angesprochen, erzählt ein Freund von damals dem STANDARD. Azad war ein schmächtiger, junger Mann, einer, der kein sehr ausgeprägtes Selbstvertrauen hatte, einer, der sich nirgends zugehörig fühlte: kein Türke, kein Kurde, kein Alevit und auch kein Österreicher, nicht wirklich. Er war ein Wiener ohne Wurzeln, der nichts zum Anlehnen hatte, weder im religiösen noch im ideologischen Sinn. Und er rebellierte gegen seine Eltern wie so viele andere auch. Zur Türkei, der Heimat seiner Eltern, hatte er keinen Bezug, der kurdische Widerstand, auf den seine Familie so stolz war, interessierte ihn nicht, mit dem Alevitentum konnte er nichts anfangen, von den Österreichern fühlte er sich nicht angenommen.

    Genau solche Leute sprachen die salafistischen Prediger gezielt an. Tschetschenen waren recht aktiv, die Bosnier noch besser organisiert. Die kurdische Community in Wien realisierte rasch, dass sie ein Problem mit ihrem Nachwuchs hatte, der anfällig war für die Ideologie des Kalifats.

    Azad war fasziniert. Und er war geschmeichelt. Er wurde ernst genommen. Die neuen Freunde gaben ihm das Gefühl, wichtig zu sein. Er konnte etwas Besseres werden. Teil des "Islamischen Staates", befreit von der Fremdherrschaft, Krieger des einzig wahren Glaubens. Sie versprachen ihm eine neue, in jeder Hinsicht glorreiche Heimat. Azad war bald einer der Eifrigsten. Die neuen Freunde schickten ihren gelehrigen Anhänger nach Ägypten zur Ausbildung. Azad besuchte eine Koranschule, lernte Arabisch, wurde streng religiös.

    Radikaler Wechsel

    Zurück in Wien entging seinem Umfeld der radikale Wechsel nicht. Der Vater war entsetzt und verzweifelt. Der Sohn trug den typischen Bart der Jihadisten und die zu kurzen Hosen, damit der Saum beim Beten nicht den Boden berührt. Azad trug seine neue Gesinnung und seinen Glauben demonstrativ vor sich her. Auch im alevitischen Verein war man auf ihn aufmerksam geworden. Der Vater zeigte seinen Sohn schließlich beim Verfassungsschutz an. Auch der Dachverband der kurdischen Vereine in Österreich (Feykom) wandte sich an die Sicherheitsbehörden, überreichte eine Liste mit zwölf Moscheen und mit Personen, die abgeglitten waren. Darunter war Azad.

    Der Vater informierte auf Anraten von Feykom auch das Außenministerium, er wollte ein Ausreiseverbot für seinen Sohn erwirken. Es war absehbar, dass Azad in den Krieg ziehen wollte. Es gab keinerlei Konsequenzen.

    Azad hatte sich weiter radikalisiert. Wenn er auf dem Weg zum Gebetsraum in der Leystraße am alevitischen Verein vorbeikam, beschimpfte und beleidigte er dessen Gäste als Ungläubige und als "Abschaum". Seine Familie isolierte sich, die Mutter verließ nicht mehr das Haus, der Vater blieb aus Scham dem alevitischen Verein fern.

    Internationaler Haftbefehl

    Im November 2015 reiste Azad schließlich nach Syrien, um sich dem Kampf für ein Kalifat anzuschließen. Die Sicherheitsbehörden in Wien bekamen davon Wind und leiteten erneut Ermittlungen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ein. Am 13. Jänner 2016 wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen.

    Die Familie hat keinen Kontakt mehr zu Azad, auch sonst hört niemand etwas von ihm. Im vergangenen Jahr meldete er sich schließlich telefonisch bei seiner Schwester in Wien. Er wolle weg aus Syrien. Wieder heim. In den Reihen des IS fühle er sich nicht länger wohl, er werde nicht für voll genommen. Dass er Kurde sei, Alevit obendrein, mache ihn nicht zu einem vollwertigen Mitglied. Er sei eher Gefangener des IS, gelte als nicht vertrauenswürdig, werde mit anderen als Schutzschild gegen den Feind benutzt. Offenbar hat er einen Fluchtversuch unternommen.

    Zu Beginn des heurigen Jahres fiel Azad den kurdischen Milizen in die Hände. Sie prüften und identifizierten ihn – ein Kurde, der in den Reihen des verhassten "Islamischen Staates" gegen Kurden gekämpft hat. Er kann nicht mit Gnade rechnen.

    Für Azad mag das doppelt bitter sein: Er hatte sich der falschen Seite angeschlossen. Der "Islamische Staat", dem er sich unterworfen hatte, ist militärisch besiegt, diese Woche ist die letzte Bastion gefallen. Die Kurden sind die großen Helden dieser Auseinandersetzung, sie verfügen über Territorium in Syrien, das sie selbst verwalten. Und Leute wie Azad sind für sie – Abschaum.

    Bei den syrischen Kurden hat in den vergangenen Tagen ein Umdenken eingesetzt. Hatte man bis vor kurzem noch versucht, die gefangengenommenen IS-Kämpfer an ihre Herkunftsländer auszuliefern, drängt man jetzt darauf, ein internationales Sondertribunal einzurichten. "Das Verfahren gegen die mutmaßlichen Täter soll an dem Ort stattfinden, wo das Verbrechen begangen ist und wo die mutmaßlichen Täter auch festgenommen worden sind", heißt es in einer Erklärung. Für Azad bedeutet das, dass er Österreich, das einmal seine – wenn auch ungeliebte – Heimat war, auf lange Sicht nicht mehr erreichen wird. (Bianca Blei, Michael Völker, Nina Weißensteiner, 31.3.2019)

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