Bresnik: "Er hat sich selbst aus dem Sumpf gezogen"

    Interview18. März 2019, 16:11
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    Der Coach streut seinem Schützling Dominic Thiem nach dem Triumph in Indian Wells Rosen: "Es gibt niemanden, der Vorhand, Rückhand und Aufschlag so schnell spielen kann"

    STANDARD: Dominic Thiem hatte in dieser Saison bisher kaum Erfolgserlebnisse. Wie erklären Sie sich den Turniersieg in Indian Wells?

    Bresnik: Er war in Australien nicht gesund, hatte großen Trainingsrückstand. Die Laune war im Keller. Er hat länger als einen Monat gebraucht, um sich wieder in Topform zu bringen. In den zwei Wochen vor Indian Wells wurde intensiv an der Kondition gearbeitet, er hat viele Bälle geschlagen. Die Auslosung in den ersten Runden war günstig, dann hat er sich mit den Gegnern gesteigert. Was er gegen Milos Raonic und Roger Federer gezeigt hat, war Tennis vom Feinsten.

    STANDARD: Was bedeutet der erste Titel bei einem Masters-1000-Turnier für seine Karriere?

    Bresnik: Seine Ausbeute bei Turnieren dieser Größenordnung war in den vergangenen Jahren ausbaufähig. Der jetzige Triumph ist ein Meilenstein. Pragmatisch betrachtet bringt ein Finale in Roland Garros mehr Punkte. Trotzdem fühlt sich ein Turniersieg in Indian Wells besser an. Man verlässt den Spielort mit einer weißen Weste, bleibt makellos. Dominic hat sich in dieser Woche selbst aus dem Sumpf gezogen, das ist eine unglaubliche Befriedigung.

    STANDARD: Welchen Einfluss hat die Zusammenarbeit mit dem neuen Touringcoach Nicolas Massu?

    Bresnik: Er ist ein extrem positiver Zeitgenosse, ein Tennisfanatiker mit Temperament. Er ist nicht der Oberlehrer, der alles doziert. In gewissen Dingen ist er bestimmt umgänglicher und praktischer als ich, ein guter Einfluss. Als Olympiasieger kann er mit dem ganzen Theater gut umgehen. Er ist momentan der optimale Partner, der perfekte Touringcoach. Die Harmonie bei der Zusammenarbeit ist gegeben.

    STANDARD: Hätten Sie den ersten Turniersieg auf diesem Niveau eher auf Sand erwartet?

    Bresnik: Ich wehre mich seit Jahren dagegen, Dominic als Sandplatzspezialisten zu bezeichnen. Ihn auf einen Belag zu reduzieren ist absurd. Er spielt auf Hartplatz nicht weniger gut als auf Sand, auch wenn er dort die meisten Erfolge gefeiert hat. In Bestform hätte er im November auch das Indoor Paris Masters gewinnen können. Man kann ihm auf jedem Belag etwas zutrauen.

    STANDARD: In der Tat hat er Federer bereits auf Hartplatz, Rasen und Sand geschlagen. Im direkten Duell führt Thiem mit 3:2. Liegt ihm der Schweizer?

    Bresnik: Man sollte nicht übertreiben. Federer ist kein Spieler, der einem liegen könnte. Ich hatte am Sonntag aber das Gefühl, dass Dominic von der Grundlinie der Bessere ist. Auch die Aufschläge kamen verlässlich. Und das waren nicht nur Einwürfe. Da war Tempo dahinter, noch dazu intelligent gespielt. Da gibt es wenig bis nichts auszusetzen. Dominic hat ein super Gesamtpaket. Es gibt niemanden, der Vorhand, Rückhand und Aufschlag so schnell spielen kann.

    STANDARD: Trotzdem kritisieren manche Beobachter die mangelnde Konstanz seiner Leistungen. Zu Recht?

    Bresnik: Er hat zwischendurch Wochen, in denen es weniger gut läuft. Dafür gibt es aber zumeist eine Erklärung. Von der Klasse eines Thiem gibt es keine fünf Spieler auf der Welt. Da kann jeder Gegner in Schwierigkeiten geraten. Er ist seit drei Jahren in den Top Ten. Er kann auf allen Belägen Turniere gewinnen, er kann jeden großen Spieler schlagen. Was will man noch? Ja, mir wäre auch am liebsten, wenn er alle vier Grand-Slam-Turniere in einem Jahr gewinnen würde.

    STANDARD: Kann man mit den Punkten von Indian Wells nun entspannter in die restliche Saison gehen?

    Bresnik: Es ist gut, 1.000 Punkte in der Tasche zu haben, keine Frage. Es ist schön, in der Weltrangliste wieder ganz vorne dabei zu sein. Selbstvertrauen kommt durch Leistung und nicht Leistung durch Selbstvertrauen. Ich hoffe, dass ihm der ganze Sport in den nächsten Wochen leichter von der Hand geht. Garantien gibt es aber keine. Bei jedem Turnier muss man wieder bei null anfangen.

    STANDARD: Sie haben im Endspiel bei Servus TV den Co-Kommentator gegeben. Ein Engagement mit Zukunft?

    Bresnik: Es macht Spaß. Ich sehe Dominic gerne zu. Und ich bin froh, dass Servus TV den Aufwand betreibt, um Tennis jenseits von Bezahlsendern zu transportieren. Wenn man das nicht unterstützt, ist man eigentlich ein Trottel. (Philip Bauer, 18.3.2019)

    Günter Bresnik (57) ist Dominic Thiems Coach seit dessen achtem Lebensjahr. Er betreibt in der Südstadt eine Tennisakademie.

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    • Günter Bresnik: "Von der Klasse eines Thiem gibt es keine fünf Spieler auf der Welt."
      foto: apa/barbara gindl

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    • Dominic Thiem im Sonnenuntergang. Pokal inklusive.
      foto: apa/ap photo/mark j. terrill

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