"Science Buster" Florian Freistetter: "Supermond" gibt es nicht

    Interview21. März 2019, 09:00
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    Der Astronom über die reinen Medienphänomene "Supermond" und "Blutmond" – und warum Medien sich keinen Quatsch ausdenken müssten

    Astronom, Wissenschaftsautor und "Science Buster" Florian Freistetter (41) aus Krems vermittelt Wissen(schaft) mit Büchern ("Asteroid Now", "Hawking in der Nussschale") und dem Kabarettformat "Science Busters".*

    STANDARD: Was ist eigentlich ein Supermond, astronomisch betrachtet?

    Freistetter: Astronomisch ist das eigentlich nichts. Den Begriff gibt es astronomisch nicht. Das Wort hat ein Astrologe 1979 erfunden. Gemeint ist: Ein Vollmond, der näher an der Erde zu sehen ist als normalerweise. Die Bahn des Mondes um die Erde ist eine Ellipse – und ist er der Erde mal ein bisschen näher, mal ein bisschen weiter weg.

    STANDARD: Und dann sehe ich ihn größer?

    Freistetter: Auch nicht wirklich. Dann ist er ein bisschen heller und größer – aber das sehen nur extrem geübte Beobachter. Der Unterschied ist nicht so dramatisch, dass man denkt: Mein Gott, was ist das für ein Riesenmond!

    STANDARD: Der Astrologe hat sich das 1979 offenbar schon gedacht.

    Freistetter: Oder eher das, was Astrologen eben so tun: Wenn der Mond jetzt schon in der Nähe ist, dann muss das doch was bedeuten – Naturkatastrophen zum Beispiel.

    STANDARD: Am Donnerstag soll es ja wieder so einen Supermond geben. Waren da nicht gerade erst zwei – und wie oft gibt es die denn? Also erdnahe Vollmonde, astronomisch gesehen.

    Freistetter: Das genau zu erklären würde ein bisschen dauern, da müsste ich jetzt mit anomalistischen und synodischen Monaten anfangen und vielen Zahlen ...

    STANDARD: Geht's auch einfacher? Sagen Sie's mir astrologisch.

    Freistetter: Lieber astronomisch. Ein Perigäum-Syzygium, das Wort sollte viel häufiger in der Zeitung stehen ...

    STANDARD: ... ein was?

    Freistetter: Perigäum ist der erdnächste Punkt; Syzygium bedeutet, dass Sonne und Mond in einer Linie stehen – also ein Vollmond.

    STANDARD: Der Begriff wird sich in der Massenpresse eher nicht durchsetzen. Und wie oft gibt es dieses Perigäum?

    Freistetter: Grundsätzlich braucht es ein Jahr und 48 Tage, bis sich diese Position des Mondes wiederholt.

    STANDARD: War nicht grad Peri...

    Freistetter: Das ist die maximale Zeit zwischen zwei solchen Phänomenen. Das kann auch schneller gehen oder dreimal hintereinander.

    STANDARD: Ein astronomischer Jackpot, astrologisch sowieso, und ein bisschen erschöpfend für die Supermond-Medien.

    Freistetter: Außerdem ist dieser sogenannte Supermond auch eine Definitionsfrage. Der astrologische Erfinder des Begriffs war schon mit 90 Prozent der maximal möglichen Annäherung des Mondes zufrieden.

    STANDARD: In der Zeitungsdatenbank der APA kommt der Begriff Supermond erst 2011 häufiger vor.

    Freistetter: Das klingt plausibel. Mit den sozialen Medien verbreitet sich solcher Unsinn ja recht schnell.

    STANDARD: Was auf Facebook trendet, findet oft recht fix in klassische Medien. Der Vollmond am Donnerstag könnte wieder einmal als Supermond durch die Medien gehen?

    Freistetter: Wir hatten im Jänner einen, im Februar, ein dritter kann gut sein.

    STANDARD: Und was ist jetzt ein Blutmond?

    Freistetter: Als sich der Supermond schon ein wenig abgenützt hatte, kamen die nächsten Monde: Blutmond ist nichts anderes als eine Mondfinsternis. Die kommen auch immer mal wieder vor. Der Mond wird nicht komplett dunkel wie die Sonne bei einer Sonnenfinsternis. Wenn der Mond in den Schatten der Erde eintritt, färbt er sich dunkelrot. Weil ein bisschen Sonnenlicht durch die Erdatmosphäre durchkommt – und dort wird der blaue Anteil des Lichts stärker abgelenkt als der rote. Der blaue Anteil geht am Mond vorbei.

