Häuslbauer und die große Angst vor der Sanierung

    16. März 2019, 10:00
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    Ein altes Haus zu sanieren ist teuer und unkalkulierbar – das glauben viele Häuslbauer und entscheiden sich für einen Neubau auf der grünen Wiese

    Verlassen, heruntergekommen, mit verschlagenen Fenstern und Türen – viele leerstehende Häuser haben ihre besten Zeiten hinter sich. Vor allem in Ortskernen sind unbewohnte Bauten ein trostloser Anblick und den restliche Bewohnern ein Dorn im Auge. So ist es in vielen Städten in Österreich, aber auch im deutschen Villmar. In der 7000-Einwohner-Stadt in Mittelhessen stehen im Ortszentrum 43 Häuser leer. Die Bewohner sind damit unzufrieden, weil die Stadt vom Tourismus lebt und die verlassenen Gebäude neben den altehrwürdigen Fachwerkhäusern schäbig aussehen, das hat Magdalena Leyser-Droste, Architektin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Aachen, in einer Forschungsarbeit herausgefunden, DER STANDARD hat berichtet.

    Also was tun? Wiederbeleben und sanieren – daran hat auch Leyser-Droste gedacht. Sie hat zukünftige Häuslbauer aus Villmar befragt, warum sie denn nicht ein altes Haus kaufen und renovieren, anstatt ein neues auf der grünen Wiese zu bauen. Die Antworten hätten deutlicher nicht sein können. Für 70 Prozent der Befragten ist eine Renovierung unvorstellbar. "Sie haben Angst, dass eine Sanierung unkalkulierbar ist", so die Architektin

    Genau diese Furcht kennt Architektin Andrea Kraft von der Energieberatung Niederösterreich auch von Häuslbauern hierzulande. "Die Sanierungsrate ist leider viel niedriger, als wir uns das wünschen würden. Es ist wie mit einem kaputten Handy. Die meisten Menschen kaufen sich einfach ein neues, anstatt das alte reparieren zu lassen, weil das oft mehr Aufwand ist", so Kraft. Hinzu komme, dass viele nicht wissen, wie sie eine Sanierung angehen sollen.

    Fahrplan erstellen

    Hilfe gibt es etwa bei der Energieberatung, dort wird gemeinsam ein Fahrplan erstellt, um die Sanierung so effizient wie möglich zu machen, so Kraft. Sie hat selbst ein altes Haus renoviert und ist sich sicher: "Den meisten Menschen sind die Vorteile einer Sanierung gar nicht bewusst." So könne man etwa schon im Haus wohnen, während die Arbeiten noch laufen, man kenne – anders als im Neubaugebiet – seine Nachbarn schon vorher und erspare sich das Anlegen eines Gartens. Hinzu kommt, dass die Lage von älteren Häusern oft besser, der Ortskern also häufig fußläufig erreichbar ist.

    Zwar sei eine Sanierung nicht per se günstiger als ein Neubau, "wird aber ein Planer oder Sachverständiger hinzugezogen und mittels Bohrung die Substanz überprüft, sind die Kosten auf den Quadratmeter sehr gut einschätzbar", so Kraft. In der Bevölkerung ist diese Info aber noch nicht angekommen. Bisher saniere nur, wer ein Haus geerbt, Expertise im Baubereich hat oder keinen passenden Bauplatz für einen Neubau findet, sagt Kraft.

    Ein Hebel, der die Sanierungsrate anheben soll, sind staatliche Förderungen. Auch Architektin Leyser-Droste, die deutsche Häuslbauer aus Villmar befragt hat, kommt zu dem Schluss: "Es bräuchte ein Paket, das Sanierern Kostensicherheit gibt. So könnte man mehr von ihnen in den Ortskern locken."

    Neuerschließungen auf der grünen Wiese sind teuer. Kanal, Strom, Gas und Wasser müssen neu verlegt werden. Thomas Dillinger vom Institut für Raumplanung der TU Wien schlägt vor: "Gemeinden könnten sich überlegen, wie viel eine Neuerschließung kostet, und den Betrag in die Aufwertung bestehender Häuser investieren, dass diese für Renovierungen interessanter werden." Zudem, glaubt Dillinger, sollte die Wohnbauförderung differenziert werden: "Wer im Bestand baut, sollte mehr Geld bekommen."

    Geld für Nachverdichtung

    Erste Ansätze in diese Richtung gibt es schon. So spielt etwa die Lage für die Förderung in Niederösterreich eine Rolle, was den Altbestand tendenziell begünstigt. Auch wird höher gefördert, wenn nachverdichtet oder ein Gebäude kompakt errichtet wird – Maßnahmen für weniger Flächenverbrauch. Hinzu kommt bei Neubau und Sanierung: je nachhaltiger, desto höher die Förderung. Der größte Vorteil, so Kraft: "Bei Sanierungen ist kein Einkommensnachweis notwendig."

    Maximal gibt es in Niederösterreich für eine Sanierung 500 Euro pro Quadratmeter Wohnnutzfläche bei 130 Quadratmetern. In anderen Bundesländern gibt es ähnliche Modelle, hinzu kommen Bundesförderungen. Alles in allem eigentlich kein Grund, sich vor einer Sanierung zu fürchten. (Bernadette Redl, 16.3.2019)

    • Förderungen sollen Anreize für Sanierungen setzen. Dennoch trauen sich viele nicht und "kaufen neu, statt reparieren zu lassen", so eine Expertin.
      foto: istock

      Förderungen sollen Anreize für Sanierungen setzen. Dennoch trauen sich viele nicht und "kaufen neu, statt reparieren zu lassen", so eine Expertin.

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