Ungarn wirbt mit Untreue-Meme für Familienwerte

    15. März 2019, 10:29
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    Neue Plakatkampagne zeigt bekanntes Paar, das 2017 mit "Distracted Boyfriend" zum Internetrenner wurde

    "Untreuer Mann mit seiner Freundin schaut einer anderen Frau nach" – mit diesem Titel stattete der Fotograf Antonio Guillem im November 2015 ein Symbolfoto aus, das er über die Bildagentur iStock verkaufte. Dort blieb es dann etwas mehr als ein Jahr weitgehend unbeachtet. Dann landete es, so verrät Know Your Meme, zuerst in einer Facebook-Musikgruppe und in weiterer Folge auf Instagram, wo ein Nutzer dazu aufforderte, Leute aus dem eigenen Bekanntenkreis zu markieren, die sich jeden Monat neu verlieben würden. Heute kennt die Aufnahme jeder als das "Distracted Boyfriend"-Meme.

    Die Entstehungsgeschichte des Bildes müsste man freilich gar nicht kennen, doch wer in den letzten beiden Jahren das Internet genutzt hat, dem kann es jedenfalls kaum entgangen sein. Nicht so bei den Verantwortlichen hinter der neuen Plakatkampagne von Viktor Orbans umstrittener konservativer Fidesz-Partei in Ungarn. Dort lässt man das zum Synonym für Untreue gewordene Pärchen nun auf Plakaten für traditionelle Familienwerte werben.

    Erheiterung

    Wenig überraschend sorgt das für einige Erheiterung bei Nutzern auf sozialen Medien. Man kennt das Pärchen, allerdings nicht unbedingt dafür, wahnsinnig verliebt zu sein, schreibt die Financial Times-Korrespondentin Valerie Hopkins auf Twitter. Ein anderer bastelt aus der Angelegenheit gleich eine eigene Version des "abgelenkten Freunds". Und auch Kritik an ihren autoritären Bestrebungen muss sich Fidesz gefallen lassen.

    Üblicherweise wird das Meme eher in weniger politischem Kontext verwendet. Oft dient es zur Symbolisierung von Verlockungen über deren Problematik man sich eigentlich im Klaren ist. Und natürlich haben auch Firmen das Bild längst für sich entdeckt

    Eiliger Ersatz

    Wer das Foto für die neue Fidesz-Kampagne gewählt hat, ist unklar. Möglicherweise ist eher unpassende Auswahl aber einem gewissen Zeitdruck geschuldet. Denn mit einem Plakat, mit dem die Fidesz den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker und den aus Ungarn stammenden Milliardär George Soros angriff, sorgte man auch für heftige Kritik aus den Reihen der Fraktion der europäischen Konservativen, in der auch die Fidesz Mitglied ist.

    Nachdem man das Sujet zuerst verteidigte und Plakate mit dem sozialdemokratischen Kandidaten Frans Timmermans nachlegen wollte, kündigte man schließlich – wenige Tage vor Auslaufen der ersten Plakatwelle – doch an, ein anderes Thema zu behandeln. (red, 15.03.2019)

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