Kendrick Lamar: Hip-Hop für die Dichtung, Hochkultur aus der Gosse

    24. März 2019, 10:00
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    Ausgerechnet die Hip-Hop-Kultur hält die Dichtkunst am Leben – und macht sie immens populär

    Vielleicht ist es nur ein Zufall. Vielleicht aber ist es eine der wichtigsten Fußnoten in der Geschichte des Hip-Hop. Es geht um ein Satzzeichen, einen Punkt. Kendrick Lamar platzierte ihn am Ende des Titels seines Albums Damn.

    Die Unmutsäußerung "Verdammt!" wird sonst meist mit einem Rufzeichen versehen, zumal im Hip-Hop. Der strapaziert die starke Ansage ungleich öfter als den Zwischenton. Dieser so unscheinbare Punkt wirkt wie ein Symbol jener Nachdenklichkeit, die das 2017 erschienene Album Damn. so besonders macht. So sehr, dass es im Vorjahr mit dem Pulitzer Preis für Musik bedacht wurde. Das war eine Sensation. So wie 2016 die Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur an Bob Dylan. Da wie dort war die Auszeichnung die Anerkennung einer ganzen Gattung. Dylan steht für die Songkultur wie kein anderer lebender Songwriter; bei Lamar ist es eine Auszeichnung für Hip-Hop in all seiner Vielfalt.

    Blick aus dem Fenster

    Hip-Hop ist eine genuin afroamerikanische Kultur, deren Pulsschlag das Wechselspiel von Sprache und Rhythmus ist. Lamar beschreibt das Leben von Afroamerikanern in politisch schwierigen Zeiten – also in ihrem Alltag. In eloquenten Reimen mischt er Erfahrungen mit Zweifeln, Hoffnungen mit dem Blick aus dem Fenster, bei dem zu oft ein institutioneller Rassismus seine Fratze zeigt. Daneben beschäftigen ihn die großen Fragen unserer kleinen Leben. Was tun? Wie? Wohin? Mit wem? Was, wenn? Immer in dem Bewusstsein, dass alles Bemühen, für sich und die seinen das Richtige zu tun, mit einer falschen Handbewegung während einer Polizeikontrolle in einem Knall enden kann. "Damn."

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    Kendrick Lamar über Polizeibrutalität in DNA.

    Kendrick Lamar Duckworth war 30, als er den Pulitzer Preis mit Familie im Schlepptau entgegennahm. Der klein gewachsene Rapper aus Los Angeles wuchs im Stadtteil Compton auf. In der Wirtschaft nennt man das einen Standortnachteil. Der Vater war Mitglied einer Straßengang, die Familie lebte von der Sozialhilfe. Aus der Ausgangslage wird man in der Gegend meist nicht viel mehr als Dealer. Lamar galt als guter Schüler, für ein College hat es finanziell aber nicht gereicht. Also schrieb er Reime und versuchte sich als Rapper. Heute ist er ein Star und war die ideale Wahl für den Pulitzer Preis – selbst wenn diese Einschätzung nicht von allen geteilt wurde.

    Der Pulitzer Preis wird seit 1917 jährlich vergeben. Es ist ein Journalisten- und Medienpreis, der von dem aus Ungarn ausgewanderten Joseph Pulitzer initiiert wurde. Der war Verleger, Herausgeber und Journalist, der Preis wird an der Columbia Universität verliehen, seit 1943 gibt es ihn für die Kategorie Musik. Lange wurden ausschließlich Künstler aus dem Bereich der Klassik ausgezeichnet. Zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung stand einmal Jazzgott Duke Ellington als Kandidat zur Diskussion, wurde von der Jury aber abgelehnt. Erst 1997 bedachte man Jazz in Person des konservativen Wynton Marsalis.

    Kritik und Beifall

    Für Lamars Wahl erntete die Jury Beifall und Kritik zugleich. Der mit 15.000 Dollar dotierte Preis galt bislang als Aufwertung von meist abseits größerer kommerzieller Erfolge arbeitender Musiker. Lamar hingegen führte die Charts an und hat von Damn. bis heute fast vier Millionen Alben verkauft. Seine Wahl war zugleich die erste Zuerkennung an das Pop-Fach. Das fanden manche aus der Klassik befremdlich.

    Eine andere Kritik lautete: gut, aber zu spät. Public Enemy hätten schon vor 30 Jahren diese Auszeichnung verdient. Doch damals war die Welt noch nicht für Hip-Hop bereit. Die New Yorker Rap-Formation attackierte damals wortgewaltig die Zustände, doch ihr militanter Ton verängstigte nicht nur das weiße Amerika. Selbst die afroamerikanische Mittelschicht hielt wenig von den wütenden Slogans dieser sich Staatsfeinde nennenden Gruppe, wiewohl sie im Kern ihrer Aussagen wohl recht hatten. Mehr noch.

