Was Menschen glücklich macht

    20. März 2019, 07:00
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    Warum sind manche Menschen glücklicher als andere? Ist es Einstellungssache oder liegt es sogar an den Genen?

    Anlässlich des Weltglückstags am 20. März erstellen die Vereinten Nationen seit 2012 alljährlich den World Happiness Report. 2018 hatte die Organisation 156 Länder miteinander verglichen. Die Ergebnisse wurden kürzlich präsentiert. Erstmals enthält der Report auch die Zufriedenheit von Einwanderern in 117 Ländern. Demnach leben in Finnland die glücklichsten Migranten, Österreich nimmt hier den 14. Rang ein.

    Die Faktoren für den Gradmesser des Glücks waren unter anderem Wohlstand, Lebenserwartung, Bildung, Korruption und Freiheit. Aber auch die Selbstwahrnehmung der Bevölkerung, die Stärke des sozialen Umfelds, das Vertrauen in Regierung und Behörden, Gleichberechtigung und eine niedrige Arbeitslosigkeit spielen eine wesentliche Rolle für das individuelle Glücksgefühl. In den vergangenen Jahren wurden die Spitzenplätze vom Norden – konkret Finnland, Dänemark, Island und Norwegen – belegt. Nur einmal schaffte es die Schweiz bisher auf den ersten Rang. Österreich belegte 2018 den 12. Platz.

    Sex macht nicht glücklich

    Einer aktuellen repräsentativen Onlinebefragung des Marktforschungsinstituts Integral zufolge bezeichnen sich vier von fünf Österreichern (81 Prozent) als glücklich, nur knapp jeder Fünfte (17 Prozent) als unglücklich. Ausschlaggebend sind für die Mehrheit von 59 Prozent vor allem Gesundheit, eine intakte Familie und eine gute Partnerschaft.

    Die Familie ist für 46 Prozent der Befragten Grundlage des persönlichen Glücks, eine gute Partnerschaft für 38 Prozent. Weitere Glücksfaktoren sind ein schönes Zuhause (24 Prozent), generell Spaß und Freude im Leben (23 Prozent) sowie ausreichend Geld (19 Prozent). Geringe Relevanz hat hingegen ein erfülltes Sexualleben, das nur für drei Prozent einen Glücksfaktor ausmacht. Auch Bildung (drei Prozent) und Schönheit beziehungsweise gutes Aussehen (ein Prozent) erachten nur wenige Österreicher als entscheidend. Insgesamt wurden 516 Personen zwischen 18 und 69 Jahren befragt.

    Die Relevanz und Gültigkeit solcher Umfragen ist allerdings umstritten. Grundsätzlich steht immer noch die Frage im Raum, ob so ein individueller, komplexer und subjektiver Zustand wie Glück quantitativ überhaupt messbar ist. Forscher diskutieren außerdem darüber, ob es so etwas wie ein Glücks-Gen gibt – die DNA also der Schlüssel zu unserem Glück ist.

    "Begriff Glücks-Gen ist unsinnig"

    Elaine Fox ist Professorin für Psychologie und Neurologie an der Oxford-Universität. Bereits 2009 hat sie gemeinsam mit einer Forschergruppe der Universität Essex das Gen 5-HTTLPR, ein sogenanntes Serotonin-Transporter-Gen, genauer unter die Lupe genommen. Serotonin hat sich im Alltagssprachgebrauch unter dem Begriff Glückshormon etabliert. Das Transporter-Gen ist dafür verantwortlich, dass es für die Serotonin-Wiederaufnahme in den Neuronen des Gehirns sorgt, also quasi recycelt wird. Dieser Mechanismus spielt auch bei der Behandlung von Depressionen eine wichtige Rolle: So können selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer gezielt das Transportmolekül blockieren, das den Überträgerstoff Serotonin wieder in seine Speicher zurückbefördert.

    Hier hat Fox angesetzt und herausgefunden, dass manche Menschen offensichtliche eher eine "gengesteuerte Neigung" haben, vieles im Leben optimistischer zu sehen, als andere. 97 Versuchspersonen wurden unterschiedliche Bilderpaare gezeigt: negative, angenehme und neutrale. In der Studie zeigte sich, dass Menschen mit einer langen Gen-Variante negatives Bildmaterial "auffällig" mieden, während sie für positives Material besonders empfänglich waren. Bei den übrigen Teilnehmern, die das Gen in zwei kürzeren Varianten in sich trugen, war es genau umgekehrt. Das könnte ein Hinweise darauf sein, dass es Menschen gibt, die im Leben eher das Gute oder das Schlechte sehen – ein "kognitiver Kernmechanismus" entscheide demnach darüber, wie belastbar ein Mensch sei.

