Europa will Großprojekt "Time Machine" vorantreiben

    26. März 2019, 16:00
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    Breit angelegte Forschungsinitiative soll Vergangenheit durch Vernetzung von Daten und einer fortschrittlichen KI besser zugänglich machen

    Die Europäische Kommission hat vor wenigen Tagen das europaweite Projekt "Time Machine" als einen von sechs Forschungsvorschlägen ausgewählt, die im kommenden Jahrzehnt schwerpuktmäßig vorangetrieben werden sollen. Zur Vorbereitung der groß angelegten Initiative soll zunächst eine Million Euro für das Erstellen detaillierter Pläne investiert werden. "Time Machine" zielt auf die Gewinnung und Nutzung von "Big Data" der Vergangenheit ab und sieht vor, fortschrittliche neue Digitalisierungs- und Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) zu entwickeln und umzusetzen.

    Damit soll das riesige kulturelle Erbe Europas erschlossen und ein fairer und freier Zugang zu Informationen ermöglicht werden. "Diese Informationen werden die künftigen wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen in Europa unterstützen", ist Sander Münster vom Medienzentrum der TU Dresden überzeugt. So soll es virtuell möglich werden, genauso einfach durch die Historie Europas zu reisen, wie wir heute von A nach B fahren. Wie sah diese Straße vor 500 Jahren aus? Welche Namen und Gesichter spielten zu der Zeit hier eine Rolle? Die Vergangenheit soll so zu einer leicht zugängigen Quelle für alle möglichen künftigen Projekte werden.

    Fortschrittlichste KI-Systeme

    "Die 'Time Machine' wird fortschrittliche KI-Technologien entwickeln, um große Mengen an Informationen aus komplexen historischen Datensätzen zu erfassen", prophezeit Münster. Damit wird die Transformation fragmentierter Daten – mit Inhalten von mittelalterlichen Manuskripten und historischen Objekten bis hin zu Smartphone- und Satellitenbildern in nutzbares Wissen für die Forschung ermöglicht. Im Wesentlichen soll letztendlich eine groß angelegte Rechen- und Digitalisierungsinfrastruktur die gesamte soziale, kulturelle und geografische Entwicklung Europas abbilden. In Anbetracht der beispiellosen Größenordnung und Komplexität der Daten hat die KI der "Time Machine" sogar das Potenzial, einen starken Wettbewerbsvorteil für Europa im globalen KI-Rennen zu schaffen.

    "'Time Machine' wird wahrscheinlich eines der fortschrittlichsten Systeme der KI werden, das je entworfen wurde", erklärt Frederic Kaplan, Professor für Digitale Geisteswissenschaften an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) und Koordinator des Projekts "Time Machine".

    Internationale Allianz und lokale "Zeitmaschinen"

    Das "Time Machine"-Projekt ist eine einzigartige Allianz europäischer Hochschul- und Forschungseinrichtungen, kulturellen Einrichtungen sowie Unternehmen. Neben den 33 Kerninstitutionen, die von der Europäischen Kommission finanziert werden, beteiligen sich mehr als 200 Organisationen aus 33 Ländern an dem Vorhaben, darunter sieben Nationalbibliotheken (Österreich, Belgien, Frankreich, Israel, Niederlande, Spanien, Schweiz), 19 Staatsarchive, berühmte Museen, 95 Hochschul- und Forschungseinrichtungen, 30 europäische Unternehmen und 18 andere staatliche Stellen. Von Universitätsseite ist in Österreich die TU Wien an dem Projekt beteiligt.

    Gleichzeitig handelt es sich bei dem Projekt um ein ständig wachsendes Städtenetzwerk. Es basiert auf einer Art Franchise-Modell, bei dem Wissenschafter, Kultureinrichtungen, Behörden und große Gruppen von Freiwilligen zu Projekten mit Fokus auf Städte zusammengefasst werden. Die Einbeziehung von Freiwilligen – häufig sind es Bürger vor Ort – in diese lokalen "Time Machine"-Initiativen ist einer der Schlüssel, mit dem die Nachhaltigkeit des Vorhabens sichergestellt werden soll. Solche lokale "Zeitmaschinen" entstehen derzeit unter anderem in Venedig, Amsterdam, Paris, Jerusalem, Budapest, Regensburg, Nürnberg, Dresden, Limburg, Antwerpen, Gent, Brügge, Neapel und Utrecht. Die Forscher gehen davon aus, dass die Community in den kommenden zwölf Monaten wächst und sich dabei einer standardisierten Plattform und gemeinsamen Werkzeugen bedient. (red, 26.3.2019)

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