    Public Enemy Ende der 1980er, als sie antraten, ein "schwarzes CNN" zu werden.

    Der aufdeckerische Ansatz von Public Enemy hätte den Idealen des Pulitzer Preises entsprochen. Public Enemy verstanden sich als "schwarzes CNN", als Gegenstimme einer von Weißen dominierten Medienwelt. Doch auch weniger radikale Gruppen wären damals schon auszeichnungswürdig gewesen: A Tribe Called Quest aus New York. Vier, später drei, junge Männer, die der Gangster-Attitüde entsagt hatten. Sie und einige andere Formationen verzichteten auf verbale Muskelspielchen und Macho-Plattitüden und verliehen Hip-Hop mit Alben wie The Low-End Theory (1991) einen intellektuellen Touch.

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    Mit Ron Carter als Gast am Bass befreiten A Tribe Called Quest Hip-Hop vom Ghetto-Stigma. Hip-Hop musste nicht zwangsweise von der niedrigsten sozialen Stufe kommen.

    Doch Rap galt damals noch als Phänomen des Undergrounds, schließlich war Hip-Hop als Straßenkultur entstanden. Es war eine Spielart, deren einfache Mittel – alte Platten und ein Mikrofon – ökonomischen Nachteilen geschuldet war. Heute ist Hip-Hop in den USA die erfolgreichste Musik, stilistisch vielfältig, oft ein mit technischen Hilfsmitteln ins Irrwitzige hochgezüchteter Hybrid.

    Kultur der Entrechteten

    Lamars Damn. ist formal einfach, aber nicht simpel. Unverstellt von stilistischen Eskapaden erblüht Lamars Talent für Beats and Rhymes. Dieses Zusammenspiel reicht tief in die afroamerikanische Geschichte zurück. Es ist eine Kulturtechnik, die schon die Spirituals der Sklaven geprägt hat. Ihrer Heimat und Traditionen beraubt, musizierten diese Entrechteten mit einfachsten Mitteln, das Erbgut ihrer Diaspora blieb in Liedern am Leben.

    In den Kirchen entstand daraus ein Ruf- und Antwort-Spiel zwischen den Predigern und den Zuhörern. Den Rufen der Verzweiflung wurden jene des Muts entgegnet. Der Mangel an Mitteln wurde von einer emotionalen Dringlichkeit wettgemacht, aus der ein Narrativ entstand, das den sozialen Zusammenhalt stärkte und als Informationsmedium diente. Es entstand eine Poesie, deren emotionales Potenzial noch in der weltlichen Soulmusik nachvollziehbar war.

    Trommeln und Goethe

    Ein Meilenstein der späteren Hip-Hop-Kultur war das Werk der New Yorker Gruppe The Last Poets, die Ende der 1960er-Jahre unter dem Eindruck Bürgerrechtsbewegung zusammenfanden. Nur von Trommeln begleitet wetterten sie gegen das System. In Reimen, dessen Idiom im Rinnsal der Gosse getauft worden war. Sie verwendeten eine knappe, dabei lustvolle Sprache und irrten nur in einem: Sie sollten nicht die letzten Poeten sein.

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    "New York is a state of mind that doesn't mind fucking everybody." The Last Poets rappen 1970 über das Leben in New York. New York, New York.

    Diese frühe Form der Selbstermächtigung ist zwar vom Erfolg des Hip-Hop längst absorbiert und vom Kapitalismus korrumpiert worden. Doch Rassismus und soziale Schieflage rufen nun wieder Künstler wie Kendrick Lamar auf den Plan. Der reagiert darauf in einem Mix aus Progression und Tradition, jener Mischung, die Popmusik immer voranbrachte. Doch das gilt nicht nur für die Musik. Ausgerechnet der schwarze Hip-Hop hält damit ein Metier am Leben, das traditionell als weiß gilt: die Dichtkunst.

    Höhere Brothers

    Doch statt höheren Töchtern sitzen coole Jungs mit der Hose in den Kniekehlen überm Papier und häufen Reime zu Gedichten an. Im besten Fall entsteht dabei eine Poesie, die mit dem Leben wie ein Schatten verbunden ist. Dichtung und Wahrheit. Wie damals, bei Goethe. (Karl Fluch, 24.3.2019)

    • Nachdenklichkeit zählt nicht zu den vorrangigen Charakteristika des Hip-Hop, jene von Kendrick Lamar wurde aber sogar mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.
      foto: universal

      Nachdenklichkeit zählt nicht zu den vorrangigen Charakteristika des Hip-Hop, jene von Kendrick Lamar wurde aber sogar mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.

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