    STANDARD: Das geht mir doch am Mond vorbei, muss ich mir merken. Woher kommt der Begriff Blutmond?

    Freistetter: Nicht aus der Wissenschaft jedenfalls. Auch der Begriff stammt aus der Esoterikszene, von US-amerikanischen Weltuntergangspropheten. In der Bibel steht etwas von: "Die Sonne soll sich verkehren in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der große Tag des Herrn kommt ..." oder so.

    STANDARD: Da wurden in den vergangenen Jahrhunderten aber schon einige enttäuscht.

    Freistetter: Die Weltuntergänge, die schon alle passiert sind, darüber kann man lange Bücher schreiben, hab ich auch schon gemacht.

    STANDARD: Oder viele Storys für Onlineplattformen und Zeitungen.

    Freistetter: 2014/15 gab es vier Mondfinsternisse hintereinander – aber nichts ist passiert. Aber Weltuntergang geht halt immer und bringt viele Klicks auf dem Boulevard. Also gibt's jetzt bei jeder Mondfinsternis einen Blutmond.

    STANDARD: Passt besser in einen Titel als Mondfinsternis – oder gar als Perigäum-Syzygium.

    Freistetter: Ich bin ja knackigen, leicht zugänglichen Wörtern für wissenschaftliche Begriffe nicht abgeneigt. Bei den "Science Busters" machen wir das ja auch. Ich habe aber zwei Probleme mit Supermond und Blutmond: Man kann die Aufmerksamkeit der Menschen ja mit einem boulevardesken Begriff erregen – aber dann sollte man idealerweise mit der Aufmerksamkeit der Menschen etwas machen.

    STANDARD: Erklären, worum's geht?

    Freistetter: Etwas Interessantes, wissenschaftlich Fundiertes zu vermitteln – und vielleicht auch noch zu erklären, dass der Begriff Supermond nicht so super ist. Das kommt aber nicht. Und zweitens verwendet man da Begriffe aus der Weltuntergangsprophetie wie Blutmond – die machen den Menschen tatsächlich Angst. Wenn die Medien wieder voll sind von Blutmonden, bekomme ich regelmäßig besorgte Nachrichten von Kindern und Jugendlichen, die das auch mitbekommen.

    STANDARD: Panikmache also?

    Freistetter: Genau. Panikmache, vermutlich aus rein unternehmerischen Motiven. Die aber Menschen tatsächlich existenzielle Panik macht. 2012 war das am schlimmsten, als fast alle Medien auf diese Maya-Weltuntergangsgeschichte reingekippt sind, auch die "seriös" genannten.

    STANDARD: Beim nächsten Vollmond könnte man auch zum "züchtigen" oder "keuschen Mond", "Wurmmond" oder "Krähenmond" greifen, lese ich in Ihrem Blog.

    Freistetter: Mondfolkore aus dem 19. und 20. Jahrhundert, aus allen erdenklichen Quellen zusammengewürfelt oder erfunden. Es gibt jede Menge von dem Blödsinn. Und wenn man hundertmal vom Blutmond geschrieben hat, dann greift man eben auch mal zum Wolfsmond – Eskalation, um die Aufmerksamkeit hoch zu halten. Ich würde mir wünschen, dass sich die Leute Gedanken darüber machen, wie sie die eigentliche Faszination der Wissenschaft vermitteln können, statt spektakuläre Worte zu erfinden. Nichts ist faszinierender als die Realität. Da muss man sich keinen Quatsch ausdenken. (Harald Fidler, 21.3.2019)

    * Biografische Daten korrigiert: Zunächst stand hier "lehrt Astronomie an der Uni Jena" (das tut Freistetter inzwischen nicht mehr) und "Wissenschaftskommunikation in Graz" (das tut er einmal jährlich).

    • Vor lauter ORF-Debatte und Arbeitspflichtdiskussionen übersahen Österreichs Medien bis Mittwoch den Supermond am Donnerstag – ein seltener Glücksfall für Wissenschafter.
      foto: apa/afp/yuri cortez

      Vor lauter ORF-Debatte und Arbeitspflichtdiskussionen übersahen Österreichs Medien bis Mittwoch den Supermond am Donnerstag – ein seltener Glücksfall für Wissenschafter.

    • Florian Freistetter, Astronom, "Science Buster" und Wissensvermittler.
      foto: franzsika schädel

      Florian Freistetter, Astronom, "Science Buster" und Wissensvermittler.

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