Breloers "Brecht" – vom Frechdachs zum Schmuddelopa

27. März 2019, 08:00
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Heinrich Breloers Lust auf das gehobene Schulfernsehspiel korreliert nicht immer glücklich mit der Überlieferung. Wieder einmal unglaublich: Adele Neuhauser: Mittwoch, 20.15, ARD.

Jemand musste dem großen BB einen bösen Zauber angetan haben. Denn eineinhalb Dekaden nach seinem Gang ins Exil hatte sich der Dichter Bertolt Brecht tiefgreifend verändert. Zwei jeweils 90-minütige Teile umfasst Heinrich Breloers Spieldokumentation Brecht, die bereits am vergangenen Wochenende auf Arte lief und nunmehr heute, Mittwoch, den Wissensdurst von uns Nachgeborenen stillt.

Teil eins feiert die Entstehung der Poesie aus dem Geist der Unverantwortlichkeit: Der junge Brecht (Tom Schilling) gleicht einem aufmüpfigen Schulabbrecher. Er bemüht sich in den Lech-Auen sehr nachdrücklich um die Defloration seiner Augsburger Jugendliebe Paula "Bi" Banholzer.

Odeur archivarischer Gelehrsamkeit

Brecht erfindet, eher nebenher und gleichsam kollateral, die Grundlagen des Epischen Theaters. Und weil sich Spielszenen und Zeugenberichte, wie immer bei Breloer, organisch zusammenfügen, umweht den Frechdachs Brecht gelegentlich das nicht sehr einnehmende Odeur archivarischer Gelehrsamkeit.

Die junge, erstaunlich pausbäckige Helene "Heli" Weigel (Lou Strenger) versteht sich immerhin auf die Zubereitung eines besonders sämigen Palatschinkenteigs. Wiens Beitrag zur fortschrittlichen deutschen Dichtkunst darf unter keinen Umständen unterschätzt werden.WDR/Bernd SpaukeWDR/Bernd Spauke

foto: wdr/bernd spauke
Tom Schilling als junger Brecht.

Breloers Lust auf das gehobene Schulfernsehspiel korreliert nicht immer glücklich mit der Überlieferung, wonach Brechts sexueller Appetit auf seine Mitarbeiterinnen unerschöpflich gewesen sein soll. Das Bemühen, die faunischen Züge von Brechts Wesen nicht zu unterschlagen, geht leider zulasten der Poesie und deren vielfältiger, unendlich folgenreicher Nutzanwendung.

Mit Teil zwei setzt überhaupt eine massive Umwertung ein: Die unendlich mühsamen Jahre im Exil werden bloß gestreift. Brecht (Burghart Klaußner) ist zu einem vierschrötigen Greis mutiert, der in den frühen DDR-Jahren einen ganzen Hofstaat unterhält und auf den Theaterproben als Schmuddelopa im Proleten-Drillich glänzt.

Beflissener Faktencheck

Faszinierend, wie selbst blühende junge Geschöpfe (Laura de Boer als Isot Kilian) der Reihe nach auf den streng riechenden erotischen Nimmersatt hereinfallen. Brechts früher Herztod ist trotz der vielen Satrapen und Speichellecker unerfreulich und einsam. Wer einen ersten Eindruck vom Brecht’schen Kosmos gewinnen mag, der ist bei Heinrich Breloers beflissenem Faktencheck ganz gut aufgehoben.

foto: wdr/bernd spauke
Adele Neuhauser als Helene Weigel und Burghart Klaußner als Bertolt Brecht.

Neben hübschen Kurzauftritten von Bühnenstars wie Ernst Stötzner (als Caspar Neher) glänzt und brilliert wieder einmal die unglaubliche Adele Neuhauser: Als reife Weigel zieht sie nicht nur kongenial den Plan wagen der Mutter Courage durch den Dreck der ostdeutschen Verhältnisse.

Sie rollt allerliebst das "r". Sie begegnet ihrem untreuen Mann als schmale, unendlich zähe Göttin Hera: In ihr wetteifern Wut, Hass, Liebe und Demut mitein ander. Ihre Zigarette erlischt nie. Ihr Glaube an Brecht auch nicht. Schon allein ihretwegen sollte man Breloers Brecht unbedingt gesehen haben.

ARD, 20.15 Uhr: "Brecht" – beide Teile. 23.45 Uhr: Dokumentation "Brecht und das Berliner Ensemble – Erinnerung an einen Traum". (Ronald Pohl, 26.3.2019)

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