Musiker Scott Walker mit 76 Jahren gestorben

    25. März 2019, 10:06
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    Der US-Amerikaner wandelte sich vom Teenagerschwarm der Sixties zu einem der mysteriösesten Musiker der Gegenwart

    Entgegen anderslautenden Gerüchten gibt es Fotos von Scott Walker, auf denen er gelacht hat. Doch die Regel war das nicht. Walker galt als rätselhafter Typ, einer, der sich vom Popstar und Mädchenschwarm in den 1960ern zu einem kompromisslosen Künstler gewandelt hatte, dessen Spätwerk selbst Freunden experimenteller Musik einiges abverlangte. Trotzdem und deshalb galt er als einer der innovativsten Songwriter des 20. Jahrhunderts. Der am 9. Jänner 1943 als Noel Scott Engel in Ohio geborene Musiker ist nun in seiner Wahlheimat England gestorben.

    Walker kam am falschen Ort zur Welt. Das bemerkten sogar seine Eltern und zogen berufsbedingt von Ohio über mehrere Stationen nach Kalifornien um. Doch selbst dort fühlte er sich in der Gute-Laune- und Surferkultur wie ein Alien. Immerhin schnupperte der junge Engel dort erstmals ins Showgeschäft und schauspielerte bereits als Kind für das Fernsehen. Entgegen der Banalität einfacher Unterhaltung entwickelte er als Teenager eine Liebe zum Jazz und zum europäischen Film.

    Falsche Brüder

    1964 gründete er zusammen mit John Maus und Gerry Leeds die Walker Brothers. Für das falsche Familienunternehmen verwandelte er sich in Scott Walker, die Band schrieb mit pathetischen Mini-Epen Popgeschichte: Sie adaptierte Phil Spectors Wall-of-Sound-Ästhetik, und ihre Songs wurden von Scott Walkers kapriziösem Bariton in Gefilde getragen, in denen der Herzschmerz regelmäßig übers Glück obsiegte.

    Die Teenager liebten die Walker Brothers, in England waren sie so groß wie die Beatles, ihr Fanclub soll sogar noch größer als jener der Fab Four gewesen sein. Schattseitige Dramen wie Saddest Night In The World, There Goes My Baby, Make It Easy On Yourself oder der Welthit The Sun Ain't Gonna Shine Anymore hoben die Walker Brothers in den Pophimmel, doch schon 1967 war Schluss. Künstlerische Differenzen.

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    Die Walker Brothers mit dem Welthit The Sun Ain't Gonna Shine Anymore.

    Im selben Jahr veröffentlichte Scott Walker sein erstes von rund 20 Soloalben. Er nannte es schlicht Scott. Damit setzte er den Weg fort, den die Brothers nicht mit ihm gehen wollten. Schon auf dem letzten Studioalbum der Brüder überwogen Balladen, solo sang Walker nun Lieder von Jacques Brel oder Tim Hardin. Das ikonische Cover zeigte ihn auf den Boden blickend, die Augen hinter dunklen Brillen verborgen.

    Immenser Einfluss

    Zieht man die Cowboystiefel ab, ist das Album mit dem Solowerk des Lee Hazlewood zu jener Zeit zu vergleichen. Walker entwickelte sich zu einem charismatischen Sänger, dessen Einfluss immens sein sollte. Künstler wie Marc Almond, Nick Cave oder Jarvis Cocker verehrten ihn als Hausgott, Walker produzierte schließlich auch das finale Pulp-Album We Love Life (2001).

    Vier durchnummerierte Platten veröffentlichte Walker bis 1969. Die vierte war die erste, auf der er alle Songs selbst geschrieben hatte, das war ein weiteres Indiz für eine künstlerische Selbstermächtigung, von der Walker nicht mehr abrücken sollte. Kommerziell floppte das Werk zwar, doch das schien Walker damals schon nicht mehr zu kümmern. Er tat, was er tun musste.

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    Scott Walker auf seinem vierten Album.

    Aus dieser Haltung entstand eine Reihe von Alben zwischen Country, Soul, Pop und Kitsch – wobei der Kitsch nicht ohne die Tragik kam. Allen Veröffentlichungen ab Scott 4 war gemein, dass sie floppten – doch das sagt nichts über ihre Qualität aus. Heute gelten viele dieser Arbeiten als kultisch verehrte Meisterwerke, fehlende Verkaufserfolge machte Walker als Präsentator seiner eigenen BBC-Show wett, ansonsten lebte er wohl vom Erbe der Walker Brothers.

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    Ein Klassiker singt einen Klassiker: Scott Walker und Sundown.

    Der anhaltende Misserfolg als Solokünstler führte Mitte der 1970er-Jahre zu einer Reunion mit den Brothers – doch bis auf die Single No Regrets floppten alle drei Alben dieser Reunion, Walker schien am Abstellgleis zu stehen, soll beim Blick auf den Boden zu oft durch den eines Glases geschaut haben und tauchte erst 1983 wieder auf.

    Folterkammermusik

    Das folterkammermusikalische Climate of Hunter änderte nichts an seinem ausbleibenden Erfolg. Es soll das am schlechtesten verkaufte Album in der Geschichte der Plattenfirma Virgin sein. Es schien, als wollte Walker mit Gewalt zwischen allen Stühlen landen. Dabei war das noch gar nichts.

    Zwölf Jahre später meldete er sich mit dem Album Tilt zurück. Vielen erschien der Titel wie eine Eigendiagnose. Walker durchmisst darauf als überzogener Bariton Lieder, die noch für Begräbnisse zu depressiv wirken und sich zieren, ihre rätselhafte Schönheit zu offenbaren.

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    Scott Walker mit The Cockfighter von seinem 1995er-Album Tilt.

    Doch plötzlich war das Publikum bereit für den Extremisten, er wurde als verkanntes Genie wiederentdeckt und gefeiert, eine späte zweite Karriere begann. Interviews gab er weiterhin nur selten, wenn, dann offenbarten sie einen mysteriösen, aber alerten Mann, fit wie ein Turnschuh und auch so aussehend.

    2006 erschien das Album The Drift auf dem britischen Schöngeister-Label 4AD, Walker sampelte Musik der Linzer Noise-Band Fuckhead und kollaborierte auf dem Album Soused mit den Schwermetall-Mönchen von Sunn O))) – ein Album, das Walker als ziemlich perfekt beschrieb.

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    Scott Walker mit Sunn O))) – Lava und Oper verschmelzen.

    Seine Kompromisslosigkeit ließ ihn in seinen Liedern das Terrorregime von Stalin behandeln oder die Massenmorde von Srebrenica. Seine Ästhetik beeinflusste unzählige Bands, Radiohead-Frontmann Thom Yorke war einer der Ersten, die nach der Todesmeldung kondolierten und Walkers Einfluss auf die eigene Band unterstrichen.

    Im Alter von 76 Jahren ist die Ausnahmeerscheinung Scott Walker nun an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. (Karl Fluch, 25.3.2019)

    Zum Nachlesen

    Albumbesprechung (2012) Scott Walker: Der Heldentenor vom Planeten Terror

    • Der Sänger und Musiker Scott Walker ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Sein Werk reichte von Welthits bis zur härtesten Kost im experimentellen Noise.
      foto: getty

      Der Sänger und Musiker Scott Walker ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Sein Werk reichte von Welthits bis zur härtesten Kost im experimentellen Noise.

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