Rundschau: Da hilft nur noch Zeitreiseneinsatz, Zeitreiseneinsatz

    Ansichtssache27. April 2019, 10:00
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    Science-Fiction-Frühling mit Alastair Reynolds, Linda Nagata und Cory Doctorow

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    foto: tor books

    Alastair Reynolds: "Permafrost"

    Broschiert, 176 Seiten, Tor Books 2019, Sprache: Englisch

    Die Vergangenheit bestimmt die Zukunft und die Zukunft die Vergangenheit. Die Zeit ist keine Einbahnstraße im jüngsten Werk von Starautor Alastair Reynolds – der sonst eher für Space Operas bekannt ist, sich und uns zwischendurch aber mal ganz was anderes gönnen wollte.

    Der Hintergrund

    Für seinen Kurzroman hat Reynolds das düsterste Szenario entworfen, das man seit Langem zu lesen bekommen hat. Wir schreiben das Jahr 2080, und die letzte Generation der Menschheit leidet Hunger. Nach ihr wird nichts mehr kommen, weil eine zunächst nur angedeutete Katastrophe mit der Bezeichnung Scouring (wörtlich übersetzt Auswaschung) sämtliche Nahrungsressourcen vernichtet hat und die letzten abgepackten Reserven zur Neige gehen. Darum setzt die Organisation World Health, vermutlich die Nachfolgerin der WHO, auf einen verzweifelten Plan, der in der Science Fiction nicht ganz unbekannt ist: jemanden in die Vergangenheit zurückzuschicken, um durch einen kleinen Eingriff die Zukunft zu retten.

    Für dieses "Permafrost" betitelte Projekt wird eine Person auserwählt, die so gar nicht ins Schema des Actionhelden passt: Valentina Lidova, eine 72-jährige Mathelehrerin, die am Krückstock geht – allerdings ist sie auch die Tochter jener Wissenschafterin, die einst die theoretischen Grundlagen für Zeitreisen konzipiert hat. Und körperlicher Einsatz ist ohnehin nicht gefragt: Reynolds' Zeitreiseversion basiert auf einer erweiterten Form der Quantenverschränkung. Damit kann einem geeigneten Empfänger in der Vergangenheit eine Nanostruktur ins Gehirn implantiert werden, die sich selbsttätig ausbaut und schließlich bereit ist, das Bewusstsein des Zeitreisenden aufzunehmen. Der ist nun geistig auf zwei Zeitebenen gleichzeitig präsent; körperlich bleibt er am Ausgangspunkt.

    Dichtes Geflecht

    "Permafrost" beginnt mit dem Satz: After I shot Vikram we put our things in the car und drove to the airstrip. Das kennt man ja von TV-Serien, wenn die Drehbuchautoren entschieden haben, eine Folge mal anders als üblich aufzuziehen, und sie mitten in einem unverständlichen Tumult beginnen lassen. Auf den folgt dann unweigerlich die Einblendung "24 Stunden zuvor ..." und alles wird chronologisch aufgerollt. Ähnlich ist es hier, zusätzlich kompliziert freilich durch den Umstand, dass die Erzählung durchgehend auf zwei Zeitebenen abläuft.

    Valentinas Zieljahr ist 2028, ihre Zielperson wie sie eine Russin, Tatiana Dinova. Die sollte eigentlich gar nichts davon mitbekommen, wenn ihr Körper von Valentina übernommen wird. Doch wie so oft sieht die Praxis ganz anders aus als die Theorie. Und so bekommt es unsere Zeitreisende unverhofft mit einer wachen "Mitbewohnerin" im Kopf zu tun. Tatiana erweist sich als sarkastische und nicht so leicht zu erschütternde Dialogpartnerin, und mit der Zeit wird aus den beiden glatt noch so etwas wie ein Team.

    Worin Valentinas Aufgabe besteht, sei hier nicht verraten. Auf jeden Fall wirft Reynolds ein ganzes Bündel von Faktoren ins Geschehen, um sie zu erschweren. Einer der ominöseren ist übrigens der Verdacht, dass in die Mission aus einer noch ferneren Zukunft eingegriffen wird. Mit dem Zeitverlauf herumzuspielen, kann eben ungeahnte Folgen nach sich ziehen, wie SF-Fans nur allzu bekannt ist. Und so werden wir später auch noch den Grund erfahren, warum Valentina den zuvor genannten Vikram – einen Kollegen und Freund – erschossen hat. Die Passage wird nachträglich in einem sehr überraschenden neuen Licht erscheinen.

    Die etwas andere Art des Zeitreisens

    Mal sehen: Eine globale Umweltkatastrophe als Anlass für einen nicht-körperlichen Brückenschlag zwischen Zukunft und Vergangenheit und eine Erzählung auf zwei Zeitebenen – "Permafrost" echot unverkennbar "Zeitschaft" von Gregory Benford, einen Klassiker des Zeitreisegenres aus dem Jahr 1980. Und Alastair Reynolds macht auch keinen Hehl daraus, dass er "Zeitschaft" für eines der besten Werke hält, die dieses je hervorgebracht hat. Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Bei Benford entsprang aus der Zeitreise ein alternativer Geschichtsverlauf, er verwendete also das Modell vom Zeitverlauf als Baum, der sich mit jeder getroffenen Entscheidung weiter verzweigt. Das wird in "Permafrost" explizit verworfen.

    Bei Reynolds ist das Zeitgefüge ein Kristall, eine feste Matrix, die vom Anfang bis zum Ende des Universums reicht und keine alternativen Verbindungen zulässt. Allerdings ... gibt es in diesem Kristall kleine Unreinheiten oder Defekte, und die lassen Spielraum zu. Wurde eine Veränderung vorgenommen, trachtet die Zeit jedoch sofort danach, wieder in einen Ruhezustand zurückzukehren. Ächzend und knirschend – time murmuring to itself like an old house – settlet sich das Zeitgefüge neu, bringt Vergangenheit und Zukunft in einen neuen fixen Verbund – und war dann schon immer so. Was mitunter zur Folge hat, dass sich die Romanfiguren nicht mehr an eine Handlung erinnern können, die sie eben noch durchgeführt haben. War doch das Resultat ihrer Handlung ohnehin schon die ganze Zeit vorhanden, oder etwa nicht?

    Es ist immer wieder interessant zu lesen, was Autoren zwischen ihren großen Werken und Reihen veröffentlichen. Oft – wie auch hier – merkt man solchen Seitenpublikationen an, dass sich ihr Schöpfer freigespielt gefühlt und die Abwechslung genossen hat. Reynolds nutzt seine Erzählung nicht zuletzt als Gedankenspiel, ähnlich wie es auch ein Cixin Liu – mit wechselndem Erfolg – gerne tut. Wer hingegen lieber was vom "alten" Reynolds lesen möchte: Im Jänner ist auf Englisch "Shadow Captain", die Fortsetzung zu seinem Weltraumpiratenabenteuer "Rache", erschienen, arrrrrr!

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