Jelinek-Verfilmung: Etwas so Narrisches

    1. April 2019, 11:00
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    Schriftsteller Clemens J. Setz hat sich den Film "Die Kinder der Toten" nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek angeschaut

    Nach dem Ende dieses Films fühlte ich mich durchgespielt wie ein Computerspiellevel. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie etwas so Irres gesehen. Etwas so Narrisches. Es ist ein Stummfilm, nach Motiven und Geschehnissen aus Elfriede Jelineks monumentalem Roman "Die Kinder der Toten". Der Film verwendet, allein schon aus Gründen der Länge, nur einige der gewichtigen Handlungsstränge des Buches, vor allem die Geschichte der Karin Frenzel und ihrer tyrannischen Mutter. Er wurde durchgehend auf Super 8 gedreht, die Leinwand ist quadratisch. Vieles ist grobkörnig und unscharf. Alles beginnt mit Kühen auf einer Dorfstraße, geht über Autounfall und Zombie-Wiederauferstehung, über Doppelgänger-Liebesszenen und das Auftauchen einer syrischen Dichtergruppe bis hin zu ausgewachsenen steirischen Totentänzen.

    Mein Dauergedanke beim Schauen war: Punk. Denn ich hatte schon ganz vergessen, wie sich Punk anfühlt, seine Blütezeiten sind bekanntlich vorbei. Selbst die Zwischentitel, die nach alter Stummfilmmanier Dialoge und Handlungsbeschreibungen liefern, erinnern in ihrer poetisch verdichteten Strenge an die Strophen von Punksongs. Darüber hinaus zeichnet sich Punk, wie auch dieser ungeheure Film, durch All-Inklusivität aus. Es dürfen ohne weiteres Zombies, alberne Wortspiele, Politikernamen, Grimassen, Genitalien, Fleisch und Blut, Karikaturen und Tiere in einem Punksong vorkommen, kein Element der inneren wie der äußeren Welt wird von seiner Weltsicht ausgegrenzt. Punksongs besitzen außerdem immer eine starke Wirbelsäule, eine klare, kompakte Form. In "Die Kinder der Toten" sind es die ultraschnellen Schnitte, die alles zusammenhalten. Sie berauschten mich beim Zusehen so sehr, dass mir die Wirklichkeit noch Stunden danach viel zu zeitlupenartig und übergängelos vorkam.

    stadtkino filmverleih
    Der Film "Die Kinder der Toten" des Nature Theater of Oklahoma nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek startet am 5. April in den österreichischen Kinos.

    Kindheit in Super-8

    Wo gibt es heute noch so nackte, mit Camp und Frechheit aufgeladene Punk-Kunst? Man kann sich frühe Black-Flag-Alben anhören, aber Zeitgenössisches? Nä. Mir fallen höchstens noch einige poetische Twitter-Accounts ein, die mir ein ähnliches Gefühl vermitteln, etwa der rätselhafte Geselle, der sich @lunaticabsturz nennt und seit einigen Jahren seine ultrakompakten Einsichten in die Welt schleudert: "Beste als ich Palme kaufte und dann mit Kran über Wald abwarf" oder "Jetzt Adlerverlängerung machen einfach ein Sittich langziehen" oder "Stabil wie mein kleine Kopf eiartig oben aus Rollkragenpulli rausmurmelt" oder "Bald kleiner Kind machen ganze Tag angucken dann mit tote Augen" oder "Beste wie Mund bei Menschen einfach so horizontale Spalt in Kopf".

    Wie meist bei solchen extrem formstrengen, aber innerlich von allen Fesseln befreiten Äußerungen ist auch der Raum für überraschend berührende Momente sehr weit und leicht zugänglich. Als die nach ihrem Unfalltod von ihrer Doppelgängerin durch Wiesen und Wälder verfolgte Karin Frenzel vor dem (auch im Roman erwähnten und auch real existierenden) Wasserfall Totes Weib plötzlich eine zärtliche Liebesszene mit ihrer unheimlichen Verfolgerin erlebt und diese, während der Wasserfall neben ihnen wie im Märchen rückwärtsfließt, bittet, mit ihr gehen zu dürfen, fühlt man, selbst durch die dicke Schicht der phantasmagorischen Steiermarkhölle, so etwas wie aufrichtigen Jammer um unser kostbares und rasend schnell dahinschwindendes Erdenleben.

