275 Postings
25. März 2019, 06:00

Fast könnte man meinen, die Vision vom Menschen als Cyborg sei bereits Realität. Wie in Trance trotten wir durch Straßen. Die Ohren verstöpselt, den Blick aufs Handy gesenkt. Ein großer Teil unseres Ichs ist bereits digital. Nahezu ohne Unterlass speisen wir unser Leben, unsere Gedanken, unsere Daten ins Internet. Dazu erweitern Apps und das im Web abrufbare weltweite Wissen unsere kognitiven Fähigkeiten, machen uns im Vergleich zu unseren Vorfahren fast übermenschlich. Trotzdem stehen wir erst am Anfang jener Evolution, die die Menschheit in neue Sphären katapultieren könnte. Davon gehen zumindest einige der bekanntesten Vordenker im Silicon Valley aus.

Etwa Googles Entwicklungschef Ray Kurzweil. Er glaubt, dass Nanoroboter im Blut Krankheiten bekämpfen und uns ewiges Leben schenken werden. Auch das jüngste Projekt von Tech-Visionär Elon Musk könnte aus der Scifi-Welt Isaac Asimovs stammen: Die 2016 gegründete Firma Neuralink soll eine Schnittstelle schaffen, die Gehirne mit künstlicher Intelligenz (KI) verschmelzen lässt.

entiversal
Seit 2017 erzählt Elon Musk von seinen Plänen rund um Neuralink und der ihm zufolge essenziellen Transformation des Menschen zum Cyborg. Eine Zusammenfassung seiner gesammelten Aussagen.

Netz im Hirn

Ein sogenanntes Neurolace soll sich als hauchdünnes Elektrodennetz im Hirn entfalten und den ungehinderten Datenfluss zwischen Gedanken und Computern ermöglichen. Anstatt etwas ins Google-Suchfeld zu tippen, würde es reichen, an etwas zu denken – und schon hätte man alle gewünschten Infos im Kopf. Die Vernetzung soll in Echtzeit geschehen, die KI als Erweiterung des Neokortex fungieren. Lernen wäre dann ein Relikt der Vergangenheit.

"Es dauert lächerlich lange, etwas ins Handy zu tippen", sagt Musk immer dann, wenn Medien ihn nach dem ominösen Neurolace fragen. "Die Frage ist, wie man das Verhältnis von Eingabe und Ausgabe verbessern kann. Denn unser Output ist so langsam. Denken Sie hingegen an die großen Datenmengen, die über die Augen ins Gehirn gelangen. Um den Output zu erhöhen, brauchen wir eine direkte Verbindung zum Kortex."

Halbgötter vs. Super-KIs

Seit drei Jahren baut Musk mit einem Millionenbudget ein internationales Team aus Neurowissenschaftern, KI-Experten, Elektroingenieuren und Materialforschern aus. Auf der Neuralink-Webseite findet sich nicht mehr als ein Leitsatz und Jobannoncen. "Wenn niemand anderer es macht, dann werde ich es machen", prophezeite Musk noch vor der offiziellen Firmentaufe im Rahmen der IT-Konferenz Recode.

Ist das die Idee eines Genies, das zu nahe an der Sonne fliegt? Warum sollte man Elektroden im Hirn haben wollen, um mit KI eine Symbiose einzugehen? Ist das nicht der dystopische Albtraum schlechthin? Musks Antwort bringt keine Entspannung: "Ich habe Neuralink gegründet, um das existenzielle Risiko für Menschen, das von KI ausgeht, abzufedern. Wir werden nicht in der Lage sein, KI zu übertreffen. Und kannst du sie nicht besiegen, schließ dich ihnen an. Das verlängert die Relevanz der Menschheit."

Musk hält die Transformation des Menschen zur Menschmaschine also für überlebenswichtig. Er will nicht als "Hauskatze für gottgleiche Roboter" enden. Er will lieber selbst gottgleich werden.

recode
Elon Musk ist nicht der einzige Millionär, der Menschen Chips ins Hirn setzen möchte. Bryan Johnson investierte 100 Millionen Dollar in seine Firma Kernel, um Systeme zu entwickeln, die das Gedächtnis erweitern, das Leben verlängern und die Sinne der Menschen erweitern können. Auch auf Johnsons konkrete Entwicklungen darf man noch gespannt sein.

