Mörder von Christchurch schickte "Manifest" an Premierministerin

    17. März 2019, 11:27
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    Der mutmaßliche Mörder von 50 Menschen hatte seine Hassschrift auch an Jacinda Ardern geschickt – nur Minuten vor den tödlichen Schüssen

    "Ich war eine von mehr als 30 Empfängern des Manifests, das neun Minuten vor Beginn der Attacke über Email gesendet wurde", so Jacinda Ardern am Wochenende. Die E-Mail habe keine Ortsangabe erhalten, keine Einzelheiten. Die Zuschrift sei umgehend an Sicherheitsdienste weitergeleitet worden.

    Ardern sprach, nachdem sie am Sonntag in der Kilbirnie Moschee in Wellington Blumen niedergelegt hatte. Sei habe einige Elemente des Manifests gelesen, das der mutmaßliche Täter geschrieben hatte. In der 74 Seiten starken Schrift bezeichnet sich der gebürtige Australier Brenton T. als weißen Nationalisten, der Einwanderer hasse. Immigranten bezeichnet er als "Invasoren". Er warnt mehrfach, europäisch stämmige Menschen mit christlichem Glauben würden ihren Platz an Muslime verlieren. Auch erklärte er, dass er keiner bestimmten Organisation angehöre und die Attacken in Christchurch in den vergangenen drei Monaten geplant habe.

    foto: reuters
    Premierministerin Jacinda Ardern besucht Vertreter der muslimischen Community in Christchurch.

    Bereits am Samstagmorgen Ortszeit war Tarrent dem Richter vorgeführt worden. Der 28-Jährige wurde offiziell des Mordes angeklagt. Er verzichtete darauf, dass sein Name geheim gehalten wird. Eine Entlassung auf Bewährung beantragte er nicht. Am 5. April muss er erneut vor dem Gericht erscheinen.

    Die Polizei bestätigte inzwischen, dass die Zahl der Todesopfer auf 50 gestiegen sei. Der Australier soll sie am Freitag in zwei Moscheen in Christchurch erschossen haben. Unter ihnen sind auch Kinder. Das jüngste Todesopfer war zwei Jahre alt, das älteste 60. 34 weitere Gläubige befanden sich am Sonntagabend Ortszeit noch in Krankenhäusern. T. hatte seinen Amoklauf gefilmt und live im Internet gezeigt.

    Fünf Waffen

    In Christchurch herrschte auch am Sonntag eine gedämpfte Stimmung. Viele Bewohner stellten sich die Frage, was den Täter dazu veranlasst hatte, aus seinem Wohnort Dunedin 350 Kilometer nördlich zu fahren, um in der "englischsten Stadt außerhalb Englands" seine Verbrechen zu begehen. Christchurch – benannt nach Christ Church in Oxford – gilt mit ihren Gärten und einer gotischen Architektur als ruhige, und gerade für jüngere Besucher gelegentlich fast langweilige Stadt. Ihr Zentrum war dominiert von einer eindrücklichen Kathedrale, die nach einem verheerenden Erdbeben 2011 abgerissen werden musste. Zwischen einem und zwei Prozent der Einwohner Christchurchs sind islamischem Glauben.

    Der mutmaßliche Amokläufer war nur 36 Minuten nach dem ersten Alarm von der Polizei festgenommen worden, so die Polizei. Er habe fünf Waffen bei sich, darunter zwei halbautomatische und zwei umgebaute Gewehre. Der Täter sei unterwegs gewesen, um weitere Menschen zu ermorden, so Ardern. "Er hatte absolut die Absicht, seine Attacke fortzuführen".

    "Allein anhand der Tatsache, dass dieser Mensch einen Waffenschein bekam und Waffen dieses Kalibers kaufen konnte, werden viele Menschen Änderungen verlangen. Ich werde mich dafür einsetzen", meinte Ardern am Wochenende. Die Ausstellung von T.‘s Lizenz müsse zwar noch von den Behörden geprüft werden, "aber eines kann ich jetzt schon sagen: unsere Waffengesetze werden geändert".

    Neuseeland könnte ein ähnliches Modell erwägen, wie es das Nachbarland Australien nach einem Amoklauf im Jahr 1996 eingeführt hatte. Seit der Ermordung von 35 Menschen durch einen Einzeltäter auf der Insel Tasmanien dürfen Australier keine halbautomatischen Gewehre mehr besitzen, die einem Kriminellen erlauben, in schneller Folge eine große Zahl von Geschossen abzufeuern. Selbst Einzelfeuerwaffen können nur mit unter strikten Bedingungen erworben werden. Seit der Einführung dieser Maßnahmen ist es in Australien zu keinen Massenerschießungen mehr gekommen.

    foto: afp/bradley

    Die Bevölkerung von Christchurch legte an beiden Tatorten Blumen nieder. "Neuseeland ist in Trauer vereint", so Ardern gegenüber den Medien. Vielerorts kam es auch am Sonntag zu spontanen Kundgebungen der Solidarität mit Muslimen. Fremde Menschen umarmten sich gegenseitig und spendeten sich Trost. Am Samstag hatte Ardern die islamische Gemeinde in Christchurch besucht. Sie versprach Soforthilfe bei der Beerdigung der Opfer sowie Unterstützung für Überlebende. Angehörige zeigten sich am Sonntag frustriert darüber, dass sie die Opfer noch nicht beerdigen konnten. Die islamische Lehre sieht vor, dass Tote so rasch als möglich bestattet werden; in der Regel nicht später als 24 Stunden nach dem Ableben. Laut dem zuständigen Polizeikommandanten, Mike Bush, arbeiteten Forensikexperten und Pathologen "rund um die Uhr" daran, an den Leichen mögliches Beweismaterial zu sichern. "Wie müssen die Todesursache feststellen", so der Beamte. Die ersten Opfer sollten am Sonntagabend Ortszeit den Angehörigen übergeben werden.

    foto: afp/david moir
    Landesweite Trauer am Samstag.

    In der australischen Stadt Gosford, wo T. aufgewachsen war, herrschte am Wochenende ungläubiges Entsetzen. Der mutmaßliche Massenmörder war dort in einer Arbeiterfamilie groß geworden. Er sei ein unauffälliger und generell angenehmer Mitschüler gewesen, so einige seiner ehemaligen Klassenkameraden gegenüber dem australischen Fernsehen. Später arbeitete T. als Fitness-Trainer. Laut seiner ehemaligen Chefin im Fitness-Club, Tracey Gray, war ihr Mitarbeiter "sehr professionell und zuverlässig – ein sehr guter Trainer".

    Reisen auch nach Nordkorea

    Ausgedehnte Reisen nach Europa und Asien könnten T. radikalisiert haben, spekulierten Beobachter. So befand er sich unter anderem in Serbien, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina und Nordkorea. Laut der Tageszeitung The Australian soll T. schon 2011 im Internet Andeutungen über seine Gesinnung gemacht haben: "Ich bin ein Monster der Willenskraft. Ich brauche nur ein Ziel", so der spätere mutmaßliche Massenmörder. Dass sich T. rechtsextremem Gedankengut verschrieben hatte, wurde auch im Video ersichtlich, das der Täter mit Hilfe einer auf seinem Helm montierten Kamera gedreht und ins Internet gestellt hatte. Darin sind verschiedene rassistische Parolen und Symbole zu sehen, die T. auf seine Waffen gemalt hatte. Eines von T.’s Vorbilder scheint Donald Trump zu sein. Der amerikanische Präsident sei für ihn "das Symbol einer erneuerten weißen Identität", schreibt er im Manifest. (Urs Wälterlin, 17.3. 2019)

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