Detox der anderen Art: Achte auf die Worte

    Kolumne1. April 2019, 12:46
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    Die Sprache entgleist, es wird Normalität in der öffentlichen Sprache, was kränkt, wehtut, abwertet, kategorisiert und verleumdet. Das schadet allen

    Detoxen ist mega-in. Via tägliche grüne Smoothies und verschiedenste als Superfood deklarierte Zutaten für die Entgiftung des Körpers. Der muss ja einiges aushalten – von Umweltgiften bis zum selbst verabreichten Ungesunden.

    Via bewusste Auszeit wird auch gedetoxt von allem Elektronischen für Nerven und Geist. Es gibt sogar eigene Camps dafür, in die vermögende Eltern ihre durchdigitalisierten, von der Natur und dem Spüren weit entfernten Kids schicken, damit Bäume und Menschen wieder wahrgenommen werden. Social-Media-Stars verkünden, dass sie jetzt mal offline sind.

    Ein Gegentrend zum Gefühl, von allem irgendwie vergiftet zu sein. Viele fühlen sich irgendwie solcherart "verdreckt" und wollen etwas loswerden. Gut so, es ist ja eine Form der Achtsamkeit abseits des ökonomisierten Mindfulness-Hypes, der gerne beschworen wird, um noch bessere Mitarbeiter zu produzieren.

    Was macht uns so fertig, wovon fühlen wir uns so vergiftet?

    Wesentliches Gift kommt sicher aus der Dauerempörungsgesellschaft, wesentlich vom Dauerkatastrophisieren, vom dauernd enthemmt abgehaltenen Tribunal auf allen Medienkanälen. Alle werten und bewerten in der Rage des Moments.

    Die Politik macht es vor

    Gleichzeit werden natürlich alle gewertet und bewertet. Sind gekränkt, beleidigt, schlagen vor und schlagen zurück. Die Politik macht es vor. Die schnellen Medien bieten endlose Arenen dafür. Die Sprache entgleist, es wird Normalität in der öffentlichen Sprache, was kränkt, wehtut, abwertet, kategorisiert und verleumdet.

    Kurzfristig mag sich das anfühlen, als hätte man sich endlich über "die anderen" (wer immer das sein mag – Flüchtlinge, Konkurrenten, Radfahrer, Hundebesitzer) erhöht. Eigentlich schadet es aber allen. Es vergiftet. Nicht nur die anderen, sondern alle.

    Wirksames Detoxen für ein Miteinander beginnt bei den sicht- und hörbaren Worten in den öffentlichen Diskussionsräumen. Tatsächlich schon bei den Gedanken. Will ich wirklich noch ein Steinchen zur Radikalisierung beitragen?

    Rezept zum Detoxen

    Das Rezept zum diesbezüglichen Detoxen ist nicht neu, dazu hat jede Denkrichtung etwas anzubieten. Sehr klar diesbezüglich etwa im Talmud: Achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu deinen Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu deinem Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird zu deinem Schicksal. (Karin Bauer, 1.4.2019)

    • Alles wird gewertet und bewertet. Die Sprache entgleist. Es lohnt sich die Frage: Will ich wirklich noch ein Steinchen zur Radikalisierung beitragen?
      foto: getty images

      Alles wird gewertet und bewertet. Die Sprache entgleist. Es lohnt sich die Frage: Will ich wirklich noch ein Steinchen zur Radikalisierung beitragen?

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