Große Hürden

Machen wir hier kurz eine Pause. Denn während Musk schon bald erste Resultate aus dem Neuralink-Labor vorlegen möchte, hegen andere Forscher ernste Zweifel daran, dass wir in absehbarer Zeit mit Gehirnimplantaten zur Intelligenzsteigerung herumlaufen werden. "Mir kommt das schon sehr utopisch vor", meint etwa Gernot Müller-Putz, Professor am Institute of Neural Engineering der TU Graz im Interview mit dem STANDARD. "Die Idee ist ja schlussendlich, dass man das gesamte Gedächtnis irgendwohin uploadet oder Wissen direkt ins Gehirn herunterlädt. In diesem Jahrhundert werden wir das nicht mehr erleben. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie diese Tech-Giganten es uns verkaufen wollen." Brain-Computer-Interfaces (BCI) würden zwar seit fast drei Jahrzehnten erforscht, die Entwicklung stecke aber noch vor Herausforderungen.

Mittels Elektroden lassen sich heute unter kontrollierten Bedingungen Gehirnmuster auslesen und diese zur rudimentären Bedienung von Geräten nutzen. Damit ermöglicht man beispielsweise Querschnittgelähmten die Nutzung einer Neuroprothese oder Patienten mit Locked-in-Syndrom die Kommunikation. Bis Menschen im Alltag ihre geistigen Kapazitäten per BCI um das Zigfache steigern können, müssten laut Müller-Putz noch einige Hürden überwunden werden – von der Praktikabilität im Alltag ohne akribische Justierung bis hin zur universellen Erfassung von Hirnsignalen. Denn die bereits angewandten Methoden funktionieren nur dann, wenn man genau weiß, auf welche Muster man achten muss. "Von der Lösung, etwas auf den Kopf zu setzen und einfach einzuschalten, sind wir noch weit entfernt."

Material im Hirn

Hirnimplantate bereiten Biomedizintechnikern ebenfalls Kopfzerbrechen. Denn Neuronen kommunizieren mittels Ionen, Computer mittels Elektronen – die Übersetzung bremst den Datenfluss. Ein weiterer Haken sind die eingesetzten Materialien: "Die Lebensdauer von Silizium-basierten Interfaces beträgt rund fünf Jahre. Bis dahin fallen aber mehrere Komponenten aus", so Christopher Bettinger, Materialforscher der Carnegie Mellon University im Interview mit "The Verge". Schon kleinste Verschiebungen können zu Verletzungen oder Entzündungen führen. Vor allem aber müsse man für dauerhafte Implantate zuerst Materialien finden, die nicht regelmäßig chirurgisch getauscht werden müssen.

Und hier ist man laut Bettinger noch nicht angekommen, wenngleich bereits große Fortschritte seit den starren Implantaten der 1970er-Jahre erzielt wurden. Mittlerweile werden Implantate auf Basis von Polymeren hergestellt, die sich wie ein Gummiband dehnen lassen. Und seit kurzem wird sogar an Materialien geforscht, die flexibel wie Gelatine sind, und an chemischen Prozessen, die elektronische Verbindungen damit ermöglichen. Für die Forscher ist das ein Durchbruch, der die Türen zur nächsten Generation der Neuroimplantate öffnen könnte.

inverse
Regina Dugan, ehemalige Forschungsdirektorin des US-Verteidigungsministeriums, arbeitet für das soziale Netzwerk an einem nichtinvasiven System, mit dem man künftig nur mittels Gedankenkraft 100 Wörter pro Minute schreiben können soll. Ein Ziel, das eigenen Aussagen nach noch in ferner Zukunft liegt.

Gedanken schreiben

Die Komplexität des menschlichen Gehirns und die aktuellen Limitierungen beim Identifizieren und Verarbeiten von Gehirnsignalen stehen laut Müller-Putz derweil auch ersten Vorstößen von Facebook entgegen, die als Vorstufe zu Neuralinks Vision erachtet werden könnten: Regina Dugan, ehemalige Forschungsdirektorin des US-Verteidigungsministeriums, arbeitet für das soziale Netzwerk an einem nichtinvasiven System, mit dem man künftig nur mittels Gedankenkraft 100 Wörter pro Minute schreiben können soll. Das 2017 angekündigte Projekt verdeutlicht auch Facebooks Ambition, die Grenze zwischen digitaler Welt und Hirn aufzulösen.

