Die Krisenkolumne: Hygiene dies- und jenseits des Atlantiks

Kolumne16. März 2019, 08:00
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Saubere Amis, dreckige Europäer

In respektvollem Zeitabstand zum Weltfrauentag wärme ich eine Meldung vom Monatsanfang auf, welche zeigt, dass sich Frauen auch nicht immer verhalten wie reinste Lamperln. Grace Hightower, Gattin von Schauspielgenie Robert De Niro, hat vor ihrem Scheidungsverfahren in die US-Öffentlichkeit hinausgegiftelt, dass es der Gemahl mit der Körperhygiene nicht so genau nehme und sie öfters die Fenster öffnen musste, um seinen Geruch auszuhalten.

Schmutzwäsche aus der untersten Lade also und ein schöner Beleg für Shakespeares Behauptung, dass gut gehängt besser ist als schlecht verheiratet. Ob sich die Touristen, wenn in Hollywood dicke Luft herrscht, bereits fragen, ob es von der nächstgelegenen Tierkörperverwertung herzieht oder De Niro einen neuen Film dreht, muss offenbleiben. Die Beschaffenheit des De Niro'schen Odeurs wird sich erst dann abschließend beurteilen lassen, wenn das Geruchskino erfunden ist.

Riechen wie ein Europäer

Möglicherweise wirkt diese schmutzige kleine Scheidungsgeschichte in den USA noch schockierender als auf dem alten Kontinent. Es gibt Indizien, dass Säuberlichkeit im amerikanischen Sozialleben eine dominantere Rolle spielt, vor allem natürlich in der verschüchterten Mittelklasse, die dem Terror des olfaktorischen Entsprechen-Müssens schutzlos ausgeliefert ist.

Der Literaturwissenschafter Paul Fussell, ketzerischer Beobachter amerikanischer Sitten, hat einst die These vertreten, dass, wenn diese Mittelklasse ausstürbe, alle Produzenten von Mundwässern und Deos umgehend ihre Läden zusperren könnten. Die US-Hygieneorthodoxie will es, dass eine tägliche Dusche das absolute Säuberungsminimum ist – obwohl Dermatologen versichern, dass die meisten Hautkrankheiten mit überreichlich Seife und Wasser beginnen.

Als die New York Times vor Jahren einige Nur-dreimal-in-der-Woche-Duscher porträtierte, meinte einer von ihnen, dass ihn ständig Bedenken plagten, er röche "wie ein Europäer".

Da ist was dran. Als Benutzer der Wiener Öffis darf ich versichern, dass man es dort nicht zu knapp mit De-Niro-Smell-Alikes zu tun bekommt. Saubere neue und dreckige alte Welt also. Selbst Donald "Drei-Wetter-Taft" Trump kann man eines nicht vorwerfen: dass er ungewaschen sei. Im Gegenteil. Der Mann wirkt immer wie frisch – wenn auch deutlich zu heiß – gebadet. (Christoph Winder, 16.3.2019)

  • Es gibt Indizien, dass Säuberlichkeit im amerikanischen Sozialleben eine dominantere Rolle spielt.
    foto: apa / dpa / marius becker

    Es gibt Indizien, dass Säuberlichkeit im amerikanischen Sozialleben eine dominantere Rolle spielt.

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