Vermögen: Wem gehört Österreich?

    Blog2. April 2019, 08:08
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    Das Vermögen privater Haushalte ist sehr ungleich verteilt: Einige wenige besitzen einen Großteil des Gesamtvermögens. Wie kommt man zu diesen Daten, und warum wäre es wichtig, mehr darüber zu wissen?

    Ein durchschnittlicher österreichischer Haushalt besitzt ein Vermögen zwischen 250.000 und 380.000 Euro. (So genau weiß man das nicht, da solide Daten dazu fehlen.) Sie fühlen sich nun arm? Keine Sorge, Sie sind damit nicht allein: Würde ganz Österreich diesen Artikel lesen, hätten etwa 70 Prozent der Leserinnen und Leser dieses Gefühl.

    Das liegt daran, dass das Vermögen in Österreich sehr ungleich verteilt ist: Eine recht kleine Gruppe besitzt einen großen Teil des Gesamtvermögens. Viele Haushalte besitzen gar kein nennenswertes Vermögen oder sind sogar verschuldet.

    Wenig Daten

    Die Datenlage zu Vermögen in Österreich ist dünn: Erst seit 2010 wird – aufgrund einer europäischen Initiative – regelmäßig eine freiwillige Haushaltsbefragung von der Nationalbank durchgeführt. In dieser Umfrage werden die verschiedensten Vermögensbestandteile wie etwa Spareinlagen, Aktien oder Immobilienvermögen sowie Kredite abgefragt.

    Diese Initiative hat unser Wissen über die Verteilung von Vermögen in Österreich massiv verbessert. Dennoch bestehen grundlegende Wissenslücken: Ein wesentliches Problem ist, dass die reichsten Haushalte in dieser Umfrage nicht ausreichend abgebildet sind. Das bedeutet, dass wir zwar gut über die Verteilung der "unteren 90 Prozent" Bescheid wissen, aber nicht viel darüber hinaus sagen können. Das ist problematisch, da Zahlen (basierend auf Steuer- und Registerdaten) aus anderen Ländern zeigen, dass es gerade diese kleine Gruppe ist, die einen Großteil des Vermögens besitzt.

    foto: sofie waltl, quelle: www.wid.world
    foto: sofie waltl, quelle: www.wid.world

    Generell sieht man, dass der Anteil der reichsten zehn Prozent am Gesamtvermögen seit den 1920er-Jahren zunächst stetig abnahm. Seit circa 1990 wächst dieser Anteil allerdings wieder und liegt aktuell zwischen 50 und 70 Prozent. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt hingegen durchwegs weniger als 20 Prozent des Gesamtvermögens, oft sogar deutlich weniger. Ein relatives Vermögenswachstum dieser großen Gruppe (wir sprechen hier immerhin von der Hälfte der Bevölkerung) ist nicht zu verzeichnen.

    Die reichsten Haushalte fehlen

    Nimmt man das Vermögen der unteren 50 Prozent aus der österreichischen Umfrage und vergleicht es mit dem erhobenen Gesamtvermögen, ergibt sich ein Anteil von 3,4 Prozent. Das bedeutet, dass 50 Prozent der Bevölkerung beinahe nichts vom Vermögenskuchen besitzen. Allerdings wissen wir auch, dass in dem in der Umfrage gemessenen Gesamtvermögen ganz viel fehlt, nämlich das Vermögen der reichsten Haushalte.

    Eine Möglichkeit, diese Lücke zu reduzieren, stellen Reichenlisten dar. Das Magazin "Trend" listet jedes Jahr die reichsten Österreicherinnen und Österreicher auf. Auch wenn diese Daten nicht wissenschaftlichen Standards genügen, sind sie doch so ziemlich das Einzige, was wir haben. Und man kann sie – auf statistisch sehr vorsichtige Weise – mit Umfragedaten kombinieren.

