Zentralafrikanische Republik: Zu wenige Opfer für das Rampenlicht

    17. März 2019, 12:00
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    Seit 2012 eskaliert die Gewalt erneut. Nicht einmal UN-Blauhelme können die Menschen beschützen

    Plötzlich standen 10.000 Menschen vor dem Krankenhaus. Zuvor waren bewaffnete Kämpfer in die Lager der Binnenflüchtlinge eingedrungen und hatten fast alle Hütten in Brand gesetzt. Anschließend plünderten sie, was noch übrig war. Innerhalb von sechs Tagen starben 15 Menschen und rund 20.000 wurden aus ihren Häusern vertrieben. Die zentralafrikanische Stadt Batangafo im Westen des Landes zählte zuvor 30.000 Einwohner.

    Die bewaffneten Männer griffen am 31. Oktober des Vorjahres an. Direkt vor den Augen der dort stationierten UN-Soldaten, die im Rahmen der sogenannten Minusca-Mission im Land sind.

    grafik: standard
    Die Zentralafrikanische Republik ist umgeben von vernachlässigten Krisen.

    Angriffe auf Muslime

    "Die Soldaten konnten die Angreifer nicht stoppen", erzählt Omar Ahmed Abenza im Gespräch mit dem STANDARD. Abenza ist der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen (MSF), die gemeinsam mit der Regierung das Krankenhaus in Batangafo betreiben. In einem vor kurzem veröffentlichten Bericht prangert die Hilfsorganisation das Versagen der Blauhelme an, das sich immer wieder in der Zentralafrikanischen Republik zeigt.

    In dem Land inmitten Afrikas eskaliert seit dem Jahr 2012 die Gewalt. Damals griffen muslimische Rebellengruppen unter dem Namen Séléka Städte und Dörfer im Norden des Staates an. Schließlich stürmten sie auch die Hauptstadt Bangui und stürzten den damaligen Präsidenten Francois Bozizé. Als Reaktion formierten sich christliche Rebellen unter dem Namen Anti-Balaka. Sie stammten aus den Selbstverteidigungsgruppen, die bereits unter Bozizé existierten. Das Ziel ihrer Angriffe: Angehörige der muslimischen Minderheit im Land und in weiterer Folge auch Christen, denen sie eine Zusammenarbeit mit den Séléka oder ihren muslimischen Nachbarn vorwarfen.

    12.870 Uniformierte im Land

    Im Jahr darauf schaltete sich die ehemalige Besatzungsnation Frankreich ein und entsendete im Rahmen der Friedensmission der Afrikanischen Union Soldaten. Seit April 2014 sollen 12.870 Uniformierte im Rahmen der Minusca-Mission für Stabilität und Frieden sorgen.

    Die Soldaten stammen vor allem aus Ruanda, Pakistan, Ägypten und Bangladesch. Wobei die Bevölkerung vor allem den pakistanischen Blauhelmen vorwirft, dass sie nicht neutral agieren. Aufgrund ihres mehrheitlich muslimischen Glaubens stünden sie den Ex-Séléka nahe. Oftmals nährt auch die Sprachbarriere zwischen Soldaten und Einwohnern diese Vorbehalte.

    foto: afp photo / alexis huguet
    Nicht immer können die UN-Blauhelme mit der Bevölkerung kommunizieren.

    Genozid als Schlagwort

    Während der Anfangsphase der Gewalteskalation richtete sich zumindest kurzzeitig die Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung auf die Zentralafrikanische Republik. "Man befürchtete einen Genozid im Land", erinnert sich Lewis Mudge von Human Rights Watch im Gespräch mit dem STANDARD.

    Doch seitdem schrieben die Journalisten der nicht frankophonen Medien wenig über die Krise. "Die Menschen haben den Eindruck, dass die Zentralafrikanische Republik verloren ist, ein gescheiterter Staat", sagt Mudge.

    foto: afp photo / edouard dropsy
    Tausende Menschen leben in der Zentralafrikanischen Republik in Flüchtlingslagern.