    Oder später, als Karin sich in eine von einem Ex-Nazi betriebene Cinecittà-ähnliche Fabrik verirrt, in der Menschen vor ihren als Super-8-Filmbilder in der Dunkelheit auftauchenden Kindheitserinnerungen heulen und wehklagen, wird dem Zuschauer gestattet, an der bitteren Einsicht teilzuhaben, dass, egal, wie wehmütig und ernst wir uns auch an unsere teure Vergangenheit erinnern mögen, diese zugleich immer die allergroteskesten Vorgänge beinhaltet, Kitsch und Blut und Exkremente, Zerstörung und Schädigung von Lebewesen und den beginnenden Tod des Universums.

    foto: stadtkino filmverleih
    Der Film "Die Kinder der Toten" wird, wie auch schon vor Jahren der Roman, einigen Zuschauern zu viel sein. Das ist auch nicht weiter schlimm.

    Nachdem wir neunzig Minuten dergestalt von Bildern aus unser aller vaterländischem Unterbewusstsein durchglüht worden waren, folgte noch eine kurze Q&A mit den Filmemachern, dem Performancekünstler-Duo The Nature Theater of Oklahoma, Kelly Copper und Pavol Liska. "Danke fürs Bleiben", lauteten die ersten Worte des vielleicht erst vor Sekunden aus einem privaten Niemandsland zurückgekehrten Moderators. Und es kam zu den üblichen Fragen, wie lange habe man gearbeitet, wie nahe sei man am Original geblieben usw. Dabei stellte sich heraus: Die Künstler selbst haben den Roman gar nie gelesen. Aber das sei kein Problem, sagte Pavol Liska, denn in ihrer Arbeit spiele die mündliche Tradition eine zentrale Rolle. Man habe sich auf die Zusammenfassungen und Nacherzählungen kundiger Menschen verlassen. Die längste Nacherzählung des Romans habe fünfundvierzig Minuten gedauert. Danach sei das meiste recht klar gewesen.

    "Ur-Performance", das Nacherzählen

    Nun muss ich zugeben, dass mir das Genre der Nacherzählung sehr nah und lieb ist, und ich sehe diese Form der Inspiration nicht als "sich begnügen mit" oder "Ersatz" an, sondern als eine genuine Spielart von befruchtendem Datenstrom. Sie erinnert ein wenig an die Art, wie Exoplaneten bestimmt werden, die zu weit weg sind, als dass man sie direkt sehen könnte, sodass man ihre Existenz an den Lichtschwankungen bei ihrem vermuteten Transit an ihrem Zentralgestirn festmacht. Im Fall von "Die Kinder der Toten" war dies der Widerhall des Werkes in verschiedenen Menschen, allen voran dem künstlerischen Mitarbeiter und einem der Initiatoren des Projekts Claus Philipp, der die Technik selbst wiederum mit der Seenavigation nach Sternbildern vergleicht: "Du stehst vor einer unwägbaren Größe, die du nicht verstehst, deren Muster dir aber witzigerweise helfen."

    foto: stadtkino filmverleih
    Der ganze Film ist etwas Schöpfungsähnliches, etwas, das sich gewölleartig aus den tiefen Mysterien obersteirischen Existierens herausarbeitet.

