Der Krimi ist der neue Realismus

    30. März 2019, 12:00
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    Das Ehepaar Alexandra und Alexander Ahndoril mischt unter dem Pseudonym Lars Kepler den Krimimarkt und mittlerweile auch Hollywood auf. Ein Besuch in Stockholm

    Winterende in Stockholm. Es ist grau. Regnet auf die Eisplatten, mit denen die Straßen bedeckt sind. Eisschollen treiben im Mälarsee, dazwischen Schwäne und Blässhühner, die auch nicht vergnügt wirken. So weit passt alles ins Klischee vom nordischen Winter.

    Ganz anders das Ehepaar mit dem Pseudonym Lars Kepler: Höflich und freundlich – Alexandra und Alexander Ahndoril haben so gar nichts von den düsteren Gestalten, mit denen sie ihre sieben Krimis um den Ermittler Joona Linna bevölkern. Bei Alexandra kommt das portugiesische Erbe ihrer Vorfahren durch; sie ist die Lebhafte, ihr Ehemann wirkt bedächtiger und wortkarger, aber genauso herzlich.

    Millionenauflage

    Das Pseudonym Lars Kepler ist als Hommage an den viel zu früh verstorbenen Stieg Larsson gedacht, Kepler zu Ehren von Johannes Kepler, der Assistent von Tycho Brahe gewesen ist. Alexanders Bruder ist Hypnotiseur. Daher auch der Titel des ersten Romans der Joona-Linna-Serie, die sich zum Blockbuster entwickelt hat. Es ist der ewige Kampf gegen das absolut Böse, das hier fast als allmächtig dargestellt wird. Je böser der Schurke, je beschädigter der Gute, desto spannender. Das Rezept funktioniert zuverlässig. Kepler-Bücher sind in 40 Sprachen übersetzt, die weltweite Auflage aller Kepler-Titel beträgt bislang 13 Millionen. Lazarus wurde im Oktober 2018 in Schweden veröffentlicht und war 2018 das bestverkaufte Buch in Schweden.

    foto: olivier favre
    Herzlich, in der Sache aber hart: das Ehepaar Ahndoril alias Lars Kepler.

    Als Der Hypnotiseur erschien, gab es wilde Spekulationen, wer hinter dem Pseudonym stecken könnte. In den Social Media wurde heftig diskutiert. Der Gipfel war die Vermutung, Henning Mankell sei Lars Kepler, was schon wegen der unterschiedlichen Stile total absurd war.

    Mankell, der auch im persönlichen Gespräch oft nicht sehr verbindlich wirkte, soll äußerst sauer über diese "Verdächtigung" gewesen sein. Wie auch immer, dem Erfolg der sieben Joona-Linna-Krimis war nichts entgegenzusetzen. Der Böse wirkt hier etwas differenzierter als üblich. Jurek Walter findet nicht Befriedigung darin, seine Opfer zu Tode zu quälen, er will vielmehr deren psychische Vernichtung, indem er ihnen alles nimmt, was ihnen lieb ist.

    Anschauungsunterreicht

    Dieser Psychopath, der im ersten Band der Reihe Der Hypnotiseur auftaucht, wird – so viel sei verraten – in Lazarus sein verdientes Ende finden. Und da es einen Cliffhanger gibt, wird die Hardcoverserie auch fortgesetzt werden.

    Lokalaugenschein: Man wandert in den Wald, der in Stockholm nie weit entfernt ist. Kiefern und Birken umgeben den unheimlichen Wasserspeicher im brutalistischen Stil, wo Jurek Walter Menschen begraben und sie notdürftig am Leben erhalten hat. Aber auch ohne Fiktion ist der Ort recht gruselig. Man hat hier Leichenteile einer Person gefunden, die nie identifiziert wurde, da man den Kopf – und den Mörder – nicht finden konnte.

    Lars Kepler haben natürlich ihre Informanten bei Polizei, Medizinern und Psychiatern. Auch kennt sich nicht jeder mit Waffen aus: Im weiß gekalkten Schießkeller der Stockholmer Polizei, tief drinnen in einem Granitfelsen, hat das Paar Anschauungsunterricht genommen. Auch eine Glock liegt da, mit Platzpatronen.

    Die Frage ist unvermeidlich, wie zwei so charmante Personen auf so grausige Plots kommen. "Es gibt zu Hause eine Wand, auf der Ideen und Charaktere festgelegt werden. Dann schreibt jeder an seinem Computer eine Schlüsselszene. Das ist ein magischer Moment." Wessen Fantasie für die Gemetzel verantwortlich ist, bleibt etwas vage, ebenso wie der gemeinsame Schreibprozess genau funktioniert. Alexandra gibt aber zu, dass sie beim Schreiben manchmal Albträume hat.

    Schattenseiten der Idylle

    "Der Kriminalroman ist der neue Realismus", sagt Alexander, "und das Gegenteil der perfekten Idylle als die Schweden oft geschildert wurde. Die skandinavischen Autoren sind so zahlreich und beliebt, weil sie die Schattenseiten dieser Idylle zeigen. Schweden ist außerdem das säkularisierteste Land der Welt. Die Kirche hat ihre Macht verloren. Recht und Gerechtigkeit müssen nun außerhalb dieses Systems verhandelt werden."

    Wie auch immer – die Ahndorils sind in Hollywood angekommen: Paramount Pictures und Anonymous Content arbeiten sowohl an einem Kinofilm als auch an einer TV-Serie. (Ingeborg Sperl, Album, 30.3.2019)

    Die Reise erfolgte auf Einladung des Bastei-Lübbe-Verlages.

    • Lars Kepler, "Lazarus". Deutsch: Thorsten Alms, Susanne Dahmann.  € 22,70 / 637 Seiten.  Bastei Lübbe, München 2019
      foto: bastei lübbe

      Lars Kepler, "Lazarus". Deutsch: Thorsten Alms, Susanne Dahmann. € 22,70 / 637 Seiten. Bastei Lübbe, München 2019

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