    Das streitet auch der Genetiker und Molekularbiologe Michael Breitenbach vom Fachbereich Zellbiologie der Universität Salzburg gar nicht ab, der selbst zum Thema Stress forscht. Er kann nur mit dem Begriff Glücks-Gen nichts anfangen. "Weil das unsinnig ist. Man kann mit solchen Wörtern vor allem viel Aufmerksamkeit erregen und bei Menschen, die es nicht besser wissen, falsche Vorstellungen hervorrufen. Unter solchen Titeln werden dann auch Bücher geschrieben, verkauft und damit Millionen verdient", ärgert sich der Wissenschafter.

    Nur statistische Korrelationen

    Nicht zuletzt ausgelöst durch den alljährlichen World Happiness Report und Studien wie jener von Elaine Fox "sind medizinisch-statistische Untersuchungen in verschiedenen Ländern in den Mittelpunkt gerückt, die eine Korrelation zwischen dem Auftreten der langen Variante und der kurzen Variante und dem Glücksindex in diesem Land messen", ergänzt Breitenbach.

    Es ist dasselbe Gen, von dem schon lange bekannt ist, dass von diesem Transporter verschiedene Varianten existieren. Eben eine ganz lange und zwei kurze. "Es sind inzwischen tausende Humangenome vollständig sequenziert und tausende Korrelationen hergestellt worden zwischen bestimmten genetischen Markern und bestimmten Phänotypen. Einer dieser Phänotypen ist Glücksgefühl", sagt der Salzburger Genetiker.

    Für Breitenbach stehen in diesem Zusammenhang zwei große Fragezeichen über der ganzen Thematik: "Steht das Verhindern einer Depression auf einer Ebene mit einem verbesserten Glücksgefühl? Und ist das eine bloße statistische Korrelation oder hängen diese Dinge kausal zusammen?" Beides lasse sich nicht eindeutig argumentieren und nachweisen und sei deshalb mit Skepsis zu genießen.

    Reichtum versus Bruttoglücksprodukt

    Wenn glücklich zu sein möglicherweise nicht so einfach vererbt werden kann, sollte man es wenigstens lernen können. Doch geht das wirklich? "Nein", sagt der Salzburger Psychologe und Psychotherapeut Hubert Oberreiter, "ich denke nicht, dass man Glück lernen kann. Allerdings bin ich der festen Meinung, dass man lernen kann, ein Leben zu führen, das einen glücklich macht".

    In der Therapie spürt er immer wieder die Momente, in denen Menschen eine positive Veränderung erleben. "Wenn sich jemand angenommen und verstanden fühlt, sein eigenes Leben leben kann und seine Persönlichkeit und sein Wesen zum Ausdruck kommen dürfen, kommt das für viele meiner Klienten dem Gefühl Glück ganz nahe", sagt der Experte.

    Glücksforscher nehmen eigentlich gar nicht so gern das Wort Glück in den Mund. Sie sprechen lieber von "Lebenszufriedenheit" oder einem "subjektiven Wohlbefinden". Oder wie Aristoteles es nannte: "erfülltes Leben". Hier spielt Geld zwar eine Rolle, doch es ist schon lange bekannt, dass wohlhabende Gesellschaften nicht automatisch glücklicher sind, wenn ihr Reichtum zunimmt. Deshalb wird im südasiatischen Bhutan nicht nur das Wirtschaftswachstum im Land gemessen, sondern auch das Bruttoglücksprodukt. Dazu werden die Bewohner nach ihrer Gesundheit und ihrem Lebensstandard gefragt, aber auch nach dem Wissen um Legenden und Mythen, dem Bildungsstand und ob sie mit der Natur im Einklang leben. (Anja Pia Eichinger, 19.3.2019)

    • Glück ist diffus und schwer zu fassen. Forscher sprechen lieber von Lebenszufriedenheit.
      foto: getty images/istockphoto

      Glück ist diffus und schwer zu fassen. Forscher sprechen lieber von Lebenszufriedenheit.

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