Archäologisches Puzzle: Die Fundgeschichte des Grabes von Anch-Hor

Blog20. März 2019, 08:00
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Archäologie ist fast Detektivarbeit. Aber anstatt um Schatz- oder Goldsuche geht es um die Suche nach Anpassungen von Stücken und das Rekonstruieren von komplexen historischen Vorgängen

Mein aktuelles Forschungsprojekt in Ägypten nimmt lange vernachlässigte Funde in den Fokus – und zeigt, wie viel Potenzial Detailstudien mit modernen Methoden zu seit Jahrzehnten ausgegrabenen Objekten besitzen, besonders für die Nutzungsgeschichte von Gräbern, aber auch die Forschungsgeschichte und zur Provenienz von Funden in Museen.

Totenstadt mit komplexer Nutzung

Im heutigen Luxor liegt auf der Westseite des Nils die großflächige Nekropole von Theben-West. Innerhalb dieser Totenstadt interessiert mich besonders das sogenannte Asasif, ein Areal im Vorfeld des berühmten Terrassentempels der Königin Hatschepsut.

Das Asasif war Jahrtausende lang als Nekropole in Betrieb – und im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden hier die größten Felsgräber aller Zeiten in Ägypten für nichtkönigliche Personen. Diese sogenannten Tempelgräber besitzen riesige Oberbauten aus Lehmziegeln (die Heiligtümern gleichen), in den Fels getriebene, verzweigte Kulträume und großräumige Bestattungsanlagen. Eines dieser Gräber war die bedeutendste Entdeckung der von Manfred Bietak geleiteten österreichischen Mission in Theben-West in den 1960er- und 1970er-Jahren: das Grab des Anch-Hor, eines hohen Verwaltungsbeamten.

foto: julia budka
Das Grab des Anch-Hor im Asasif wurde bereits in den 1970ern von einer österreichischen Mission ausgegraben.

Ein monumentales Familiengrab mit über 250 Bestattungen

Das Grab des Anch-Hor, TT 414, diente dem Besitzer und seiner Kernfamilie (Frau, Kinder und Geschwister) als Bestattungsplatz. Circa 150 Jahre danach ging die Anlage in den Besitz einer neuen Priesterfamilie über – ein gewisser Padiamunnebnesuttaui nutzte die Anlage gemeinsam mit seinen Nachkommen über mehrere Generationen hinweg, wobei auch die Grabkammer von Anch-Hor erneut Verwendung fand.

Während die Architektur und Dekoration des Grabes sowie die wichtigsten Funde bereits knapp nach der Ausgrabung mustergültig publiziert wurden, blieb eines unvollendet: die vollständige Bearbeitung aller Funde aus der Anlage, welche die direktesten Zeugnisse für die komplexen Vorgänge rund um mindestens 250 Bestattungen vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis in ptolemäische (3. Jahrhundert. v. Chr. bis 30 v. Chr.) und römische Zeit (bis circa 2. Jahrhundert n. Chr.) darstellen.

Vergleichbar mit dem Grab des Anch-Hor wurde bisher auch mit den anderen Tempelgräbern des Asasif verfahren – der Fokus lag auf der Architektur und Dekoration sowie den Funden der ersten Nutzungsphase. Was spätere Generationen in den Anlagen so gemacht haben, galt als nebensächlich – sehr zu Unrecht, wie das Anch-Hor-Projekt zeigen kann.

Von der Architektur und Dekoration zu den Funden und Details

Das Grab des Anch-Hor und das umfangreiche Fundmaterial der österreichischen Grabung, das teilweise vor Ort verblieben und noch unpubliziert ist, teilweise aber nach Kairo und Wien gebracht wurde, bietet vielfältige Interpretationsmöglichkeiten und kann als Paradebeispiel für die komplexe, fast 1.000-jährige Nutzung einer Anlage gelten. Da ähnliche Benutzungen auch für die anderen Asasif-Gräber greifbar sind, aber bislang nicht im Detail aufbereitet wurden, kommt dem Projekt eine hohe Bedeutung zur Rekonstruktion der komplexen Nekropolengeschichte zu. Darüber hinaus können aufgrund des gesicherten Fundkontextes und der genealogischen Verbindungen der hier bestatteten Personen auch Detailstudien betrieben werden, zum Beispiel zur ptolemäischen Sargproduktion. Aktuell wissen wir noch viel zu wenig zu Bestattungspraktiken und Grabinventaren der monumentalen Gräber im Asasif.

Ein buntes Riesenpuzzlespiel

Das neue Anch-Hor-Projekt läuft seit 2018 und ist an der Ludwig-Maximilians-Universität München angesiedelt. Hauptziel ist die Erfassung der Bestattungsabläufe und Grabinventare im Grab des Anch-Hor in ihrer Gesamtheit und eine entsprechende Publikation derselben.

foto: cajetan geiger
Die aufwendige Suche nach Anpassungen im provisorischen Magazin.

