"Was tat i ohne?" Die Stammbeisln der Redakteure

    2. April 2019, 16:05
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    Redakteure des STANDARD erzählen über ihre Stammlokale und was sie dorthin zieht

    foto: matthias cremer

    Zum Schweinsohr

    Mein fortgeschrittenes Alter hat ausgehmäßig zweierlei Folgen: Erstens hält man es nicht mehr so oft aus – was den Begriff Stammbeisl relativiert, der ja auf eine gewisse Frequenz hinweist. Zweitens weiß man, dass das Leben zu kurz ist, um schlecht zu essen und zu trinken, also kommt das Beisl ums Eck, das in Heimwanknähe, nicht infrage. Wenn ich nach "meinem" Wiener Wirtshaus gefragt werde, fällt mir sofort der Wolf in der Großen Neugasse ein. Da passt Verpackung und Inhalt. Da ich selbst in der Lage bin, mir ein anständiges Papperl hinzustellen, lege ich Wert darauf, etwas geboten zu bekommen, was es bei mir nicht gibt: vom Schweinsohr übers Kalbshirn bis zum Beuscherl. Und der Wirt duzt mich, auch das macht sonst keiner. (Gudrun Harrer)

    foto: heidi seywald

    Keine Brexit-Gefahr

    Um einen Werbespruch zu paraphrasieren: Was tat i ohne das Engländer? Das sogenannte "Café" in der Postgasse, dem das Abgestandene und Ranzige anderer Cafés fehlt, ist des Morgens, Mittags und Abends eine Heimstätte vom Feinsten, nicht nur für Leute vom nahegelegenen STANDARD. Pipperl und Papperl sind schwer okay, das vegetarische Menü lässt sich umgehen, indem man Weißwurst oder Leberkäs ordert. Das Einzige, was bitter fehlt, ist der Hans Hurch, aber dafür kann das Engländer nichts. Den Herr Walter gibt's noch, aber nicht mehr so häufig, weil in Altersteilzeit. Da müssen wir dann halt doppelt so intensiv Schmäh führen, wenn wir einander treffen. Die Engländer mögen sich aus Europa verabschieden, das Engländer bleibt. Zum Glück. (Christoph Winder)

    foto: katsey

    Hummer für die Mama

    Es gibt viele Lieblingswirtshäuser, in denen es ums gute Essen geht. Im Gasthaus Müll in Immendorf ist das anders. Warum es trotzdem meine favorisierte Wirtschaft ist? Jenny, der Hund der Seniorwirtin, bellt mich nach sechs Jahren, in denen ich versuchte, einheimisch zu werden, beim Reingehen in die Stube schon weniger an. Am Freitagabend bin ich die einzige Frau im Lokal. Und Rudi, der Wirt, schnorrt mir immer einen Tschick. Als ich neulich meine Würstel im Gulaschsaft bezahlen wollte, war der Wirt in der Küche und ich lugte um die Ecke: Da stand er mit zwei riesigen Hummern in den Händen, die er für die Mama und die Freundin gerade ins kochende Wasser warf. "Sei net neidisch, is eh nix draun." So gut, dass wir ihn haben. (Mia Eidlhuber)

    foto: matthias cremer

    Hollerbusch! Kino!

    Das Schicksal prüft uns, den Hollerbusch, den Herrn Wirt und mich. Es hat uns eines Tages – so mir nix, dir nix – die ganze Innenstadt in den Weg gelegt. Aus dem Herzen reißen konnte mir ein Umzug das Gasthaus zum Holunderstrauch in der Schreyvogelgasse gleich unter der Mölker Bastei nicht. Wie es dem Herrn Wirt geht, kann ich nur ahnen. "Hollerbusch! Kino!", fährt es mir jedenfalls regelmäßig ein, seitdem ich nicht mehr ohnehin vorbeikomme, auf dem Heimweg, und also hineinfalle. Kino war ein Code, geeignet, ungebetene Begleitung ("Wo geht's hin?") zu vermeiden. Das war nicht recht. Man soll auch gönnen können. Was? Beschreiben lässt sich das nicht, nur erleben. Wer braucht ein Kino, wenn es den Hollerbusch gibt? (Sigi Lützow)

    foto: klaus pichler

    Immer wieder Wild

    Allein schon die Lage am Radetzkyplatz ist ein eindeutiges Einkehrargument für das Gasthaus Wild. Und es liegt praktisch bei mir um die Ecke. Hier treffe ich Freunde, wenn ich sie nicht daheim bekoche. Familienfeiern, ehemalige Kollegen wiedersehen, schnell auf ein Glas Bier oder Wein gehen – die gemütliche Gaststube und der lauschige Gastgarten laden immer ein. Am liebsten mag ich mein verlängertes Wohnzimmer am Sonntagnachmittag. Während die meisten anderen Wiener Wirte pausieren, servieren die freundlichen Kellnerinnen und Kellner "Beiried vom Waldviertler Rind", "Couscous-Gemüseauflauf mit Okradip" oder "Kalbsrahmbeuschel". Die Küche ist traditionell und kreativ, da komme ich auch gerne alleine zum Essen und Trinken. (Helga Gartner)

    foto: lukas friesenbichler

    Ein Weinhaus mit Bier

    Das Weinhaus Sittl heißt eigentlich Zum Goldenen Pelikan. Das Gegenteil ist auch wahr. Es liegt sehr malerisch am Lerchenfelder Gürtel. Wer sich für das Ausschweifen ins Nachtleben interessiert, hat sich dort vor dem Besuch der Gürtellokale Café Carina, Chelsea, Weberknecht, Loft, Rhiz oder Kramladen schon einmal mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gestärkt. Früher konnte man im Sittl auch tagsüber einen Hangover vorbereiten. Jetzt ab 17 Uhr. Es gibt Musiker, die dort trockene Bandproben abhalten. Gemeint ist: ohne Musik. Es ist wegen der Luftwerte sehr schwer, im Weinhaus Sittl zu rauchen. Dank des Bodennebels ist es allerdings auch schwierig, nicht zu rauchen. Wein habe ich dort noch nie getrunken. Das Bier ist gut. Es gibt Essen. (Christian Schachinger)

    (2.4.2019)


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