Arbeitspsychologin: "Frauen brauchen Auszeit von unbezahlter Arbeit"

    Interview25. März 2019, 07:00
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    Arbeitspsychologin Daniela Reiter organisiert jedes Jahr eine Coaching-Woche für Frauen. Es geht um gegenseitige Unterstützung

    STANDARD: Warum ein Coaching nur für Frauen?

    Reiter: Als Arbeitspsychologin habe ich in Coachings mit Frauen gearbeitet und festgestellt, dass es diese gemeinsame Auszeit braucht. In einer reinen Frauengruppe kann anders gearbeitet und die eigene Situation besser reflektiert werden.

    STANDARD: Was macht den Unterschied aus?

    Reiter: Frauen reden untereinander leichter. Es geht darum, die Hüllen fallen zu lassen – nicht nur in der Sauna, in die wir in Finnland auch gehen. Im Geschäftsalltag tragen wir Frauen oft Masken, sind eine andere Version von uns selbst. Während der Auszeit sollen die Frauen sein können, wie sie sind. Eine Teilnehmerin hat kürzlich gesagt: Ladies leave your bra at home (Lasst euren BH zu Hause). Das zeigt ganz gut, dass Frauen im Alltag bestimmte Rollen einnehmen.

    STANDARD: Die einwöchige Auszeit findet in Finnland statt. Warum dort?

    Reiter: Es geht darum, aus dem Alltag rauszukommen. Ist man nicht daheim, gelingt das besser. Es gibt ähnliche Angebote in Griechenland oder Kroatien. Finnland eignet sich meiner Meinung nach gut, weil es dort diese Orte irgendwo im Nirgendwo gibt, wo man sich gut zurückziehen kann.

    STANDARD: Welche Frauen machen mit?

    Reiter: Das Angebot richtet sich an Frauen im Aufbruch, wobei jede das für sich anders definiert. Viele der Frauen wollen sich beruflich oder privat umorientieren. Es war auch schon eine Teilnehmerin dabei, die kurz vor ihrer Pensionierung stand und diesen Lebensabschnitt bzw. Umbruch reflektieren wollte.

    STANDARD: Wie geht es den Teilnehmerinnen?

    Reiter: Die Mehrheit der Frauen sagt: "Grundsätzlich bin ich zufrieden mit meinem Leben, ich bin mir aber nicht sicher, ob das schon alles war." Und fast alle sind sich einig, dass ihr Leben zwar schön ist, aber viel zu stressig.

    STANDARD: Woran liegt das?

    Reiter: In unserer Gesellschaft als Frauen zu leben und so wahrgenommen zu werden, zieht ganz viele Dinge nach sich. Unsere Strukturen sind so aufgebaut, dass Frauen ganz viele Aufgaben bekommen, Stichwort Mehrfachbelastung. Sie betrifft immer noch Frauen viel häufiger als Männer. Auch jene, die noch keine Kinder haben. Gerade bei diesem Punkt gibt es immer wieder ein "Aha" in der Gruppe. Die Frauen stellen fest, dass es um strukturelle Probleme geht. Doch Frauen denken oft, ich kann mich da selbst nicht ausnehmen: "Das ist jetzt mein Problem, das bekomme nur ich nicht auf die Reihe." Tatsächlich ist der Grund, dass unsere Gesellschaft so funktioniert, wie sie funktioniert.

    STANDARD: Was sind die konkreten Themen?

    Reiter: Ganz klar: die Verteilung der unbezahlten Arbeit und die Rollenerwartungen.

    STANDARD: Welchen Vorteil hat der Austausch mit anderen?

    Reiter: Die Weisheit der Gruppe bringt enorm viel. Da enstehen ganz andere Dynamiken als im Einzelcoaching. Zwar sind die Frauen ganz unterschiedlich, dennoch gibt es immer wieder viele Gemeinsamkeiten. Bei fast jedem Thema ist es so, dass eine zweite Frau sagt: "Ist bei mir auch so." Dass es anderen Frauen ähnlich geht, hilft der Einzelnen enorm – das ist ein ganz wichtiger Punkt. Dennoch werden unterschiedliche Sichtweisen und Weltanschauungen zugelassen. Sie können auch spannend sein und viel bringen. Manche der Gruppen, mit denen ich schon in Finnland war, haben sich über Monate und Jahre nach der Auszeit noch gegenseitig unterstützt.

    STANDARD: Was passiert in der Woche?

    Reiter: Es gibt Gruppen-, Paar- und Einzelübungen, gearbeitet wird mit kreativen Methoden. Eine ist etwa das Erstellen einer Collage mit dem Titel: So sieht mein Traumleben aus. Es geht dabei nicht um das Endprodukt, sondern um den Prozess, der im Anschluss gemeinsam reflektiert wird.

    STANDARD: Wie kommen die Frauen zu ihrem Ziel?

    Reiter: Die große Vision auf der Collage des Traumlebens wird im Lauf der Woche auf konkrete Ziele und nächste Schritte heruntergebrochen. Dann wird geschaut, was dabei unterstützend oder hinderlich sein kann. Dabei geben die Frauen sich gegenseitig viele gute Ideen und Unterstützung.

    STANDARD: Was bringt die Auszeit noch?

    Reiter: Aus dem Alltag rauszukommen, eine Bestandsaufnahme zu machen und zu schauen: Was war? Was ist? Was kann oder soll sein? ist auch für die Prävention von Burnout ein ganz wichtiges Thema. Viele der Frauen arbeiten in ihrem täglichen Leben vor sich hin, meistern Hürden, organisieren und erledigen viel unbezahlte Arbeit. In der Auszeit in Finnland kann der Energietank gefüllt und ein Wegweiser erarbeitet werden. Eine Teilnehmerin hat einmal gesagt: "Das ist toll, hier muss ich mich selbst fürs Frühstück einfach nur hinsetzen." Für viele ist das alleine schon ein sehr großer Erholungsfaktor. (Bernadette Redl, 25.3.2019)

    • Die Auszeit ist eine Gelegenheit, sich konkrete Ziele und nächste Schritte im Leben zu überlegen.
      foto: istock

      Die Auszeit ist eine Gelegenheit, sich konkrete Ziele und nächste Schritte im Leben zu überlegen.

    • Daniela Reiter (42) ist Arbeitspsychologin in Wien. Ihre Coaching-Woche in Finnland richtet sich an Frauen und kann bei der Prävention von Burnout helfen.
      foto: katarina linbichler

      Daniela Reiter (42) ist Arbeitspsychologin in Wien. Ihre Coaching-Woche in Finnland richtet sich an Frauen und kann bei der Prävention von Burnout helfen.

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