NS-Propaganda in Frauenzeitschriften: Emanzipation als Ausnahmezustand

    26. März 2019, 12:00
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    Inhalte von Frauenzeitschriften spielten in der NS-Kriegspropaganda eine große Rolle – von kriegsdienlichen Kochrezepten bis zur strumpflosen Mode

    Ohne Frauen ist kein Staat zu machen: Das war auch den Nationalsozialisten bewusst, als sie 1933 die Macht in Deutschland übernahmen. Daher wurde in der faschistischen Staatspropaganda von Anfang an auch der weibliche Teil der "Volksgemeinschaft" gezielt angesprochen – vor allem mithilfe der rund 200 Frauenzeitschriften, die im "Dritten Reich" auf dem Markt waren.

    Insbesondere nach dem Kriegsbeginn wurden diese vermeintlich apolitischen Magazine zu einem elementaren Instrument der Indoktrination: "Die nationalsozialistischen Machthaber sahen Frauenzeitschriften als wichtiges Mittel im Krieg an. Sie waren durch ihre zeitschriftentypischen Attribute prädestiniert, ihre LeserInnen für den Krieg zu mobilisieren und somit die Vernichtungspolitik zu stützen", erklärt die Kulturwissenschafterin Marion Wittfeld. Am Institut für Geschichte der Universität Wien referierte sie vergangene Woche über die Rolle von deutschen Frauenzeitschriften in der nationalsozialistischen Kriegspropaganda.

    Für die "innere Front"

    Wurde die Beeinflussung der Presse schon bereits seit 1933 im großen Stil betrieben, arbeiteten die zuständigen Stellen im Reichspropagandaministerium im Krieg noch emsiger: Mehr als 11.000 Presseanweisungen gingen zwischen 1939 und 1945 an die Zeitschriften-Redaktionen heraus. Wie die Soldaten im Feld sollte auch die in der Heimat verbliebene Bevölkerung auf den Angriffskrieg eingeschworen werden: "Innenpolitisch rückte ab Kriegsbeginn vor allem die 'Stärkung der inneren Front' und damit die Ansprache von Frauen in den Mittelpunkt", berichtet Wittfeld.

    Schließlich glaubte die NS-Führung hartnäckig an die "Dolchstoßlegende", dass vor allem Frauen Schuld an der deutschen Niederlage 1918 gehabt hätten. Schließlich hatten diese kurz vor Kriegsende mit Demonstrationen gegen die schlechte Versorgungslage die Kriegsmüdigkeit lautstark artikuliert.

    Das wollte man diesmal verhindern – und so lautete die Order des Propagandaministeriums beim Einmarsch der Truppen in Polen wie folgt: "Von entscheidender Wichtigkeit ist es, den weiblichen Leserkreis in der richtigen Weise anzusprechen. Je schlichter und ehrlicher der Ton ist, desto eher wird die Frau gepackt werden. Gerade jene Blätter, die man lange Zeit für 'unpolitisch' hielt, können auf diese Weise zu einem wesentlichen Teil an der Stärkung der inneren Front mitwirken."

    Als die Strümpfe ausgingen

    Stärkung führt auch durch den Magen. Und da auch damals Ernährungshinweise und Kochrezepte wesentliche Bestandteile von Frauenzeitschriften waren, wurden diese Rubriken nun kriegsdienlich umfunktioniert.

    Wittfeld: "Das Propagandaministerium forderte die Frauenzeitschriften-RedakteurInnen auf, ihren Leserinnen Hilfestellungen im Umgang mit Lebensmittelrationierungen zu geben, an die Ernährungssituation angepasste Kochrezepte abzudrucken und Tipps gegen Lebensmittelverluste zu veröffentlichen." Anstatt Versorgungsengpässe zu thematisieren, waren die JournalistInnen dazu aufgefordert, an die Kreativität der deutschen Hausfrau zu appellieren und angesichts der Mangellage zu improvisieren.

