"In Ewigkeit Ameisen" – Jüngstes Gericht mit Witzzwang

    Rezension23. März 2019, 11:34
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    Allzu unverbindlich heiter hat Jan Bosse das Stück "In Ewigkeit Ameisen" von Wolfram Lotz im Akademietheater uraufgeführt

    Wien – Man weiß nicht, was die Bewohner der winzigen Gemeinde Iflingen himmelschreiend Böses angestellt haben. Doch das Maß ihrer Sünden ist voll. Weil Gott am Ende aller Tage kein Vergehen ungesühnt lässt, schweben aus dem Schnürboden des Wiener Akademietheaters zwei Racheengel herab.

    Erzengel Michael (Christiane von Poelnitz), vollständig nur mit pechschwarzem Flügelpaar, gleicht keiner Führungspersönlichkeit innerhalb der himmlischen Heerscharen. Eher schon mimt von Poelnitz den Kamikazeflieger als Racheengel: eine cholerische Bruchpilotin mit Sendungsauftrag. Als Helfer hat sich ihr der schüchterne Assistenzengel Ludwig (Katharina Lorenz, weiße Flügel) an langen Drähten hängend beigesellt. Ludwig hält die Posaune des Jüngsten Gerichts. Michael bekommt das noch nicht entflammte Schwert kaum aus dem Gürtel.

    foto: apa/georg hochmuth
    Erzengel Michael (Christiane von Poelnitz) mit pechschwarzem Flügelpaar und Bihänder. Assistenzengel Ludwig (Katharina Lorenz) hält die Posaune.

    Das neue Stück des heiteren Apokalyptikers Wolfram Lotz zeigt, dass die Austilgung der gesamten Menschheit auch nichts anderes ist als eine Dienst- und Serviceleistung mit geringem Sozialprestige. "In Ewigkeit Ameisen" ist auch gar kein Stück, sondern das kunstvoll verwobene Band zweier Hörspiele.

    Langes Warten auf das Ende

    Beide behandeln den zirka vorletzten Tag der Menschheit. Dieser bietet die allerletzte Gelegenheit, über unser (als postkoloniale Bescheidwisser) noch einmal herzlich-ironisch zu witzeln. Das ist, ganz im Gegensatz zu Lotzens letztem Geniestreich mit Titel "Die lächerliche Finsternis", genau eine halbe Stunde lang witzig. Und dann nurmehr noch einschläfernd langweilig.

    Denn während unsere beiden Engel vor der Schaumstoffnoppenwand von Stephane Laime versuchen, den lieben Iflingerinnen und Iflingern von Gottesamts wegen den Garaus zu machen, stolpert und rollt parallel dazu ein höchst ungleiches Forscherpaar hinein in den tiefsten Urwald.

    Professor Schneling-Göbelitz (Peter Knaack) möchte die ob ihrer faschistoiden Sozialkapazitäten verehrte "Blaue Ameise" aufspüren. Von seinem Adlatus Müller (Klaus Brömmelmeier) lässt er sich im Rollstuhl durch die Wildnis kutschieren. Das Radio verkündet im Zweimannzelt unterdessen den Ausbruch des finalen Atomkrieges.

    Was also tun? Die gefräßige Ameise entdecken und typologisch erfassen – oder lieber geduldig verrecken? Und zur Kenntnis nehmen, dass diese nützlichen Insekten und Staatenbauer uns alle glorios überdauern werden?

    Gegenüber den Überlebenschancen von Lotzens Dramenzwitter darf man einigermaßen skeptisch sein. Uraufführungsregisseur Jan Bosse hat sich von der tückischen Heiterkeit des Textes allzu bereitwillig anstecken lassen. Fünf Schauspielerinnen und Schauspieler tauschen reihum die Rollen. Die famose Aenne Schwarz läuft den beiden Engeln in wechselnder Gestalt immer wieder als allerliebste Kreatur vor die Füße. Als Igel, der das Laubstöbern als seinen ureigensten philosophischen Daseinszweck verteidigt. Oder als Hausschwein, das seiner Schlachtung erstaunlich enthusiastisch entgegenfiebert.

    Der theologische Glutkern des szenischen Reigens besteht in der spielerischen Annahme, wir Menschen wären tatsächlich so antiquiert, wie wir uns öffentlich nie zu fühlen getrauen. In Wahrheit sind wir uns selbst – und natürlich unseren Straf- und Racheengeln – das größte Rätsel.

    Immer wieder ähneln die Stücke des Schwarzwälders Lotz Expeditionszügen in die Wurzelgründe unserer Existenz. Der Auftritt der Ameisen bildet den kargen Höhepunkt dieses rund hundertminütigen Abends, ein naturvölkischer Umzug zur Techno-Musik Arno Kraehahns. Parallel dazu finden die beiden geflügelten Auftragskiller die Gemeindemitglieder von Iflingen nur noch tot in der Kirche vor.

    "Das ist das Ende von allem?" Das Jüngste Gericht kommt für uns Menschen absehbar zu spät. Als betroffener Zuschauer meint man, das Stück müsse jetzt erst, am Boden der finstersten Gottlosigkeit, neu und überzeugender starten. Doch was passiert? Der Engel Ludwig bläst zum Herzerweichen die Posaune. Kein Misston, wie die ganze, brav heruntererzählte, anständig vom Blatt gespielte Unternehmung. Man dürfte sich schon nachhaltiger zum sündigen Menschsein bekennen, als Bosse und Co. das tun. (Ronald Pohl, 23.3.2019

    • Zwei Forscher auf der Suche nach der blauen Ameise im neuen Stück von Wolfram Lotz am Akademietheater.
      foto: apa/georg hochmuth

      Zwei Forscher auf der Suche nach der blauen Ameise im neuen Stück von Wolfram Lotz am Akademietheater.

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