In regelmäßigen Kampagnen vor Ort im Asasif werden die Funde aus dem Grab des Anch-Hor dokumentiert, restauriert und fotografiert sowie teilweise in 3D modelliert (Structure-from-Motion-Aufnahme). Noch ist eine der Hauptherausforderungen, im provisorischen Magazin unter hunderten von Fragmenten Anpassungen zwischen Stücken zu finden. Darüber hinaus müssen auch Museen und Sammlungen wie das Ägyptische Museum Turin, der Louvre und vor allem das British Museum London berücksichtigt werden – im 19. Jahrhundert, also noch vor der wissenschaftlichen Ausgrabung des Grabes, fanden viele vollständig erhaltene Statuen, Stelen und andere Objekte über Antikenhändler ihren Weg nach Europa. Eine virtuelle Zusammenführung des mittlerweile stark verstreuten Fundguts soll im Zuge der in Arbeit befindlichen Abschlusspublikation erfolgen. Zunächst gilt es aber vor allem, die kleinteiligen im Asasif verbliebenen Stücke noch zu reinigen, zu festigen und auf ihr Potenzial für Aussagen rund um Bestattungen, Rituale und Kult zu prüfen.

foto: julia budka
Beispiel für ein zur Hälfte gereinigtes Sargbrett aus dem Grab des Anch-Hor – besonders die Texte kommen erst durch die Restaurierung zum Vorschein.

Antikes Sarg-Recycling

Das wohl faszinierendste Fallspiel der komplexen Nachnutzung und Wiederbenutzung des Grabes von Anch-Hor stellt das Unterteil eines anthropoiden Holzsarges dar. Ursprünglich für einen männlichen Verwandten des Anch-Hor angefertigt, wurde der Sarg während der Ausgrabungen nicht im Bestattungstrakt, sondern in einem der Kulträume gefunden, der erst in ptolemäischer Zeit als Bestattungsort genutzt wurde. Im Inneren des Sarges fanden sich noch Reste einer männlichen Mumie – erstaunlicherweise handelt es sich hier aber nicht um den ursprünglichen Besitzer des Sarges, den wir von den Inschriften kennen. Wie ein mit Name und Titel versehenes kleines Holzstück, ein sogenanntes Mumienetikett, verrät, hat ein gewisser Wahibre knappe 250 Jahre nach der Erstnutzung den Sarg erworben und für sich selbst recycelt. Ohne dabei die Texte und Inschriften des ersten Besitzers zu ändern! Spannend ist auch, dass wir mittlerweile datieren können, wann der dazugehörige Sargdeckel wohl zerstört und die Mumie des Zweitnutzers fragmentiert wurde. Gemeinsam mit meinem Kollegen Tamás Mekis aus Budapest konnte ich nämlich ein Fragment einer vergoldeten Mumienauflage, das sich heute im Louvre befindet, aufspüren, das eben diesem Wahibre gehört.

Beweissicherung moderner Beraubung

Wir müssen uns also folgendes Szenario vorstellen: Nachdem ein Sarg des 6. Jahrhunderts v. Chr. in ptolemäischer Zeit neu verwendet wurde (spekulieren darf man freilich, ob dieses Recycling für Wahibre ein finanzielles Schnäppchen war oder ganz andere Hintergründe hatte), wurde bei Raubzügen für Antikenhändler im 19. Jahrhundert der Deckel des Sarges aufgebrochen und die mit vergoldeten Auflagen dekorierte Mumie stark dezimiert. Diesen Befund, die Reste der modernen Beraubung, fanden dann Bietak und sein Team 1974 vor Ort vor. Ich halte es für möglich, dass noch weitere Fragmente der Bestattung dieses Wahibre – von der Mumienauflage oder auch Amulette – in irgendwelchen europäischen Sammlungen darauf warten, entdeckt zu werden. Die Spuren- und Beweissicherung geht also weiter.

foto: julia budka
Restaurierungsarbeiten am von Wahibre wiederverwendeten Sargunterteil.
foto: julia budka
Die fotografische Dokumentation des fertig restaurierten Sargunterteils.

Wissenschaftliches Potenzial und mehr

Die komplexe Fundgeschichte des Grabes von Anch-Hor besitzt demnach auf zahlreichen Ebenen enormes Potenzial für die thebanische Archäologie, insbesondere zur vielfältigen und hochgradig spannenden Grabnutzung. Der Endspurt ihrer Aufarbeitung ist in vollem Gange und wird in den kommenden Jahren abgeschlossen – von der zweiten Generation, wenn man so will, ich selbst in den Fußstapfen meines Doktorvaters Bietak. Oft ist es eben in der Archäologie wie im wirklichen Leben: Die Dinge bleiben liegen und reifen, bevor sie ihre vollständige Wirkungsfähigkeit entfalten. (Julia Budka, 20.3.2019)

Julia Budka ist Ägyptologin und Professorin für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an der LMU München. Sie forscht mit dem Anch-Hor-Projekt in Ägypten als Kooperationsprojekt auch am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2014 wurde sie zum Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW gewählt und fungierte von 2015‒2018 im fünfköpfigen Direktorium. Twitter: @jubudka

Zum Anch-Hor-Projekt: Angesiedelt an der Ludwig-Maximilians-Universität München, werden dank einer Förderung der Politzer-Stiftung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Teilbereiche des Projekts über das Institut für Orientalische und Europäische Archäologie, zugleich der Archivort der Grabungen von 1969–1978, durchgeführt. Darüber hinaus besteht eine enge Kooperation mit dem Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Unterstützung bei der Restaurierung der Objekte vor Ort) und seit 2019 auch mit der Universität für angewandte Kunst in Wien (Restaurierung der Objekte vor Ort).

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