    620.000 Binnenflüchtlinge

    Laut Schätzungen der Vereinten Nationen benötigen bis zu 2,1 Millionen der 5,7 Millionen Zentralafrikaner humanitäre Hilfe. 62 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Noch immer sind mehr als 620.000 Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Zu wenig, um die Augen der Welt wieder auf das Leid zu richten, ist sich Abenza von MSF sicher: "Wenn man bedenkt, dass in Äthiopien im Monat bis zu eine Million Menschen aus ihren Häusern fliehen, sind die Zahlen zu gering."

    Im Vorjahr sammelten laut dem Financial Tracking Service des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) die Behörden und Hilfsorganisationen nur knapp die Hälfte der benötigten Gelder. Heuer fehlen noch 89,4 Prozent der Spenden für die Hilfe vor Ort.

    foto: reuters/mohamed nureldin abdallah/file photo
    Zentralafrikas Präsident Faustin Archange Touadera unterzeichnet den Friedensvertrag in Khartoum.

    Zweifel am Friedensvertrag

    Hoffnungen auf ein Ende der Gewalt im Land nährte die Unterzeichnung des Friedensvertrags im Februar im Sudan. Es ist der achte Versuch, einen Waffenstillstand zwischen Regierungstruppen, Anti-Balaka und Ex-Sénéka zu schließen. Vor zwei Jahren hielt ein Übereinkommen, das auf die Initiative der katholischen Kirche zurückging, gerade einmal wenige Stunden. Doch diesmal sprachen die Rebellenvertreter zum ersten Mal direkt mit den Regierungsverantwortlichen. Letztere erfüllten bereits die Vereinbarung, dass die bewaffneten Gruppierungen Ministerposten erhalten. Auch wenn sich manche Anführer kritisch äußern, dass weiterhin die alten Minister die Schlüsselministerien innehaben.

    Ob der Friedensvertrag tatsächlich hält, könnte erst die Zeit weisen, sind sich Abenza von MSF und Mudge von Human Rights Watch einig: "Was hätten die Rebellen davon, wenn sie sich daran hielten?", fragt Mudge rhetorisch. Immerhin kontrollieren die bewaffneten Gruppen 80 Prozent des Staatsgebiets und somit auch große Vorkommen an natürlichen Ressourcen wie Diamanten, Gold oder Uran.

    Als tatsächliche Chance auf Gerechtigkeit für die Bevölkerung sieht Mudge die Schaffung des speziellen Strafgerichtshofs, der gegen die Verbrechen der bewaffneten Rebellen vorgehen soll. Im Unterschied zum Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag liege der zentralafrikanische nahe der Hauptstadt Bangui und hätte das Mandat, mehr Verhaftungen durchzuführen. "Das ist eine Botschaft an die bewaffneten Gruppen, dass die Straffreiheit ein Ende hat."

    foto: koen van well/pool photo via ap
    Patrice-Edouard Ngaissona muss sich in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten.

    Gerechtigkeit in Den Haag

    Doch auch der Internationale Strafgerichtshof (ICC) will die Verbrechen der Vergangenheit aufarbeiten. Gleich zwei Untersuchungen laufen derzeit in Den Haag: CAR I und CAR II. In der ersten geht es um die Jahre 2002 und 2003, als der damalige Armeechef Francois Bozize den Präsidenten Ange-Félix Patassé mit Gewalt aus dem Amt putschte und sich selbst zum Präsidenten ernannte.

    "Das ist das erste Mal, dass der Chefankläger eine Untersuchung eröffnet, bei der die Anschuldigungen von sexuellen Verbrechen die der mutmaßlichen Tötungen übertreffen", heißt es vonseiten des ICC. Die zweite Untersuchung beschäftigt sich mit Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit dem Jahr 2012. In dem Zusammenhang verhafteten die Behörden in Frankreich im Dezember einen hochrangigen Anti-Balaka-Mann. Patrice-Edouard Ngaissona soll gemordet, Menschen deportiert und gefoltert haben. Er galt lange Zeit als unantastbar, weil er eine hohe Position im afrikanischen Fußballverband innehatte. (Bianca Blei, 17.3.2019)

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