Heumarkt-Projekt: Ein hoher Preis für das Welterbe

Kommentar18. März 2019, 17:27
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Über die Zukunft des Wiener Heumarkts sollte nicht die Unesco entscheiden

Es gibt einige gute Gründe, das Hochhausprojekt am Wiener Heumarkt abzulehnen. Der Architekt Isay Weinfeld ist zwar international renommiert, aber sein Entwurf ist mittelmäßig – vor allem für einen so prominenten Standort. Die intransparente Art, in der das Grundstück einst privatisiert wurde und dann in den Besitz des umstrittenen Investors Michael Tojner gelangte, ist typisch für den Filz im roten Wien und macht es jetzt unmöglich, einen offenen Wettbewerb um die Zukunft des Areals zwischen Stadtpark und Konzerthaus durchzuführen.

Man kann auch der Meinung sein, dass Wien dort keine Luxuswohnungen benötigt, sondern leistbaren Wohnraum – wobei dann die Stadt kaum mit all den zusätzlichen Investitionen für den Eislaufverein oder das Akademische Gymnasium rechnen könnte, die Tojner vertraglich abverlangt werden.

Wohl endgültig begraben

Aber eines sollte den Bau nicht stoppen: der Widerstand einer Gruppe von Denkmalschützern, die Wien mit der Aberkennung des Unesco-Weltkulturerbestatus drohen. Doch genau das geschah: Kaum war bekanntgeworden, dass der Icomos-Denkmalrat eine zweijährige Nachdenkpause verlangt, lenkte die Wiener SPÖ ein – und droht so das Heumarktprojekt endgültig zu begraben.

Vieles daran ist falsch. Die Wiener Innenstadt hätte den Weltkulturerbestatus in den 1990er-Jahren gar nicht anstreben sollen. Denn weder braucht die einstige Kaiserstadt dieses Label als touristischen Anziehungspunkt, noch braucht es die Uno, um Wiens Kulturgüter vor Zerstörung zu schützen. Und einer der schnellstwachsenden Großstädte Europas den Bau von Hochhäusern in Zentrumsnähe zu verbieten, wie es die Unesco tut, ist weltfremd und kontraproduktiv.

Spannende Architektur

Niemand will neue Türme innerhalb des Rings errichten. Aber auf dem ehemaligen Glacis braucht Wien dynamische Bauten mit spannender Architektur – und das schließt auch Hochhäuser ein. Wird dies blockiert, dann geht jedes neue Gebäude in die Breite, was zwar den berühmten Canaletto-Blick vom Oberen Belvedere auf die Innenstadt bewahrt, aber das Stadtbild ansonsten verunziert.

Ärgerlich ist vor allem, dass die Unesco mit ihrer rigiden Höhenbeschränkung die Debatte dominiert und wichtigere ästhetische und stadtplanerische Argumente verdrängt. Statt über die Frage zu reden, wie Wien im Jahr 2030 aussehen soll und welche Mischung aus privaten und öffentlichen Einrichtungen es braucht, geht es nur um Verlust und Erhalt des Welterbestatus.

Seltsame Rechtsmeinung

Die Stadt hätte das Heumarkt-Projekt dazu nützen sollen, das Label loszuwerden. Stattdessen wird so getan, als ob der Verlust ein Bruch des Völkerrechts wäre, sodass sogar die Bundesregierung in eine Kernkompetenz der Stadtregierung eingreifen darf – eine seltsame Rechtsmeinung, die Gernot Blümel und Heinz-Christian Strache nun mit Gusto gegen das rot-grüne Wien verwenden. Und statt sich zu wehren, zieht die SPÖ den Schwanz ein. Nur kein Risiko vor der Wien-Wahl, lautet die Devise.

Der Stadtteil rund um den Eislaufverein dümpelt inzwischen vor sich hin. Seriöse Investoren müssen sich fragen, wie es um die Rechtssicherheit und die Handschlagqualität der Stadt steht. Die Einzigen, die auch in Zukunft Großprojekte wagen werden, sind Spielertypen wie Tojner. Er kann es sich leisten, beim Heumarkt Geld zu verlieren. Die Wiener zahlen dafür einen viel höheren Preis. (Eric Frey, 18.3.2019)

  • Der Stadtteil rund um den Eislaufverein dümpelt vor sich hin.
    foto: ayham youssef

    Der Stadtteil rund um den Eislaufverein dümpelt vor sich hin.

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