    Die resultierenden Zahlen sind – auch wenn sie nur eine grobe Schätzung darstellen – wohl nicht ganz falsch: In Frankreich und Spanien können Daten aus Vermögenssteuern herangezogen werden. Darüber hinaus können aufgrund der "Panama Papers" und "Swiss Leaks" diese Daten auch noch mit Informationen zu verstecktem Vermögen in Steueroasen kombiniert werden. Reichert man damit die französischen und spanischen Umfragedaten an, so ergibt sich beinahe dieselbe Vermögenskonzentration, wie wenn man diese Korrektur direkt anhand von Reichenlisten durchführt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Umfragedaten zusammen mit den Informationen aus den Reichenlisten eine recht präzise Schätzung der Vermögenskonzentration erlauben.

    Während wir gut über die Vermögensverhältnisse der unteren 90 Prozent Bescheid wissen, fehlen Daten zu den Reichen fast zur Gänze.

    Faktoren der Vermögenskonzentration in Österreich

    Kombiniert man die österreichische Umfrage mit der "Trend"-Liste, so zeigt sich, dass der Anteil der ärmeren Hälfte Österreichs am Gesamtvermögen in der Umfrage überschätzt wurde. Nach den entsprechenden Korrekturen reduziert sich der Anteil von 3,4 Prozent auf nur noch 2,4 Prozent des Gesamtvermögens. Der Anteil der reichsten zehn Prozent hingegen erhöht sich von circa 55 Prozent auf beinahe 70 Prozent. Im internationalen Vergleich ist die Vermögenskonzentration in Österreich damit recht hoch.

    Das liegt einerseits an der hohen Anzahl an Mietern, die über keinerlei Immobilienvermögen verfügen. Während in Österreich die unteren 50 Prozent größtenteils Mieter sind, befinden sich in anderen Ländern in dieser Gruppe durchwegs viele Personen, die in ihren eigenen vier Wänden leben. Die zuletzt steigenden Immobilienpreise haben die Eigentümer relativ zu den Mietern reicher gemacht.

    Außerdem spielen Erbschaften und Schenkungen in Österreich eine wesentliche Rolle. Insbesondere auch deshalb, weil es – mit Ausnahme von Immobilien – keine Steuern auf solche Vermögenstransfers gibt.

    Darüber hinaus werden Einkommen aus Kapitalanlagen im Gegensatz zu Arbeitseinkommen nicht progressiv, sondern – international nicht unbedingt üblich – mit einem konstanten Steuersatz besteuert. Da große Einkünfte aus Kapitaleinkommen nur mit großem Vermögen erzielt werden können, liefert unser Steuersystem ebenfalls einen Betrag zur recht hohen Ungleichheit in Österreich.

    Wir brauchen mehr Daten!

    Gute Daten stellen die Grundlage dafür dar, über Phänomene wie die Verteilung von Vermögen oder über das Design des Steuer- und Abgabensystems als Gesellschaft diskutieren zu können. Aber nicht nur das: Wollen wir etwa verstehen, wer vom Wirtschaftswachstum profitiert und wer nicht, oder die Effektivität von Reformen messen, dann sind genau solche Daten von hoher Relevanz.

    Ob wir diese Daten in absehbarer Zeit jedoch haben werden, ist fraglich. In der Zwischenzeit bleiben uns nur Schätzungen wie die hier beschriebenen, um die Vermögensverteilung ungefähr verstehen zu können. (Sofie Waltl, 2.4.2019)

    foto: sofie waltl
    Sofie Waltl ist Assistenzprofessorin für Volkswirtschaft an der WU Wien und Postdoc am LISER in Luxemburg. Ihre Forschung beschäftigt sich mit angewandten und methodologischen Fragestellungen im Kontext von Immobilien, Vermögen und subjektiven Daten.

    Hinweis: Die Zahlen resultieren aus Berechnungen der Autorin basierend auf der Eurosystem Household Finance and Consumption Survey 2014, der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sowie der "Trend"-Liste.

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