    Auf diese "Ur-Performance", das Nacherzählen, folgte dann die komplexe soziale Skulptur, die jahrelange Arbeit mit den Laiendarstellern aus den nordsteirischen Ortschaften, wo auch der Roman spielt. Natürlich passt dieser Zugang fast schon teuflisch gut zu dem Namen des Künstlerduos, dem aus Kafkas Amerika-Fragment entlehnten "Naturtheater von Oklahoma". Im Roman ist dieses für alle da, die sich vor Mitternacht melden, für jeden gibt es eine Aufgabe, kein Mensch ist überflüssig. Und genau so scheint es auch in diesen denkwürdigen Monaten und Jahren in der Obersteiermark abgelaufen zu sein. Polizei, Feuerwehr, Gastwirte, alle möglichen Leute aus den Dörfern kamen und fanden ihren Platz in der Geschichte. Das konnte darin bestehen, über mehrere Stunden eine Lampe zu halten oder einen der Zombies zu spielen oder in SS-Uniform mit einer durch einen gelben Stern als jüdische Ghettobewohnerin gekennzeichneten Darstellerin zu tanzen.

    Etwas Schöpfungsähnliches

    Dann kam die "nächste" Kunstform: der Film selbst. Man schaue ihn sich an. Am Ende werden, so viel sei noch verraten, Flamingos auftauchen, von denen versichert wird, sie stünden mit einem Bein fest verankert in dieser Welt, "das andere ragt schon in die nächste". Eines der von mir in meinem alten Exemplar von "Die Kinder der Toten" unterstrichenen Wörter befindet sich auf Seite 394 und lautet "Schöpfungsähnliches". An dieses Wort musste ich die ganze Zeit denken. Ja, der ganze Film ist etwas Schöpfungsähnliches, etwas, das sich gewölleartig aus den tiefen Mysterien obersteirischen Existierens herausarbeitet, immer noch, und vermutlich für immer, teilweise noch roh und ungeformt, teilweise intim und altverwandt wie dein Spiegelbild im Traum.

    Und selbst das Drehbuch zum Film, das gerade in dem prächtigen Band "Die Untoten von Neuberg" im Styria-Verlag abgedruckt worden ist, ist mehr als seine Gattungsbezeichnung, nämlich einer der bemerkenswertesten Gedichtbände, die in den letzten Jahren erschienen sind. Die wirklich guten Gedichtbände wachsen ja heutzutage leider nicht mehr in den Lyrikabteilungen der Buchhandlungen, sondern an ganz unvermuteten Stellen.

    Wie es scheint

    Hat der Tod doch seine eigene Schönheit

    Aus Zuckerwatte

    Ähnlich gütige Blicke warf auch schon der Roman von Elfriede Jelinek in seinem letzten Kapitel auf unser Leben und dessen Ende: "Glücklich können wir also in den Spiegel schauen, daß wir auch diesmal nicht unter den Toten dieses Landes gewesen sind, was daran kenntlich ist, daß wir uns im Spiegel ins Gesicht schauen können und nicht ins pure Nichts."

    "Die Kinder der Toten" wird, wie schon vor Jahren der Roman, einigen Zuschauern zu viel sein. Das ist auch nicht weiter schlimm. Es ist ja nicht echt. Es gibt keine Zombies. Es gibt keine Leute, die sich Palatschinken übers Gesicht kleben und dann schnaufend durchs Land rennen. Es gibt keine Obersteiermark und keine Flamingos. (Clemens J. Setz, Album 30.3.2019)

    Ditz Fejer, Andreas R. Peternell, Claus Philipp (Hg.), "Die Untoten von Neuberg. Mit Elfriede Jelinek und dem Nature Theater of Oklahoma durch das Mürzer Oberland". € 25,- / 310 Seiten. Styria-Verlag, 2019

    • Selbst das Drehbuch zum Film, das gerade in dem prächtigen Band "Die Untoten von Neuberg" im Styria-Verlag abgedruckt worden ist, ist mehr als seine Gattungsbezeichnung, nämlich einer der bemerkenswertesten Gedichtbände, die in den letzten Jahren erschienen sind.
      foto: styria

      Selbst das Drehbuch zum Film, das gerade in dem prächtigen Band "Die Untoten von Neuberg" im Styria-Verlag abgedruckt worden ist, ist mehr als seine Gattungsbezeichnung, nämlich einer der bemerkenswertesten Gedichtbände, die in den letzten Jahren erschienen sind.

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