Anschlag in Christchurch: Moralische Verantwortung

Kommentar15. März 2019, 15:24
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Die rassistischen Ansichten des mutmaßlichen Täters von Christchurch reichen erschreckend weit in den Mainstream hinein

Die Geburtenraten, die Geburtenraten, die Geburtenraten. Das Manifest jenes Australiers, der am Freitag aufgrund rassistischer Motive dutzende Musliminnen und Muslime in Moscheen im neuseeländischen Christchurch tötete, greift einen Diskurs auf, der auch in vielen europäischen Ländern mittlerweile als normal wahrgenommen wird – die Angst, von einem "anderen Volk", einer "anderen Rasse" verdrängt zu werden. Für den sich selbst als "weißen Europäer" bezeichnenden mutmaßlichen Täter sind Muslime "Invasoren" aus einer "Kultur mit höherer Geburtenrate", die sein "eigenes Volk ethnisch ersetzen" wollen. In Großbuchstaben beklagt er "WHITE GENOCIDE" (Genozid an Weißen).

Seine Verschwörungstheorien und Feindbildkonstruktionen sind in rechten Kreisen weit verbreitet und reichen mittlerweile in den Mainstream hinein. Er bringt seine Unterstützung für Donald Trump zum Ausdruck und nennt die rechtsextremen und rassistischen Massenmörder Anders Breivik und Dylan Roof als Inspiration. Sein Manifest trägt den Titel "Der große Austausch" – ein Konzept, das in den vergangenen Jahren vor allem von der Neuen Rechten und der Identitären Bewegung propagiert wurde. "Feindliche Übernahme" heißt auch das jüngste Werk des umstrittenen deutschen Bestsellerautors Thilo Sarrazin. Ähnliche Positionen vertreten auch etablierte rechte Parteien, die teils sogar Regierungsverantwortung tragen.

All die Menschen, die er in seinem Manifest nennt oder zu dessen Ansichten und Aussagen sich Parallelen herleiten lassen, tragen natürlich keine unmittelbare Schuld an dem Anschlag. Ihre Rhetorik nährt aber genau jene irrationalen Ängste, die ihn offenbar zu dem Angriff bewegt haben. Sie müssen aufpassen, wie ihre Worte wirken und wozu sie verleiten können. Das betrifft auch jene, die solche Positionen unter dem Deckmantel der "Meinungsfreiheit" salonfähig machen. (Noura Maan, 15.3.2019)

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