Der Faktor Angst kann ein Ökosystem verändern

    24. März 2019, 08:00
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    Eine US-Ökologin untersuchte, wie sich in einem afrikanischen Nationalpark eine "Landschaft der Furchtlosigkeit" entwickeln konnte

    foto: justine atkins, princeton university
    Justine Atkins und einer ihrer Mitarbeiter versehen eine Schirrantilope mit einem GPS-Band.

    Princeton – Viel Lob von Fachkollegen hat die Ökologin Justine Atkins für eine Studie bekommen, die sie vor kurzem im Fachmagazin "Science" präsentiert hat. Atkins hatte dafür eine ansehnliche Reihe ganz unterschiedlicher Aufgaben durchzuführen: vom Studium der Bewegungsmuster von Tieren via GPS-Halsbänder über Kot-Analysen und das Monitoring von Pflanzen bis hin zur Einbeziehung zeitgeschichtlicher Daten – und, last, but not least, der Beschallung der Savanne mit künstlichen Leopardengeräuschen.

    Als Resultat gelang es Atkins, für eine konkrete Region – den Gorongosa-Nationalpark in Mosambik – eine annähernd komplette trophische Kaskade zu beschreiben: nicht einfach nur eine Nahrungskette, sondern ein Beziehungsgeflecht zwischen verschiedenen Spezies. Und wie fast immer dieser Tage spielt dabei auch der Mensch eine Rolle.

    Verheerender Konflikt

    Ausgangspunkt war der Mosambikanische Bürgerkrieg, der das Land von 1977 bis 1992 in seinem Würgegriff hielt. An die 900.000 Menschen kamen in dieser Zeit ums Leben, entweder in Kampfhandlungen oder indirekt durch die vom Bürgerkrieg ausgelöste Hungerkatastrophe. Letztere sollte sich auch auf die Tierwelt der Region auswirken: Im Zuge starker Bejagung gingen die Bestände aller von Biologen überwachten Spezies im Schnitt um 90 Prozent zurück, bilanzieren Atkins und ihre Kollegen.

    Als der Krieg endete, erholte sich die Tierwelt wieder – aber nur zum Teil. Die Pflanzenfresser erlebten ein Comeback, einige Raubtierarten mit zentraler Bedeutung blieben jedoch aus dem Nationalpark verschwunden: Leoparden, Hyänen und Afrikanische Wildhunde. Und das wirkte sich auf die Pflanzenfresser und damit in weiterer Folge auf die Pflanzen aus, berichtet Atkins. Sie beschreibt es so, dass sich "Landschaften der Angst" zu "Landschaften der Furchtlosigkeit" entwickelten.

    foto: apa/dpa
    Von Biologen im Nationalpark schmerzlich vermisst (von den dortigen Antilopen weniger): der Afrikanische Wildhund.

    Schirrantilopen (Tragelaphus) sind eine typische Beute dieser Raubtiere. Die auch Buschböcke genannten, zwischen 25 und 80 Kilogramm schweren Antilopen halten sich deshalb bevorzugt im Schutz von Bäumen auf. Oder zumindest haben sie das in der Zeit vor dem Bürgerkrieg getan, wie man aus zeitgenössischen Studien weiß.

    Als die Buschbockbestände nach dem Ende des Bürgerkriegs wieder anstiegen und die Raubtiere weiterhin fehlten, änderten die Antilopen aber ihr Verhalten. Sie streiften nun auch durch das offene Grasland, wo es besonders nahrhafte Pflanzen gab, an die sie sich früher nicht herangetraut hatten. Die Kot-Analysen zeigten Atkins genau, was die Antilopen fraßen. Und Messungen des Körpergewichts demonstrierten die Auswirkungen: Die Tiere im Grasland waren im Schnitt größer und kräftiger als ihre Artgenossen im Schatten der Bäume, der Mut zahlte sich also aus.

    Den Preis hatten die Pflanzen zu zahlen. Sie hatten in den Raubtierrevieren bis dahin gewissermaßen Schutzzonen gehabt: ein sicheres Rückzugsgebiet, in dem sie gedeihen und genug Samen produzieren konnten, um auch die "antilopenverseuchten" Problemgebiete in Waldnähe immer wieder aufs Neue zu kolonisieren. Diese sichere Bank wurde ihnen nun entzogen, die Zusammensetzung der regionalen Flora veränderte sich.

    Faktor Angst

    Einer der spannendsten Aspekte an Atkins' Arbeit ist, dass sie zeigt, wie das Verhältnis zwischen Jäger und Beute über das bloße Fressen und Gefressenwerden hinausgeht. Raubtiere werden nicht nur dadurch zu Pflanzenschützern, dass sie die Zahl der Pflanzenfresser niedrig halten. Ihre bloße Anwesenheit respektive die von ihr ausgelöste Angst bei den potenziellen Opfern ist bereits ein Faktor.

    Das konnte die Ökologin im letzten Teil ihrer Freilandstudie belegen, indem sie den Antilopen die Anwesenheit von Räubern vorgaukelte. Dafür stellte sie zum einen Lautsprecher auf und beschallte die Savanne mit aufgezeichneten Leopardenrufen, zum anderen verteilte sie geruchsechte Imitate von Raubtierkot und -Urin in der Gegend. Und prompt war es mit der "Landschaft der Furchtlosigkeit" vorbei: Die Antilopen zogen sich umgehend in den Schutz der Bäume zurück, so verlockend das Grasland auch war.

    foto: justine atkins, princeton university
    Lautsprecher und künstliche Exkremente signalisierten den Antilopen: Achtung, hier leben Leoparden!

    Inzwischen ist im Gorongosa-Nationalpark wieder die Angst eingekehrt – und wenn schon nicht die Antilopen, so sind zumindest die Biologen darüber glücklich. Im Sommer 2018 wurde ein erstes Wildhundrudel im Park ausgesetzt. Die machen wieder eifrig Jagd auf Buschböcke, und zwar insbesondere auf solche, die sich aus der Deckung des Waldes hervorgewagt haben. Es ist ein weiterer Schritt zurück in die Normalität, oder wie es die Nationalpark-Ökologin Paola Bouley ausdrückt: "eine der großartigsten ökologischen Wiederaufbaugeschichten des Planeten". (jdo, 24.3.2019)

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