    Auch Textilien wurden knapp – das prägte wiederum die Modeberichterstattung: Als etwa 1940 in Deutschland die Strümpfe ausgingen, wurden die Redaktionen aufgerufen, eine strumpflose Mode zum neuesten Schrei zu erklären. "Ohne Strümpfe durch den Sommer" titelte darauf die von Wittfeld intensiv untersuchte Zeitschrift "Mode und Heim". Pflegeempfehlungen für die Beine, Leserbriefe über Methoden der Beinenthaarung und Werbeanzeigen für Enthaarungscreme folgten.

    Eine "gepflegte" Frau vorfinden

    Ohnehin hielt das Propagandaministerium ein gepflegtes und attraktives Erscheinungsbild für die Pflicht der deutschen Frau und verkündete 1943: "Es bedeutet durchaus keinen Verstoß gegen die Kriegsdisziplin, wenn auch heute noch eine Frau bemüht ist, sich mit ihren vorhandenen Kleidern so hübsch wie möglich zu machen und sich zu pflegen. Dem Soldaten ist es durchaus nicht gleichgültig, ob er auf Urlaub eine gepflegte und gutaussehende Frau vorfindet oder nicht."

    Im totalen Krieg spielten die Frauen aber nicht mehr bloß ihre eigentliche in der Naziideologie vorgesehene Rolle der Gattin und Mutter am Herd, sondern mussten sich nun zunehmend in eigentlichen Männerdomänen und im Beruf bewähren. Programmatisch wurde die Zeitschrift "Die junge Dame" in "Kamerad Frau" umbenannt.

    Die Frauenzeitschriften begleiteten diese kurzzeitige kriegsbedingte Emanzipation publizistisch, indem sie über diese neuen Tätigkeiten positiv berichteten. Frauen sollten animiert werden, sich in der Kriegswirtschaft zu betätigen. Und selbst wenn es ihnen einmal schwerfallen sollte, hier ihren Mann zu stehen, durften die Frauen mit ihren Sorgen die Geliebten an der Front nicht behelligen. So befahl die "Mode und Heim" ihren Leserinnen: "Vermeide alle Klagen. Überlege, daß er Dir im Augenblick nicht helfen kann! Mach ihm durch Klagen das Herz nicht schwer!"

    Geschlechtsspezifische Propaganda

    Für gute Stimmung und positive Gefühle zu sorgen war auch die Aufgabe der Zeitschriften selbst. So erklärt sich womöglich, warum eine Zeitschrift wie die "Mode und Heim" die Vorgaben zur antisemitischen Verunglimpfung kaum umsetzte. "Wir sehen, dass eine geschlechtsspezifische Propaganda gezielt von den NS-Machthabern eingesetzt wurde. Frauen sollten auf persönlicher Ebene angesprochen werden, statt mit Parolen oder Hitlerzitaten", analysiert Wittfeld.

    Somit bilden diese Frauenzeitschriften auch die Vielschichtigkeit des Lügenapparats der nationalsozialistischen Propaganda ab und zeigen, dass es für einen talentierten Sender auch einen aufnahmebereiten Empfänger brauchte: "Auch wenn die Propaganda der Nationalsozialisten theoretisch detailliert durchkonzeptionalisiert war, verlief sie nicht nach dem Schema Täter – Medien – Opfer. Die Menschen waren keine kenntnis- und willenlose Masse. Die beste Propaganda kann nur da wirken, wo Menschen bereit sind, an sie zu glauben." (Johannes Lau, 26.3.2019)

    Info

    Die Veranstaltung fand in Kooperation mit Fernetzt (Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte) statt.

    • Mehr als 11.000 Presseanweisungen gingen zwischen 1939 und 1945 an die Zeitschriftenredaktionen heraus.
      marion wittfeld

      Mehr als 11.000 Presseanweisungen gingen zwischen 1939 und 1945 an die Zeitschriftenredaktionen heraus.

    • Das Propagandaministerium hielt ein gepflegtes und attraktives Erscheinungsbild für die Pflicht der deutschen Frau.
      marion wittfeld

      Das Propagandaministerium hielt ein gepflegtes und attraktives Erscheinungsbild für die Pflicht der deutschen Frau.

    • Rollenwechsel: von der Arbeit am Herd hin zu Männerdomänen.
      marion wittfeld

      Rollenwechsel: von der Arbeit am Herd hin zu Männerdomänen.

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