Briefe an Blümel: Filmbranche im Politzwist

    22. März 2019, 17:06
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    War der heimische Filmpreis zu politisch? Zwei Briefe an Kulturminister Gernot Blümel sorgen bei der Grazer Diagonale für Kopfschütteln. Stimmungsbilder gab es aber auch im Kino zu sehen

    Von "Angst schüren" zu "Wahlen gewinnen" ist es im Diagonale-Trailer von Johann Lurf nicht weit. Das Wasserrad, das der Experimentalfilmkünstler für seinen Film Cavalcade konstruiert hat, nimmt Fahrt auf und erzeugt wundersame Farbmuster, deren Magie auch nach mehrmaligem Sehen noch erstaunt. "Nationalismus ist Gift für die Gesellschaft", heißt es zum Schluss des Trailers.

    Die österreichische Filmszene zeigt bekanntlich wenig Scheu vor politischen Stellungnahmen. Allerdings scheinen neuerdings manche um die Außenwirkung besorgt. Der heimische Filmpreis sorgt auf der Diagonale nun verspätet für Diskussionen. Viele Redner nutzten die Gala im Jänner, um Kritik am politischen Kurs zu üben – mit einem Nachspiel, wie Insider berichten.

    "Kindergartenpolitik"

    Zwei an Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) gerichtete Briefe erregen die Gemüter. Einer kommt vom Produzentenverband Film Austria, in dem offenbar Kritik an der Instrumentalisierung des Filmpreises geübt wird; der andere stammt aus der Hand von Josef Aichholzer, dem Obmann der für den Preis verantwortlichen Filmakademie, in dem eine strengere Handhabung der Hausordnung in Aussicht gestellt wird. Externe Redner wie der Kameramann Gerald Kerkletz, der für die Initiative "Klappe auf" auf die Bühne gebeten wurde, dürfe es hinkünftig nicht mehr geben, auch die Redezeit von Gewinnern muss strikter eingehalten werden.

    Empört reagieren darauf nicht nur prämierte Filmemacherinnen wie Ruth Beckermann, sondern auch Vorstandsmitglieder der Akademie, denen der Brief nicht vorgelegt wurde. Auf Nachfrage des STANDARD spricht Aichholzer abfällig von "Kindergartenpolitik", er habe nach Anfrage aus dem Ministerium doch nur das weitergegeben, was ohnehin im Vorstand beschlossen wurde. Vorlegen will er den Brief aber nicht. Die politische Kritik bezeichnet Aichholzer als "gruppenpsychologischen Zwang", auf den man reagieren musste. Eine erstaunliche Formulierung, wo es doch die Akademie selbst war, die einen Gastredner wie Autor Martin Pollack eingeladen hat und es keineswegs "Klappe auf" war, welche die Dynamik hervorrief.

    Kritik an Regierungskritik

    Regisseur Stefan Ruzowitzky, der in seiner Funktion als Akademie-Präsident den Brief mitunterzeichnet hat, betont, dass es sich um keinen Versuch einer Distanzierung handle. Den genauen Wortlaut habe er nicht erinnerlich, nur den Kern der Aussage: "Die Institution selbst muss überparteilich bleiben, sie kann nur eine Schale für unterschiedliche Positionen sein." Man dürfe sich nicht vereinnahmen lassen, schließlich gehe es auch um die Wahrung eines professionellen Gesprächsklimas. Erst unlängst hatte es einen Termin bei Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer gegeben, "einem Filmfan".

    Die Affäre liefert ein Stimmungsbild einer Branche, in der die Nervosität steigt und das öffentliche Image offensichtlich umkämpfter wird. Mit dem Konkurrenzdruck steigt auch der Drang, sich gegenüber der Politik einen gewissen Startvorteil zu verschaffen. Minister Blümel hat sich am Samstag übrigens auch zur Preisverleihung angekündigt.

    Bei den dokumentarischen Arbeiten, die bei der Diagonale zu sehen waren, musste man sich zumindest keine Sorgen um ideologische Vereinnahmungen machen. Sie setzen auf die Lust an der Beobachtung, um gesellschaftspolitische Tendenzen zu durchleuchten.

    Politik und Radio im Film

    Gehört, gesehen – Ein Radiofilm von Jakob Brossmann und David Paede macht sein Feintuning zu mehr als einem Porträt des "erfolgreichsten Kultursenders der Welt" Ö1. Der Film durchstreift die Abteilungen des Senders mit einer Montage, die das Akustische stimmig ins Räumliche, auf Gesichter überträgt. Dem Regie-Duo gelingt die Zustandsbeschreibung eines Qualitätsmediums, das auf seine Weise mit der Vertrauenskrise des Journalismus zu kämpfen hat.

    ulli gladik

    Inland heißt Ulli Gladiks Film, der sich in Wien-Favoriten, einem Bezirk der einstigen Stammwählerschaft der SPÖ, umsieht und zu verstehen versucht, warum die "kleinen Leute" mittlerweile FPÖ wählen. Gladiks Ansatz zeigt die Grenzen einer solchen direkten Begegnung auf, wenn sie auf expliziten Fremdenhass stößt; und sie zeigt, was passiert, wenn Politik den Leuten kein Gemeinschaftsgefühl mehr bietet.

    Eine Reihe von Filmen widmet sich in Graz heuer Menschen, mit denen man seinen Alltag teilt. Einer der schönsten ist Szenen meiner Ehe von Kathrin Schlösser, in dem die Filmemacherin die Beziehung mit ihrem Mann über Jahre dokumentiert. Es ist ein Film, in dem spielerisches Reden und Ausagieren zum innersten Kern der Nähe zweier Menschen führt. Die Kamera ist Bühne, Spanner, Beichtstuhl wie Therapeut. Trotz (oder besser: aufgrund) der Konflikte muss man ihn als richtigen Liebesfilm bezeichnen: Kinoeinsatz unbedingt erwünscht. (Dominik Kamalzadeh, 22.3.2019)

    • Schau mir in die Augen, Großer! Kathrin Schlösser dokumentiert in "Szenen meiner Ehe" ihre Beziehung.
      foto: diagonale

      Schau mir in die Augen, Großer! Kathrin Schlösser dokumentiert in "Szenen meiner Ehe" ihre Beziehung.

    • Ulli Gladiks "Inland" schaut sich in Wien-Favoriten um.
      foto: ulli gladik

      Ulli Gladiks "Inland" schaut sich in Wien-Favoriten um.

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