Livestream von Attentat in Christchurch bringt Facebook und Co in Bedrängnis

    15. März 2019, 19:27
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    Kritik an IT-Riesen für fehlende Initiative – Kopien des Videos wurden noch Stunden nach der Tat verbreitet

    49 Menschen kamen bei einem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch ums Leben. Ein Gewaltakt, der nun auch mehrere US-IT-Riesen erneut ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Denn der Täter, es soll sich um einen australischen Staatsbürger handeln, hatte das Internet an seinem Terror teilhaben lassen, per Liveübertragung mit Helmkamera auf Facebook.

    Zahlreiche Nutzer machten das soziale Netzwerk auf den Livestream aufmerksam. Knapp 17 Minuten nach dem Beginn sei die Übertragung schließlich von Moderatoren gestoppt worden, berichtet CNN. Man habe umgehend auf die Meldung durch die Polizei reagiert, erklärt dazu eine für Neuseeland zuständige Managerin des Unternehmens. Dabei seien auch die Konten des Täters auf Facebook, Instagram und Whatsapp gelöscht worden.

    Video taucht immer wieder auf

    Damit war der Online-Spuk allerdings nicht vorbei. Denn einige Zuseher hatten den Stream aufgezeichnet und begannen danach, die Aufnahmen erneut zu verbreiten. Selbst Stunden später soll der Mitschnitt des Attentats immer wieder auf Facebook, Youtube und Twitter aufgetaucht sein.

    Bei der Youtube-Mutterfirma Google erklärte man, gewalttätige und schockierende Inhalte zu entfernen, sobald man darauf aufmerksam gemacht würde. Twitter gibt an, in Zusammenhang mit dem Video ein Konto gesperrt zu haben und Maßnahmen zu setzen, damit der Clip nicht mehr verbreitet werden kann.

    "Sie sehen es nicht als Priorität"

    Dass das Video trotzdem immer wieder auftaucht, sorgt für Ärger. Eine Beraterin des Counter Extremism Project wirft den Firmen mangelnde Initiative vor. "Sie sehen es nicht als Priorität. Sie ringen die Hände und sagen, es ist furchtbar. Doch was sie nicht tun, ist zu verhindern, dass diese Aufnahmen wieder auftauchen", sagt Lucinda Creighton.

    Während es technisch tatsächlich schwierig ist, den Start eines solchen Livestreams zu erkennen oder solche Gewalt automatisch zu identifizieren, gestaltet sich das Erfassen von neu hochgeladenen Inhalten einfacher. Grundsätzlich können die Unternehmen eine Art digitalen "Fingerabdruck" für so ein Video erzeugen, und neue Clips mit gleichem Abdruck sperren. Ein System dieser Art, Content ID, hat Youtube etwa bereits im Einsatz, um Videos und Musik automatisiert auf Copyrightverstöße zu prüfen. Allerdings greift der Mechanismus am Besten bei Kopien des jeweiligen Inhalts, mit Veränderungen kann er auch recht einfach umgangen werden.

    Nachahmungs-Gefahr

    Der Antiterror-Experte John Battersby von der in Neuseeland angesiedelten Massey University gibt sozialen Medien die Mitschuld an solchen Attentaten. Die geografisch bedingte Isolation des Landes habe dazu beigetragen, dass es bisher keine Anschläge größeren Ausmaßes gegeben hat. Das habe sich durch Facebook und Co. geändert.

    Zahlreiche Nutzer, die dem Livestream zusahen, hätten den Täter angefeuert, viele von ihnen dürften gar keine Neuseeländer gewesen sein. Ein für CNN tätiger Analyst und ehemaliger FBI-Ermittler warnt davor, dass die Liveübertragung und Verbreitung der Aufzeichnung zu Nachahmungstaten inspirieren könnten.

    Wieder 8Chan

    Die Aufmerksamkeit dürfte sich aber auch auf die Seite 8Chan richten, zumal laut Bellingcat hier der Attentäter von Christchurch seine Angriffe angekündigt und sein Manifest zuerst veröffentlicht haben soll. Das Onlineforum wird nur minimal von den Betreibern selbst moderiert, die Pflege der einzelnen Foren deren Gründern überlassen. Die Plattform gilt einerseits als ein kreativer Quell der Netzkultur, wurde aber auch schon als "Jauchegrube des Internets" bezeichnet, zumal dort auch radikale Inhalte aller Art ungehindert geteilt werden.

    Diverse Hasskampagnen sind bereits von dort ausgegangen, eine tragende Rolle soll es auch bei "Gamergate" gespielt haben. Unter diesem Begriff versammelten sich Nutzer, die gegen Unehrlichkeit in der Spieleberichterstattung protestieren wollten, jedoch ging das Anliegen schnell in einer Welle an oft gegen weibliche Journalisten und Entwickler gerichteten Drohungen und Hassbotschaften unter.

    Der mutmaßliche Täter von Christchurch sitzt in Haft, ein Prozess wegen mehrfacher Morde wurde bereits eingeleitet. Ebenfalls festgenommen wurden drei weitere Personen, die in Zusammenhang mit dem Attentat stehen könnten. (gpi, 15.03.2019)

    Update, 20:40 Uhr: Erklärung bezüglich digitalem Fingerabdruck von Mediendateien präzisiert.

    • Fotos eines Einsatzes nahe der Linwood-Moschee in Christchurch.
      foto: reuters

      Fotos eines Einsatzes nahe der Linwood-Moschee in Christchurch.

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