Anfang 2019 berichtete der Konzern von einem Versuch, bei dem es mithilfe von auf dem Gehirn aufliegenden Elektroden möglich war, ein paar Wörter voneinander zu unterscheiden. "Das ist Forschung, die es schon länger gibt, nicht nur von Facebook. Aber wie die zu den 100 Wörtern pro Minute kommen wollen, ist mir ein Rätsel", sagt BCI-Spezialist Müller-Putz. "Im vergangenen Jahr war ein Vertreter von Facebook beim BCI-Meeting und hat allgemein die Pläne zur Wortübertragung per Gedanken vorgestellt. Dabei sind mehr Fragen offen geblieben als beantwortet wurden."

Wunschvorstellung Elektrodenkappe

Trotzdem geht er davon aus, dass das menschliche Gehirn und Computer künftig häufiger über Brain-Computer-Interfaces vernetzt werden. Das jedoch gezielt, etwa in der Medizin oder über nichtinvasive Lösungen in der Arbeitswelt: "Da gibt es allerlei Szenarien, bei denen so etwas funktionieren kann. Aber nur wenn die Systeme auch einfach zu nutzen sind. Ich kann mir vorstellen, dass wir in sechs, sieben, acht Jahren mit Kopfhörern herumlaufen werden, die auch Elektroden implementiert haben, um Gehirnströme auszulesen. Das Problem bei solchen Lösungen ist, dass diese auf Trockendioden setzen – also ohne Gel. Und das ist noch eine große Baustelle. Es versuchen zwar alle Firmen, Trockenelektroden zu machen, aber die Signalqualität muss noch verbessert werden."

Die EU betreibt im Zuge der Initiative Horizon 2020 Forschung auf diesem Gebiet. Dazu gehören vor allem Entwicklungen, die körperlich beeinträchtigten Menschen das Sehen, Hören, Sprechen oder die Nutzung von Neuroprothesen ermöglichen sollen.

techsylvania
Newton Howard, Direktor des MIT Synthetic Intelligence Labs, gab 2017 einen Ausblick darauf, was aus Sicht der aktuellen Forschung künftig mit Gehirnimplantaten möglich sein wird.

Wollen wir das?

Bei einer generellen Fusion von Hirn und Maschine hätte Müller-Putz aber ethische Bedenken: "Jede Technologie kann missbraucht werden. Und wenn Facebook uns am liebsten direkt vernetzen möchte, damit ich meine Likes ins Hirn gespielt bekomme, will ich das nicht haben."

Und selbst wenn Elon Musk mit seiner "Überlebensstrategie" recht behalten sollte und es für Menschen im Wettlauf mit künstlicher Intelligenz es keine anderen Ausweg gibt, als sich ihr wortwörtlich anzuschließen, so sei für uns auch in ferner Zukunft nicht zwangsläufig entscheidend, was technisch möglich ist, glaubt Müller-Putz. "Letzten Endes müssen es die Menschen auch wollen." (Zsolt Wilhelm, 25.3.2019)

Titelbild: Getty Images, Montage: Zsolt Wilhelm

Recherchehinweis

Zu diesen Artikel haben insbesondere die Interviewantworten von Prof. Gernot Müller-Putz, Leiter des Institute of Neural Engineering der TU Graz und des Laboratory of Brain-Computer Interfaces, beigetragen. Er forscht seit fast 20 Jahren an Gehirn-Computer-Schnittstellen und hat sich in den vergangenen Jahren speziell auf Lösungen fokussiert, die querschnittgelähmten Menschen die Nutzung von Neuroprothesen ermöglicht (siehe The MoreGrasp Project und Feel your Reach). Seit Mai 2018 ist er im Aufsichtsrat der International Brain-Computer Interface Society. Wenngleich Entwicklungen wie Neurolace oder auch Facebooks "Gedanken-Schreiber" noch eine ganze Weile auf sich warten lassen dürften, lohnt es sich, vor allem im Hinblick auf drängende ethische Fragen, schon heute mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zwei exzellente konzeptuelle und philosophische Vertiefung darf ich Interessierten insofern auch noch ans Herz legen: Brain–Computer Interfaces Handbook: Technological and Theoretical Advances und Neuralink and the Brain’s Magical Future.

Weiterführende Quellen

Schon gehört? "Edition Zukunft", der Podcast über das Leben und die Welt von morgen: