Die Krisenkolumne: Flöten wie die Sau

Kolumne23. März 2019, 11:00
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Eine kurze Geschichte meiner musikalischen Sozialisation

Meine liebe Chefin Mia hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für dieses Musik-ALBUM auch über Musik zu schreiben. Ja, das kann und tue ich gerne. Weil es mir leicht fällt. Denn Musik ist mein zweiter Vorname. Ich kann mich mühelos erinnern, wie jede Phase meines Aufwachsens vom Erlernen eines Musikinstruments bestimmt war.

Mit sechs Jahren kam die Blockflöte dran. Ein nettes, wenn auch harmloses Instrument. Offenbar war ich damals noch nicht gänzlich der oralen Phase entwachsen, weil ich die Gewohnheit entwickelte, das Mundstück einzuspeicheln und daran zu nagen, bis das Ganze aussah wie ein Stück abgefressenes Süßholz. Der Blockflötenlehrer fand das nicht gut.

Es folgte, mit zehn, die Gitarre. Die Gitarrenlehrerin legte Wert auf eine abwinkelte Haltung der rechten Hand und nervte endlos mit der Frage "Wo bleibt der Knick?". Die Gitarre war das optimale Begleitinstrument zur gesanglichen Bewältigung jugendlicher Gefühlsaufwallungen. Eine gescheiterte erste Liebe, ah, welch unvergessener Schmerz, besang ich stundenlang mit dem morbiden deutschen Volkslied Ich hab die Nacht geträumet, welches von einem "Rosmarienbaum" als Zeichen des herannahenden Todes durchgeistert wird. Sehr, sehr traurig.

Solo mit der Querflöte

Dann kam die Querflöte dran, die man, anders als Blockflöten, kaum anfressen kann. Ich erlernte die Syrinx von Maurice Ravel, spielte aber in erster Linie mit Edmund, Ekkehard, Thomas, Christian und anderen in der Rockband Phludzuckr. Der Name war idiotisch, aber wir spielten gut, wurden in Vorarlberg weltberühmt und gewannen 1975 sogar den zweiten Preis im Bandwettbewerb "Das goldene Band". Nur Reinhold Bilgeri war besser als wir! Die Schülerin Michelle Gorditsch hat kürzlich für ihre Matura eine fast 100 Seiten starke Arbeit über die Geschichte von Phludzuckr geschrieben. Dafür danke ich ihr hier herzlich.

Ein Feature jedes Konzerts war ein langes Flötensolo, bei dem ich dieses edle Instrument malträtierte, indem ich wie ein Schwein hineingrunzte und hineingrölte sowie die Flatterzunge ins Spiel brachte. Feuchtfröhlich, aber effizient. Wenn Sie wollen, können Sie mich buchen: Ich komme zu Ihnen nach Hause und spiele es Ihnen vor. Allerdings nur gegen Honorar. Sie kennen ja das Motto "Ohne Göd ka Musi", an das auch ich mich relativ konsequent halte. (Christoph Winder, 22.3.2019)

  • Die Gitarre war das optimale Begleitinstrument zur gesanglichen Bewältigung jugendlicher Gefühlsaufwallungen.
    foto: apa / dpa / oliver berg

    Die Gitarre war das optimale Begleitinstrument zur gesanglichen Bewältigung jugendlicher Gefühlsaufwallungen.

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