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20. März 2019, 12:00

If you see something, do something – Zsuzsi Vécsei nimmt diesen Aufruf zum zivilen Engagement gegen öffentliche Unordnung in den USA wörtlich, allerdings umgedeutet zur künstlerischen Intervention bei der abgeschlossenen Elitengesellschaft im Kunstbetrieb. Self-x-hibition nennt sie, was sie tut: Im Guggenheim- und im Metropolitan-Museum, zuletzt auch in der Wiener Secession, im Belvedere, im Lentos: Sie hängt eigene Werke oder Kopien davon zwischen die Exponate der ausgestellten Künstler, involviert die Besucher, verwickelt sie in Diskussionen. Sie fragt: "Ist das Kunst? Ein Übergriff? Ein Verbrechen an der Ausstellung?" Oft geht das einige Stunden, bis die Security einschreitet und die Werke entfernt.

Vergnügt erklärt die zarte, überaus quirlige Frau, die dieser Tage 71 wurde: "Ich störe den Kunstbetrieb, bin subversiv gegenüber dem Kuratorenwesen und der Exklusivität der Kunst, aus der Normalsterbliche ausgeschlossen sind. Partizipation steht zwar in den Vorworten der Kunstkataloge, es stimmt ja aber nie. Ich nehme es wörtlich. Ich ruiniere nicht, mache nichts schmutzig, beschädige nichts. Ich stelle mich dazu, mache mich angreifbar."

Recht banal, das als "mutig" oder "ungewöhnlich" zu beschreiben. Es scheint auch kein besonderes Feature der Persönlichkeit zu sein, sondern aktuelle Ausdrucksform eines roten Fadens, der sich durch ihre gesamte Biografie zieht. Zsuzsi Vécsei ist auch mit über 70 nicht brav geworden.

foto: robert newald
Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin, Malerin. Eine, die keine Ruhe gibt: Zsuzsi Vécsei gegen Altersstereotype.
"Ich bin mit meiner Familie 1956 aus Ungarn nach Österreich gekommen. Als Schulpflichtige habe ich einen Platz in einer katholischen Privatschule bekommen. So kam ich in eine Eliteschule, ohne Elite zu sein. Das war meine erste Form der Integration, passiv – ich wurde integriert. Meine Mutter war selig. Es ging aber nicht so weiter, also den Prinzen habe ich nicht bekommen!
Ich hatte eine schwierige Schullaufbahn, beim Einschreiben in die Maturaschule lernte ich dann meinen Mann kennen, wurde kurz darauf mit 19 schwanger. Wir waren beide nicht großjährig, er wurde großjährig gesprochen, und die Vormundschaft meines Vaters ging direkt auf ihn über. Das war für mich sehr schwierig, ich war überfordert mit einer unvorbereiteten Schwangerschaft, habe bis zu meinem 21. Lebensjahr von der öffentlichen Hand eine recht engmaschige Kontrolle erlebt, die Fürsorge kam alle zwei Wochen kontrollieren. Ich wollte es aber unbedingt schaffen. In dieser Zeit begann auch meine Politisierung. So gesehen habe ich zwar keine Jugend gehabt, aber für meine Entwicklung ist viel Gutes passiert.
Aus dem Dienst gegangen
Wir haben unseren Sohn dann – damals hieß es so – antiautoritär erzogen und die Gruppe Kinderladen mitgegründet. Mein Mann hat studiert, ich habe Studentenjobs gemacht, bei meiner Tante im Gasthaus geholfen. Die Externistenmatura habe ich gemacht, als mein Sohn zehn war. Dann hätte ich so gerne studiert, habe mich aber zu alt gefühlt – also wollte ich etwas Kurzes, das sich finanzieren lässt und mir Spaß macht. Dann habe ich die Sozialakademie absolviert, zuvor noch ein Jahr im Durchgangsheim Rochusgasse für schwererziehbare Mädchen gearbeitet.
foto: robert newald
Ich habe dort ziemlich arge Sachen erlebt – insofern, als die Mädchen dort aufbewahrt wurden und die Regeln sehr streng waren. Die Ausbildung hat mir dann sehr getaugt, es war auch die Zeit des Aufbruchs in Wien, als wir bunten Hunde Sozialarbeiter in die Beamtengehege durften. Es folgten viele Jahre Arbeit in Gefängnissen, in der Individualhilfe, in der Sexualaufklärung an Schulen. Zunehmend aber habe ich unter den engen Grenzen und Regeln des Systems gelitten, ich habe dann quittiert, damit ich nicht Beamtin werde.
Ich wollte frei sein, mich nicht so ducken und brav sein, ich habe das nicht ertragen.
Kurz vor 35 habe ich ein Soziologiestudium begonnen, knapp vor Ende musste ich krankheitsbedingt, und weil es sich finanziell nicht mehr ausging, unterbrechen. Fortbildungen habe ich immer gemacht. Es hat mich immer mehr interessiert, was dahintersteht, warum Menschen so oder so handeln, und so kam ich in die psychotherapeutische Schiene, habe den Abschluss zur analytisch orientierten Psychotherapie gemacht, sozialarbeiterisch und therapeutisch gearbeitet, zum Beispiel in der Entzugsklinik Kalksburg. In Gefängnissen habe ich als sehr frustrierend erlebt, dass Therapie statt Strafe systembedingt nicht gut funktioniert. Ich habe dann meine Praxis eröffnet, sexualtherapeutische Ausbildungen gemacht und dann noch sechs Jahre Gestalttherapie-Ausbildung drangehängt. Ich will ja nicht herumpfuschen, sondern gut ausgebildet sein. Durchgebissen habe ich immer, wenn mir niemand gesagt hat, dass ich muss, sondern es freiwillig war.
foto: robert newald
Ein Jahr habe ich mit der Mitwirkung an dem Flüchtlingsstück "Die Reise" verbracht, ein weiteres Stück folgte. Mit 60, in der Pension, wollte ich unbedingt mein Soziologiestudium abschließen.
Weitermachen? Ja!
Ich wurde auf der Uni gefragt, wozu ich das noch mache, ob sich das noch auszahlt, wo ich ja quasi eh schon zum Sterben bin. Ja, sicher hat mich diese Frage geärgert. Aber mein Studium habe ich fertiggemacht! Ähnliches wurde ich auch gefragt, als ich mich dann in der Wiener Kunstschule eingeschrieben habe: jetzt noch, in dem Alter? Acht von 50 haben ihr Diplom gemacht, ich war eine der acht. Im Zuge des Malens und der Kunst kam es dann zu self-x-hibition. Ich störe namentlich den Kunstbetrieb. Ich darf das, ich bin Künstlerin.
Aus dem Rahmen springen, das gefällt mir eben. Ob ich meine Kunst auch verkaufen will? Selbstverständlich. Die nächste Intervention? Kann ich noch nicht sagen, ich bin immer auf der Suche." (Aufgezeichnet von Karin Bauer, 16.3.2019)