Wie der Mensch zum "f" kam

    Video15. März 2019, 07:00
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    Forscher behaupten, dass sich bestimmte menschliche Laute erst nach der Steinzeit und einer Umstellung der Ernährung ausgebildet haben

    Weltweit werden heute knapp 7.000 verschiedene Sprachen gesprochen. Das Klangspektrum, das Vertreter von Homo sapiens dabei erzeugen können, ist von einzigartiger Vielfalt. Es reicht von allgegenwärtigen Klängen wie "m" und "a" bis hin zu den seltenen Klickkonsonanten in einigen Sprachen des südlichen Afrika.

    Lange wurde in der Forschung davon ausgegangen, dass die gesamte Bandbreite dieser Klänge der menschlichen Sprache parallel zum Aufkommen des Homo sapiens vor gut 100.000 Jahren entstand, mithin also unabhängig von allen Veränderungen in Biologie und der Lebensweise des Menschen nach dieser Zeit.

    Veränderungen der Zahnstellung ...

    Doch diese Annahme scheint nicht ganz richtig zu sein, wie ein Schweizer Forscherteam um Damián Blasi und Balthasar Bickel (Uni Zürich) im Fachblatt "Science" zeigt. Insbesondere labiodentale Laute wie "f" und "v", die mit den oberen Schneidezähnen und der Unterlippe gebildet werden, dürften sich erst nach der Steinzeit und den ernährungsbedingten Veränderungen des menschlichen Bisses etabliert haben. Diese Umstellung, die auf weichere Nahrung zurückgeht, führte zu neuen Klängen in Sprachen auf der ganzen Welt, so die Forscher.

    Dank weicherer Nahrung entwickelten Menschen nach der Steinzeit einen leichten Vorbiss (rechts), was die Bildung labiodentaler Laute (f oder v) im Vergleich zur früheren Zahnstellung (links) erleichterte.

    Tatsächlich wiesen ihre biomechanischen Simulationen darauf hin, dass es beim Übergang von Jägern und Sammlern zu den ersten ansässigen Bauern zu einer leichten Verschiebung der Zähne kam: Es entwickelte sich dank der neuen Verarbeitung von Lebensmitteln (insbesondere durch das Mahlen) ein leichter Vorbiss. Und der wiederum erleichterte die Bildung von Labiodentalen.

    Blasi, Bickel und Kollegen griffen dabei eine Hypothese von Charles Hockett aus dem Jahr 1985 auf, dem dieser Zusammenhang als Erstem auffiel. Für ihre Studie kombinierte das Zürcher Team Methoden der Biomechanik, der Bioakustik, der vergleichenden und der historischen Linguistik, um zunächst zu klären, wie sich Veränderungen der Zahnstellung auf die Lautbildung auswirken. Zudem interessierte sie, ob diese (Zahn-)Umstellung etwas mit veränderter Ernährung nach dem Beginn der Landwirtschaft zu tun hat.

    ... führen zur Zunahme labiodentaler Laute

    Zusätzlich analysierten die Forscher verschiedene Sprachen nach ihrem jeweiligen Alter und der Häufigkeit von Lauten wie "f" und "v".

    Zunahme der Häufigkeit von labiodentalen Lauten in Sprachen der letzten 7.000 Jahre.

    Und auch diese Zusammenhänge belegten eindeutig, dass der Einsatz von labiodentalen Lauten erst in den letzten Jahrtausenden dramatisch zugenommen hat. Diese Ergebnisse würden darauf hindeuten, dass Sprache durch kulturell bedingte Veränderungen in der Humanbiologie stärker geprägt ist als angenommen, so die Forscher resümierend.

    rachel's english
    Zur korrekten f- und v-Bildung im Englischen mit amerikanischem Akzent.

    Der an der Uni Wien tätige Bioakustiker und Biolinguistiker Tecumseh Fitch, der an der Studie nicht beteiligt war, gibt zwar zu bedenken, dass die Untersuchung "unvermeidlicherweise auf etlichen Annahmen und unbekannten Faktoren beruht". Dennoch seien die Ergebnisse durchaus überzeugend und würden die Tür für weitere Studien öffnen. (Klaus Taschwer, 15.3.2019)

    • Typische Mund- und Lippenstellung bei der Artikulation eines Englischen "f".
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      Typische Mund- und Lippenstellung bei der Artikulation eines Englischen "f".

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