Die Krisenkolumne: Die Geschichte der Ö.

Kolumne30. März 2019, 09:00
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Über Herren und Knechte im Alpenland

Im Jahr 1954 publizierte die französische Journalistin und Romanautorin Anne Desclos unter dem Pseudonym Pauline Réage ein geiles Buch mit dem Titel Histoire d'O, die Geschichte der O. Darin schildert sie die Erlebnisse einer submissiven Pariser Fotografin, die sich von diversen strengen Herren nach allen Regeln der Kunst malträtieren lässt und dabei viel Vergnügen empfindet. Auf ihrem Hintern trägt Frau O ein Brandzeichen, auf dass jedermann wisse, wem sie gehört (Sir Stephen nämlich). Nicht unbedingt die Lektüre, bei der die Herzen der Gleichbehandlungsbeauftragten höherschlagen.

Die Geschichte der O gibt es seit Jahrzehnten auf dem Buchmarkt, dafür fehlt es bitterlich an einer Geschichte der Ö. Dieses noch zu schreibende Werk sollte sich eingehend mit dem alpenländischen Sadomasochismus, der Lieblingsperversion der Österreicher beschäftigen.

Der kleine Herrenmensch

Dazu eine These des Krisenkolumnisten. Nichts widerstrebt dem Ö (außer vielleicht dem Vorarlberger) mehr, als seinesgleichen auf ein und demselben Hierarchieniveau (auf Augenhöhe) zu begegnen. Man muss selbst Herr und der andere Knecht sein (bzw. vice versa), dann ist für den Ö die Welt in Ordnung. Entweder will er die Neunschwänzige in der Hand oder auf dem Hintern spüren. Aua, tut das weh auf der Backe!

Wenn sich der Ö als Knecht fühlt, identifiziert er sich mit Tagelöhnern, Kammerdienern, Hofschranzen, Leibfüchsen und anderen Arten von Domestiken. Wenn er sich als Herr fühlt, fühlt er sich als Großwesir, Peitscherlbua oder Schultheiß, tobt sich als Hassposter aus oder träumt von einer Karriere als Blockwart. Darum war ja auch die Nazizeit in Österreich recht populär.

Zum Glück gibt es jetzt wieder die Möglichkeit, den kleinen Herrenmenschen herauszulassen und auszuleben. Mieten Sie sich einfach einen Flüchtling als Ein-Euro-fünfzig-Sklaven (angeblich soll es eine Zeitlang noch zwei zum Preis von einem im Einführungsangebot geben, Gratisbrandeisen inbegriffen).

Dann kann man ihm gleich das Nötige anschaffen: Häusl putzen, Kellerstiege sauberlecken, ihm im Garten zeigen, was ein Rechen ist. Oder sich am Abend, wenn einen der Masochismus anwandelt, das Popschi mit saftigen Rutenstreichen durchwichsen lassen. So oder so: Gegen die Geschichte der Ö ist die Geschichte der O ein Lercherl. (Christoph Winder, Album, 30.3.2019)

  • Man muss selbst Herr und der andere Knecht sein (bzw. vice versa), dann ist für den Ö die Welt in Ordnung.
    foto: apa/barbara gindl

    Man muss selbst Herr und der andere Knecht sein (bzw. vice versa), dann ist für den Ö die Welt in Ordnung.

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